Interview Leipziger Virologe verlangt von impfwilligen Sachsen noch Geduld

Sachsen hat bislang 68.250 Dosen des Impfstoffes der Mainzer Firma Biontech bekommen. Zuerst werden erst Bewohner von Pflegeheimen, über 80-Jährige, Pflegekräfte und besonders gefährdetes Klinikpersonal versorgt. Im Gegensatz zu anderen Ländern geht in Sachsen das Impfen nur schleppend voran, so die Kritik. Ein Grund dafür sind die vielen Erkrankungen in Heimen. Der Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie von der Uniklinik Leipzig, Uwe Liebert, schätzt die Lage ein.

FAKT IST!-Gast: Prof. Uwe Liebert, Virologe Universitätsklinikum Leipzig
Bildrechte: Stefan Straube/Universitätsklinikum Leipzig

Wie beurteilen Sie den Start der Impfungen in Sachsen? Es gibt ja viel Kritik.

Uwe Liebert: Ich bin froh, dass die Impfungen begonnen haben, dass offensichtlich die Impfzentren überwiegend sehr gut funktionieren, dass es keine massiven Pannen gegeben hat und das jetzt nach und nach die wichtigsten Risikogruppen geimpft werden, das heißt die Älteren, die in Pflegeheimen leben und das medizinische Personal. Von Versagen kann man überhaupt nicht sprechen. Es zeigt nur, dass die Menschen insgesamt natürlich sehr ungeduldig sind und jetzt dringend erwarten, dass sie geimpft werden und dann auch meinen, damit ist alles gut. Es ist nicht extrem viel. Am liebsten wäre mir, wenn wir jetzt einmal mit dem Finger schnipsen und sagen: Vier Millionen Sachsen sind geimpft. Das ist völlig unrealistisch. Einmal, weil es die Impfstoffe nicht gibt, aber zum zweiten, weil wir ja die Personen haben müssen, die die Impfung durchführen. Das sind nicht nur die Ärzte, sondern ist die ganze Logistik dahinter. Es muss ja auch ordentlich dokumentiert werden.

Wie lange werden die Impfungen dauern und gibt es überhaupt genug Impfstoff?

Naja, wir haben doch gerade erst angefangen. Es sind bislang nur wenige Tage. Man muss deutlich sagen, das muss sich auch einspielen. Ich bin absolut davon überzeugt, dass wir in zwei Wochen schon ganz anders auf die Impfung schauen, weil es halt sehr viel mehr Impfungen sein werden, weil die Nebenwirkungen sich tatsächlich als minimal erweisen werden. Dann sehen wir mal.

Zurzeit gibt es einen Impfstoff, natürlich nicht für alle. Der muss ja auch produziert werden. Dann müssen die Sicherheitsbestimmungen eingehalten werden. Und das dauert natürlich. Eine Produktion geht auch nicht mit dem Fingerschnips, sondern bedarf vor allen Dingen einer gewissen Zeit, wenn sie sehr gut sein soll.

Wie lange muss man in Sachsen impfen?

Im Grunde genommen bis die Herdenimmunität erreicht ist. Die Zahlen sagen, dass man etwa 60 bis 80 Prozent der Bevölkerung impfen muss. Wenn zurzeit die Impfbereitschaft in der Bevölkerung eher im unteren Bereich von 50 bis 60 Prozent liegt, dann wird es noch ordentlich dauern, bis wir die Herdenimmunität erreicht haben. Aber ich bin verhalten optimistisch, dass wir Mitte des Jahres oder im Herbst zumindest diejenigen alle geimpft haben können, die geimpft werden wollen.

Welche Strategie empfehlen Sie Sachsen?

Das erste ist ganz klar: Der Lockdown muss verlängert werden, mindestens bis Ende Januar, wahrscheinlich oder möglicherweise auch noch darüber hinaus. Die Zahlen lassen zur Zeit nichts anderes zu. Die Impfung oder der Erfolg der Impfungen wird sich irgendwann im März, im April, also so rund um Ostern, wirklich zeigen und wird hoffentlich dann dazu führen, das nach und nach die Pandemie abebbt. Und dass wir diese Situation als Land und als Kontinent und damit hoffentlich auch als ganze Welt in den Griff bekommen.

Zur Zeit macht die sächsische Regierung das richtig. Im Nachhinein ist man immer viel klüger, dann sind die Lockdown-Maßnahmen zu spät oder zu zögerlich gekommen. Es ist schon schwierig für Politiker, die keine Fachleute sind, auf dem Gebiet eine Entscheidung zu treffen und alles zu berücksichtigen, was notwendig ist: Wirtschaft, Arbeitslosigkeit, drohende Arbeitslosigkeit und so weiter und so fort - und den Gesundheitszustand der Bevölkerung.

Prof. Dr. Uwe Liebert Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie Uniklinik Leipzig

Quelle: MDR/kk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 04.01.2021 | 19:00 Uhr

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