06.04.2020 | 16:42 Uhr Noch knapp 600 Intensivbetten für Corona-Notfälle in Sachsen verfügbar

Für die Behandlung von schweren Covid-19-Infektionen sind in Sachsen knapp 600 Intensivbetten mit Beatmungsgeräten frei. Steigen die Zahlen auf gleichem Niveau weiter, könnten die Kapazitäten nach Recherchen von MDR Fakt ist! schnell erschöpft sein.

Ein Mann liegt an einem Beatmungsgerät von Dräger.
Bildrechte: --/Drägerwerk/dpa

In Sachsen stehen aktuell 572 Intensivbetten mit Beatmungsgeräten für die Behandlung von schweren Covid-19-Infektionen zur Verfügung. Das geht aus einer Anfrage von MDR Fakt ist! an das sächsische Sozialministerium hervor. Demnach müssen derzeit 79 Sachsen wegen ihrer schweren Coronavirus-Infektion auf der Intensivstation behandelt werden (Stand 6. April). Es gebe also derzeit ausreichend Intensivbetten und Beatmungsgeräte, hieß es vom Ministerium. Mehr als 600 Patienten werden zudem gerade wegen Schlaganfällen, Herzinfarkten, Tumoren oder anderen schweren Krankheiten auf Intensivstationen mit Beatmungsmöglichkeiten behandelt.

"Aktuell sind die vorhandenen ITS-Betten in Dresden und Ostsachsen kaum ausgelastet, das kann sich aber schnell ändern", erklärte auch Michael Albrecht, Medizinischer Vorstand am Uniklinikum Dresden. Dank der "Zentralen Krankenhaus Leitstelle Corona Dresden/Ostsachsen" könnten die Kapazitäten genau eingeschätzt und die Versorgung der Covid-19-Patienten koordiniert werden.

Raum mit Intensivbetten.
Noch sind in Sachsen etwa 600 Intensivbetten mit Beatmungsgeräten für Patienten frei. Das könnte sich nach einer MDR-Modellrechnung jedoch schnell ändern. Bei einem gleichen Anstieg von Infektionen und schweren Erkrankungen sind die Kapazitäten demnach Ende Juni erschöpft. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR-Modellrechnung: Kapazitäten könnten Ende Juni erschöpft sein

Allerdings: Setzt sich die Zahl der schweren Infektionen auf gleichem Niveau fort, könnten die Kapazitäten mit Intensivbetten laut einer Modellrechnung von MDR Fakt ist! schon bald erschöpft sein. Demnach wären schon Ende Mai nur noch 200 Betten auf Intensivstationen zur Behandlung Schwerkranker frei - vorausgesetzt die Infektionszahlen und die Anzahl der Patienten steigen weiter in gleichem Maße an. Schon acht Tage später könnten die Kapazitäten erschöpft sein.

Für diesen Fall hat Sachsen nach MDR-Informationen vorgesorgt. Mithilfe des Intensivregisters der "Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin" (Divi) wäre es den Angaben zufolge möglich, innerhalb von 24 Stunden knapp 550 Intensivbetten kurzfristig freizumachen und mit Covid-19-Notfall-Patienten neu zu belegen. Dafür würden andere Patienten mit weniger akuten Symptomen - soweit es medizinisch verantwortbar ist - verlegt. Doch auch diese Möglichkeit sei im Fall vieler schwerer Infektionen nur eine kurzfristige Lösung. Schon Ende Juni wären die Kapazitäten endgültig erschöpft, es würden sogar fast 70 Betten fehlen.

Krankenschwester Cornelia Möller prüft ein Beatmungsgeräte in einem Zimmer der Intensivstation in der Helios-Klinik.
Schwerkranke Coronaa-Patienten sind oft auf Beatmungen angewiesen. Die Versorgung mit den ohnehin knapp kalkulierten Intensivbetten stellt viele Krankenhäuser vor Herausforderungen. Dabei steht Deutschland im internationalen Vergleich noch gut da. Bildrechte: dpa

Wann kommt Sachsen an die Auslastungsgrenze?

Laut der MDR-Modellrechnung ist eine Auslastung der intensivmedizinischen Kapazitäten mit Beatmungsgeräten in Sachsens Krankenhäusern also theoretisch möglich. Doch was sagen die Mediziner dazu? "Das können wir nicht voraussagen", sagte Michael Albrecht vom Dresdner Uniklinikum.

Prof. Dr. Michael Albrecht / Medizinischer Vorstand Universitätsklinikum Dresden
Bildrechte: MDR Sachsen

Wir beobachten aktuell, dass wir die Kurven flach halten, das stimmt uns verhalten positiv. Es kann aber schnell zu einer Änderung kommen.

Michael Albrecht Medizinischer Vorstand am Uniklinikum Dresden

Die Erfahrungen mit Patienten im Dresdner Uniklinikum zeigten, dass die Verläufe "äußerst unterschiedlich" seien. "Wir sehen, dass es sich weniger um eine Infektions- sondern vielmehr letztlich immunologische Erkrankung handelt. Die Beatmungsdauer ist höchst unterschiedlich und auch von Vor- und Begleiterkrankungen abhängig", sagte Albrecht.

Schwierigkeiten vor allem in den Altenheimen

Schwierigkeiten sehen die Ärzte "aktuell in Infektionsherden, wie Alten- und Pflegeheimen". "Hier müssen wir schleunigst Mechanismen etablieren, die eine Ausbreitung der Infektionen von dort aus verhindern", erklärte Albrecht.

Auch Patienten mit Schlaganfällen brauchen Betten auf der Intensivstation

Insgesamt gibt es den Angaben des Sozialministeriums zufolge derzeit in Sachsen 1.256 Intensivbetten mit Beatmungsmöglichkeiten. Neben den 79 Patienten mit einer Coronavirus-Infektion würden zudem aktuell 605 Betten auf Intensivstationen für Patienten mit "herkömmlichen" Krankheiten gebraucht. "Auch in diesen Zeiten erkranken Menschen an Schlaganfällen und Herzkrankheiten, haben Infarkte und komplexe Tumore", sagte Michael Albrecht vom Dresdner Uniklinikum. "Für diese Patienten werden die Betten auf der Intensivstation ebenso benötigt und müssen entsprechend vorgehalten werden". Aus dem Ministerium hieß es: "Der Fokus im Freistaat Sachsen liegt gegenwärtig darauf, die Intensivbetten mit Beatmungsmöglichkeit zu erhöhen."

Was passiert wenn die Kapazitäten knapp werden?

Als in Italien die Intensiv-Betten in den Krankenhäusern knapp wurden, mussten Ärzte über Leben und Tod der Patienten entscheiden. Wird das auch auf Sachsen zukommen?  Für den Fall, dass es auch in Deutschland zu einem Mangel an Beatmungsplätzen kommt, bereiten Ethiker die Ärzte derzeit auf die "Triage" vor - eine Auswahl derjenigen Patienten, deren Beatmung sinnvoll erscheint - zu Ungunsten anderer Patienten. Darüber spricht Moderator Andreas F. Rook Montagabend mit seinen Gästen bei "Fakt ist!". Die Sendung kann schon ab 20:15 Uhr im Livestream gesehen werden.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR | 06.04.2020 | 16:00 Uhr

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