28.03.2020 | 07:00 Uhr Ausnahmezustand Coronakrise: Hilfsangebote für Sachsen gegen häusliche Gewalt

Gewalt in den eigenen vier Wänden: Soziale Isolation und Quarantäne haben in China zur Verdreifachung von häuslicher Gewalt geführt. Auch Spanien und Italien vermelden seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen immer mehr familiäre Gewaltverbrechen. Auch in Sachsen bereiten sich Frauenverbände und Kommunen mit Hilfsangeboten auf eine Ausnahmesituation vor.

Eine Frau versucht sich vor der Gewalt eines Mannes zu schützen.
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Die Straßen sind leer, die Fenster erleuchtet. Seit zwei Wochen gelten bundesweit zunehmende Ausgangsbeschränkungen, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Die Folge: die eigene Familie rund um die Uhr zusammen, 24 Stunden am Tag, Berufliches und Privates vermischen sich, es kommt schnell zu Krisen und Streit: Corona-Realität. Frauenverbände, der Bund Deutscher Kriminalbeamter, und Bundesfamilienministerin Franziska Giffey schlagen Alarm: Die häusliche Gewalt wird zunehmen. Frauen und Kinder, die in Notlagen geraten, brauchen schnell Hilfe - sichere Unterkünfte sind jedoch knapp.

Nachfrage bei Frauenhäusern wird steigen

Amelie Voigt arbeitet im "Autonomen Frauenhaus Leipzig". Der Ort muss zum Schutz der Frauen geheim bleiben. Frauenhäuser seien ohnehin schon überlastet, sagt sie.

Ich würde sagen, jetzt geht es gerade erst los. Das zeigen ja auch die Statistiken, dass wir uns darauf vorbereiten können, dass es einen ziemlichen Peak geben wird und dass es viel mehr Anfragen nach Frauenhausplätzen geben wird.

Amelie Voigt Sozialarbeiterin im Autonomen Frauenhaus Leipzig

Polizisten, Staatsanwälte Beratungsstellen und Frauenhäuser - alle haben zurzeit Corona-bedingt Engpässe, erklärt Susanne Köhler, Vorsitzende des Sächsischen Landesfrauenrates. Das dürfe aber kein Hindernis sein. Die Kommunen müssten jetzt schnell Alternativen suchen, manche täten es bereits.

Susanne Köhler
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Ich habe aus Freiberg etwas wirklich Unterstützenswertes gehört. Und zwar werden dort jetzt Pensionen und leerstehende, nicht betriebene Hotels angefragt für den Fall der Fälle, dass man dann schnell Wohnungen für betroffene Frauen mit Kindern zu Verfügung hat.

Susanne Köhler Vorsitzende des Sächsischen Landesfrauenrates

Sachsens Gleichstellungsministerin Katja Meier sicherte in dieser Woche die Hilfe des Freistaates zu. "Bei eventuellen Belegungsengpässen von Schutzhäusern und -wohnungen können wir gegensteuern, in dem wir stärker umverteilen als bisher", so Meier. Sie forderte von allen Sachsen ein faires Miteinander in diser schwierigen Zeit.

Eine Frau mit langen Haaren und Brille.
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In vielen krisenrelevanten Bereichen wie den Krankenhäusern oder in der Lebensmittelversorgung arbeiten zu mehr als zwei Dritteln Frauen. Überlastungen werden sehr schnell eintreten, wenn wir die Belastungen nicht gerecht zwischen Männern und Frauen verteilen. Denn vorwiegend wird immer noch von Frauen erwartet, dass sie gleichzeitig Kinder betreuen, die Essenversorgung für alle sicherstellen, Sorgen der Angehörigen auffangen und voll im Home-Office zur Verfügung stehen.

Katja Meier Gleichstellungsministerin Sachsen

Hilfe anzunehmen erfordert Mut

Frauenhäuser und Wegweisungen von gewalttätigen Vätern aus der gemeinsamen Wohnung sind die letzten Mittel, um gegen Gewalt in der Familie vorzugehen. Bevor es so weit kommt, können Hilfesuchende Beratungsstellen kontaktieren. Häufig leiden sie unter großem psychischen Druck und trauen sich nicht, erklärt Amelie Voigt. Die Hemmschwelle dürfe jedoch nie zu groß sein.

Gewalt fängt nicht erst mit der Ohrfeige an. Es gibt viel früher schon Tendenzen. Trotzdem muss die Person, die betroffen ist, bereit sein und sich in der Lage fühlen zu sagen: Ich möchte jetzt Hilfe annehmen.

Amelie Voigt Sozialarbeiterin im Autonomen Frauenhaus Leipzig

Telefon-Hotline in Dresden in Betrieb gegangen

Deswegen ist es auch Sylvia Lemm, der kommissarischen Leiterin des Dresdner Jugendamtes, wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Hilfsangebote des Amtes und der freien Träger der Jugendhilfe grundsätzlich weiter zur Verfügung stehen. Zum einen hat das Amt seit Mittwoch eine Telefon-Hotline eingerichtet, die "präventive Beratung" leisten soll.

Neben Mitarbeitern, die Fragen zu den allgemeinen Leistungen und Angeboten des Jugendamtes beantworten können, sind dort Sozialpädagogen und Psychologen erreichbar, die bei "Krisenmanagement und Krisenbewältigung" helfen können. Für Familien, vor allem für Kinder und Jugendliche. "Gerade wenn der Kontakt zu Gleichaltrigen und Freunden fehlt, das Familiensystem durch die abzusichernde Betreuung stark beansprucht ist und der eigene Bewegungsradius zum Schutz vor einer Infektion eingeschränkt wird, können Spannungen und Konflikte entstehen", sagt Lemm. Denn die, wissen alle Experten, können dann auch schnell in Gewalt gegen Kinder und Jugendliche münden.

Notfall-Instrumentarium funktioniert

Zum anderen seien die Strukturen, mit denen das Amt und sein Kinder- und Jugendnotdienst bei konkreter Gefährdung des Kindeswohls reagieren könnten, weiter einsatzbereit. "Das geht von enger Betreuung von Familien mit Problemen über gegebenenfalls nötige Inobhutnahme und Unterbringung in Pflegefamilien", sagt Sylvia Lemm. Dass dieses Instrumentarium, gedacht für Krisenfälle in normalen Zeiten, unter den Bedingungen der Corona-Pandemie häufiger gebraucht werden könnte, hält die Dresdner Jugendamts-Chefin zumindest für möglich.

Leiterin des Dresdner Jugendamtes: Der Druck steigt

"Wir können es aber nicht genau einschätzen", betont Lemm. Sie ist sich mit ihren Amtskollegen in anderen sächsischen Großstädten, mit denen sie "gut vernetzt" sei und engen Kontakt halte, aber in der Grundannahme einig: "Der Druck steigt." Davon geht auch Sebastian Zapff aus, der beim Ortsverband des Deutschen Kinderschutzbundes in Dresden für die Fachberatung zur Kindeswohlgefährdung zuständig ist.

Die Familienhelfer seien angehalten, ihre Arbeit weiter zu leisten - in der Regel telefonisch, bei stark gefährdeten Familien persönlich, "unter Einhaltung der Schutzmaßnahmen". Und weil gegenwärtig andere Hilfs- und Betreuungs-Angebote wegen der Corona-Pandemie eingeschränkt seien, gebe es im Augenblick auch genügend Familienhelfer. Das aber, so Zapff, dürfte sich "nach Aufhebung der Ausgangsbeschränkung und Wiederaufnahme des vollen Umfangs der Tätigkeiten" schnell wieder ändern.

Aufmerksame Nachbarn gefragt

So unterschiedlich im Detail die Arbeitsbereiche von Frauenhausmitarbeiterin Amelie Voigt und Jugendamtsleiterin Sylvia Lemm sind, in einem sind sich die beiden Frauen einig: Wichtig sei, dass nicht nur die unmittelbar Betroffenen von familiärer Eskalation und Gewalt Hilfe suchten, sondern auch Nachbarn und Nahestehende. Dass sie, wenn sie etwas von den Krisen mitbekommen, Notruf- und Beratungsmöglichkeiten nutzen. Jeder könne helfen, Frauen und Kindern in Not beizustehen - ob mit oder ohne Quarantäne, so Amelie Voigt.

Angebote im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge

Auch im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge sieht man den Folgen der Ausgangsbeschränkungen mit Sorge entgegen. Das könnte "Erziehende und ihre Kinder vor unerwartete Herausforderungen stellen", heißt es in einer aktuellen Mitteilung. Und auch hier die Bitte: rechtzeitig Hilfe holen. Fünf Kontaktstellen der Diakonie, der Awo und des DRK stehen in Pirna, Dippoldiswalde und Freitag den Hilfesuchenden offen.

Telefonnummern für Menschen in Not (Auswahl) Kinder- und Jugendtelefon: 0800 1110333
Sucht- und Drogenhotline: 01805 313031
Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 0800 0116016
Telefonseelsorge: 0800 1110111 und 0800 1110222
Nummer gegen Kummer: 116111 und 0800 1110333
Elterntelefon: 0800 1110550
Frauen- und Kinderschutzhaus Pirna: 03501 547160 (24 Stunden erreichbar)
Männerschutzwohnung Dresden: 0351 32345422
Hotline Dresdner Jugendamt: 0351 488-4741
Frauennoturf Leipzig: 0341 4798179
Täter*innenberatung Escape: 0351 8104343
Hilfetelefon sexueller Missbrauch: 0800 2255530 und www.hilfetelefon.de

Quelle: MDR/Torben Lehning/rad/dk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 26.03.2020 | 17:50 Uhr
MDR SACHSENSPIEGEL | 26.03.2020 | 19:00 Uhr

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