28.06.2020 | 16:33 Uhr Zirkusse in Sachsen wegen Coronavirus vor ungewisser Zukunft

Viele Zirkusunternehmen sind durch die Corona-Pandemie in Sachsen gestrandet oder mussten in ihre Winterquartiere zurückkehren. Seit Wochen sind die Manegen verwaist, haben die Zirkusse keinerlei Einnahmen mehr. Trotz Lockerungen der Corona-Regeln bleibt die finanzielle Situation für viele Unternehmen mehr als angespannt. Die Aussicht, im Herbst wieder auf Tour gehen zu können, ist nur für wenige Zirkusfamilien ein echter Hoffnungsschimmer.

Zirkuszelt
In Deutschland sind Zirkusse seit März ohne Einnahmen. Aufgrund der Corona-Pandemie dürfen sie keine Vorstellungen mehr geben. Bildrechte: colourbox

Eigentlich wäre Bernhard Schmidt seit März mit seinem Zirkus Aeros auf Tour. Meißen wäre die erste Station gewesen, anschließend waren Gastspiele in Radebeul, Großenhain und Pirna geplant. Doch das Coronavirus machte die Tour zunichte. Sämtliche Vorstellungen wurden abgesagt, seitdem sitzt Bernhard Schmidt mit seinem Zirkusunternehmen in Röderau, einem Ortsteil von Zeithain, fest. Seitdem hat das in Leipzig gegründete Unternehmen keinerlei Einnahmen mehr.

Gut 45 Kilometer weiter in Richtung Westen sieht es nicht anders aus. Auf der Festwiese in Wurzen ist Zirkusdirektor Gino Lauenburger mit seinem Circus Alexander gestrandet. Aus sechs Wochen Winterquartier in der Ringelnatzstadt sind inzwischen Monate geworden. Nur eine Vorstellung in Delitzsch Anfang März konnte das Familienunternehmen geben, danach war Schluss. Und auch der Zirkus Voyage von Diana Spindler reist seit Monaten nirgendwohin, sondern hat sein Zelt in seinem Winterquartier in Pohritzsch bei Wiedemar aufgeschlagen. Die ganze Tour wurde coronabedingt abgesagt, die Folge: Dem Familienbetrieb fehlen die Einnahmen.

Manege frei für Solidarität

Zwar gab es Soforthilfen vom Bund, aber diese Hilfe reichte nur für eine kurze Zeit. Viele Zirkusfamilien waren und sind zum Teil auf Spenden und Hilfe angewiesen. So wie Aeros-Zirkusdirektor Bernhard Schmidt. Er sei überrascht über die Solidarität der Menschen aus Meißen, Riesa und Großenhain. So etwas habe er noch nie erlebt, so Schmidt.

Wir zum Beispiel hätten es ohne die Mithilfe der Menschen nicht geschafft, wir hätten das Handtuch werfen müssen.

Bernhard Schmidt Direktor Zirkus Aeros

Im Vergleich zu seinem Kollegen Gino Lauenburg vom Circus Alexander hat Schmidt noch Glück. Für sein gepachtetes Winter-, bzw. Coronaquartier auf einem ehemaligen Speditionsgelände in Röderau muss er solange keine Miete bezahlen, bis er wieder in der Lage dazu ist. Trotzdem hat der Zirkus Ausgaben. Wasser, Strom, Futter und der Tierarzt müssen bezahlt werden. Um sich über Wasser zu halten, bietet sein Zirkus ab sofort jedes Wochenende einen Tag der offenen Tür an. Und Spenden seien da gerne gesehen, die auch kommen. "Die Menschen bringen Brot, Sachspenden, Futter und Geldspenden, um unseren Betrieb am Leben zu halten", erzählt der Zirkusdirektor.

Gino Lauenburg vom Circus Alexander hat dagegen noch mehr Kosten. Zwar lässt die Stadt Wurzen seinen Betrieb mit rund 40 Tieren noch bis Ende August auf dem Festplatz, allerdings nicht kostenfrei. Wie Bernhard Schmidt wird er vom Jobcenter unterstützt. Doch die 420 Euro pro Person und Monat sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Das reicht gerade mal für die Menschen, aber nicht für die Tiere.

Gino Lauenburg Circus Alexander

Mittlerweile gehen die Heuvorräte zur Neige, Hilfe sei dringend nötig. "Wir gehen schon an unsere Grenzen, um über den Sommer zu kommen und hoffen im Herbst wieder starten zu können", erklärte Lauenburger MDR SACHSEN.

auf einem Hocker liegt ein schwarzer Hut und danneben steht ein Clown
Seit Monaten sind die Manegen verwaist. Die Zwangspause treibt manches Zirkusunternehmen an den Rand der Existenz. Bildrechte: colourbox.com

Sorge vor unsicherer Zukunft

Alle drei Zirkusdirektoren eint die Sorge, wie es weitergehen und vor allem, wohin es gehen soll. "Ein Zirkus fährt ja nicht auf gut Glück von heute auf morgen los, sondern plant lange im Voraus seine Tournee", fasst Diana Spindler vom Zirkus Voyage die Lage zusammen. Auch wenn man bald wieder auf Tour gehen darf, bleibt eine Frage: Wohin. "Egal ob Zirkus, Puppentheater oder Kirmes, die wollen ja in dem Moment alle auch in einer Stadt sein. Dazu kommt, dass jede Stadt, jede Gemeinde selber über Veranstaltungen entscheiden kann", so Spindler.

Wir haben von Kollegen gehört, dass manche Kommune in diesem Jahr gar keinen Zirkus mehr gastieren lassen will.

Diana Spindler Zirkus Voyage

Und auch wenn ein Zirkus eine Gastspielzusage bekommen würde, ist laut Verband deutscher Circusunternehmen ein kostendeckendes Gastspiel im Hochsommer mit coronabedingten Beschränkungen nicht möglich. Auch die finanziell so wichtigen Weihnachtszirkusse seien noch nicht gesichert und könnten ausfallen. Das würde das Aus für viele Unternehmen bedeuten, ist sich Ralf Hubbertz vom Verband deutscher Circusunternehmen sicher. Auf der Facebook-Seite des Verbandes appellierte der erste Vorsitzende an die Städte und Kommunen, Gastspiele zu unterstützen und den Zirkussen beim Neustart zu helfen.

Man kann nicht so viel zusätzliche KFW-Kredite aufnehmen, um ein ganzes Jahr alle seine laufenden Kredit- und Leasingraten, laufende Versicherungen, Grundstückskosten und Lebensunterhalt für die Familien und Tiere zu finanzieren. Wann soll man das denn jemals zurückzahlen?

Ralf Hubbertz Verband deutscher Circusunternehmen e.V.

Hier müsse die Regierung unbedingt eine bessere Lösung finden, wie auch immer diese aussieht, so Rubbertz weiter.

Zirkuszelt
Das reisende Gewerbe wie Schausteller und Zirkusleute blicken in eine ungewisse Zukunft. Ohne Vorstellungen kein Geld. Ohne Geld kein Überleben. Bildrechte: Colourbox

Quelle: MDR/bb

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - das Sachsenradio | 29.06.2020 | 10:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Leipzig

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