18.05.2020 | 18:30 Uhr | Update Grundschulen in Sachsen nach Corona-Pause wieder offen

Endlich wieder Schule! Mit Schutzmasken und nach strengen Hygieneregeln zum Schutz vor Coronaviren haben in Sachsen die Grundschulen wieder geöffnet. Der Besuch der Schulen ist nach einem Gerichtsurteil vorerst freiwillig. Eltern- und Lehrerverbände kritisieren die Öffnung.

Schüler einer ersten Grundschulklasse sitzen im Unterricht auf ihren Plätzen.
Wieder Unterricht in einer ersten Grundschulklasse in Dresden - ohne Mindestabstand. Bildrechte: dpa

Nach wochenlanger Corona-Zwangspause haben Grundschulen in Sachsen wieder ihre Türen geöffnet. Mit Schildern wie "Willkommen zurück" wurden die Mädchen und Jungen vielerorts begrüßt. Vor der Regenbogenschule in Dresden bildete sich kurz vor 8 Uhr eine längere Schlange, viele Eltern wollten ihre Kinder am ersten Schultag nach zwei Monaten selbst zur Schule bringen. Die meisten Kinder trugen Mundschutz. "Wir sind froh, dass es wieder losgeht. Die Kinder brauchen soziale Kontakte", sagte die Mutter eines Drittklässlers.

Von den rund 400 Kindern sind am ersten Schultag nach der Zwangspause etwa ein Dutzend Mädchen und Jungen dem Unterricht ferngeblieben. Denn der Grundschulbesuch bleibt vorerst freiwillig. Nach einem Urteil des Verwaltungsgerichtes Leipzig hatte das Kultusministerium am Wochenende die Schulbesuchspflicht für die Klassen eins bis vier kurzfristig ausgesetzt. Eltern können bis zum 5. Juni selbst entscheiden, ob ihre Kinder in der Schule oder zu Hause lernen.

Christian Piwarz 5 min
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MDR SACHSEN - Das Sachsenradio Mo 18.05.2020 18:02Uhr 05:23 min

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Gericht: Regelung verstößt gegen Grundgesetz

Das Gericht gab den Eltern zweier Kinder recht, die sich gegen die Öffnung der Grundschulen ohne Einhaltung des Mindestabstandes von 1,5 Metern gewandt hatten. Die Regelung verstoße gegen das im Grundgesetz verankerte Recht auf körperliche Unversehrtheit und auf Gleichbehandlung, entschied das Gericht. Die Einhaltung des Mindestabstands gelte in nahezu allen Lebensbereichen. Warum in den Grundschulen davon eine Ausnahme gemacht werden sollte, sei sachlich nicht begründet.

Das Kultusministerium will den Beschluss vorm Oberverwaltungsgericht anfechten. Das Ministerium setzt bei der Öffnung von Grundschulen eher auf eine strikte Trennung der Gruppen und Klassen.

Für uns steht fest, dass ein Festhalten an einem Mindestabstand zwischen Kindern in den Grundschulen nicht lebensnah ist und dadurch das Recht der Kinder auf Bildung und Teilhabe massiv einschränkt wird.

Christian Piwarz Kultusminister in Sachsen

Piwarz sagte im Interview mit MDR SACHSEN, nach ersten Rückmeldungen von Schulen sei der Neustart "ganz ordentlich angelaufen". Zahlen, wie viele Eltern ihre Grundschulkinder vorerst zu Hause lernen zu lassen, liegen dem Ministerium zufolge bisher aber nicht vor.

Gut 90 Prozent der Schüler in Kurt-Masur-Schule in Leipzig

Schüler und Eltern stehen vor einem Schulgebäude
Ein "bisschen Normalität" in der Kurt-Masur-Schule Leipzig Bildrechte: MDR/Barbara Brähler

In Leipzig ist der erste Tag an der Kurt-Masur-Schule ruhig verlaufen, sagte Schulleiterin Heike Hentschel MDR SACHSEN. Die Schüler seien in Klassenstufen angekommen. "Sie sind über besondere Aufgänge jeweils zugeordnet in ihre Klassenräume gegangen und haben ihre Bereiche vorgefunden." Gut 90 Prozent der über 700 Schüler seien zur Schule gekommen, die anderen Kinder seien zu Hause geblieben. Viel Zeit würden die Lehrer mit den hygienischen Maßnahmen verbringen, so Hentschel. Das heiße, Ankommen und Hände waschen. "Wir sind heute an die erste Hürde gestoßen, dass natürlich nach dem zweiten Hände- Waschgang, die Papiermülleimer überquellen." Für die Lehrer bedeute dies, täglich nachzusteuern.

Viele Eltern begrüßten die Wiederaufnahme des Schulalltages. Damit ziehe wieder ein bisschen Normalität in ihr Leben ein, sagte eine Mutter. Andere haben wegen des Neustart im Klassenverband aber auch Bauchschmerzen. Bei einer so großen Schule mit vielen Klassen sei es schwierig, die Kinder zu trennen.

Lehrer- und Elternverbände kritisieren Öffnung der Grundschulen

Kritik an der kompletten Schulöffnung kommt unter anderem vom Sächsischen Lehrerverband. Vorsitzender Jens Weichelt sagte MDR SACHSEN, Abstandsregeln könnten mit jüngeren Schülern kaum eingehalten werden. Schon am Eingang der Schule werde es schwierig und auf dem Schulweg hätten die Lehrer gar keinen Einfluss.

Selbst in der anschließenden Hortbetreuung müsste man für jede Grundschulklasse einen Extra-Raum und einen Extra-Horterzieher vorhalten. Das ist illusorisch, das wird nicht stattfinden.

Jens Weichelt Vorsitzender des Sächsischen Lehrerverbands

Auch betroffene Eltern kritisieren die Abstandsregeln in den Grundschulen. Die Maßnahmen seien nicht stimmig, schreiben der Landeselternrat und alle 13 Kreiselternräte in einer gemeinsamen Mitteilung. Es sei den Schülern schwer zu vermitteln, dass der Mindestabstand überall eingehalten werden müsse, in den Klassen aber nicht. Realitätsfern sei auch, dass Eltern täglich unterschreiben müssten, dass keiner in der Familie Corona-Symptome hat und kein Familienmitglied in den vergangenen 14 Tagen Kontakt zu einem Corona- Infizierten hatte, was objektiv nicht möglich sei.

Die vorübergehende Aussetzung der Schulbesuchspflicht begrüßten die Elternvertreter. Sie hätten das bereits mehrfach angesprochen. Ihrer Einschätzung nach ist die derzeitige Situation nicht mehr tragbar, sie warfen dem Kultusministerium in Sachsen mangelnde Kommunikation, nicht stimmige Maßnahmen und Vorgaben sowie fehlende längerfristige Konzepte vor.

Für die älteren Schüler in Sachsen gilt ein anderes System: Sie können nach Einschätzung des Kultusministeriums die Abstandsregeln besser einhalten und sollen daher in kleinen Gruppen unterrichtet werden - in einem Wechsel aus Lernzeiten zu Hause und Unterricht an der Schule.

Quelle: MDR/kb/dpa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 18.05.2020 | 19:0 Uhr

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