Interview Gesundheitsministerin Köpping: "Die Impfungen machen Hoffnung"

Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) spricht im Interview mit MDR SACHSEN über die Lieferknappheit bei Impfstoffen und den zukünftigen Umgang mit der Corona-Pandemie. Die Impfungen machten Hoffnung, so Köpping. Auch der Lockdown zeige langsam Wirkung. Allerdings ärgere sie sich sehr über die Verzögerungen bei der Lieferung.

Petra Köpping
Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping im MDR SACHSENRADIO. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Tobias Knauf

"Es wird keinen zweiten Lockdown geben." Am 15. August 2020 haben Sie das gesagt. Wie sehr hängt Ihnen diese Aussage noch nach?

Wir alle haben mit so einer großen zweiten Welle tatsächlich nicht gerechnet. Ich hätte auch gerne gehabt, dass es dabei geblieben wäre. Insofern ist das eine bedauerliche Entwicklung, das muss man schon so sagen.

Heute Morgen gab es eine erfreuliche Meldung. Mit 7.141 Neuinfektionen binnen 24 Stunden hat das Robert Koch-Institut den niedrigsten Wert seit Oktober mitgeteilt (Stand 18. Januar 2021, Anm.d.Red.). Trotzdem sollen morgen härtere Maßnahmen beschlossen werden. Passt das?

Na ja, das eine ist, dass wir auch in Sachsen im Moment eine sehr gute Entwicklung nehmen. Wir kamen mal von einer Inzidenz von fast 450 pro 100.000 Einwohnern in sieben Tagen und liegen momentan bei circa 220 pro 100.000 Einwohnern in sieben Tagen. Das heißt, wir haben durch den Lockdown schon eine Menge geschafft. Aber was uns Sorgen macht, ist tatsächlich die Mutation. Und für uns in Sachsen ist es wirklich nicht schwierig, über den Gartenzaun zu gucken. Wenn man nach Tschechien schaut, die haben gerade eine Inzidenz von über Tausend. Und auch das letzte Mal war Tschechien ein paar Wochen vor uns, was die hohen Inzidenzen betrifft. Deswegen ist es sicher sinnvoll zu überlegen, was man in diesem Fall machen kann.

Jetzt ist die große Hoffnung im Kampf gegen das Coronavirus die Impfung. Seit Ende Dezember gibt es jetzt für Deutschland einen zugelassenen Impfstoff, den von Biontech/ Pfizer. Vor ein paar Tagen wurde dann auch noch der Impfstoff von Modena in Europa zugelassen. So weit der Stand. Wie geht es jetzt weiter?

Wir haben bisher circa 110.000 Impfdosen erhalten. In Sachsen sind (Stand 18. Januar 2021, Anm.d.Red.) 50.000 davon verimpft. Etwa 5.000 werden heute noch im Laufe des Tages verimpft werden. Dann haben wir das, was wir verimpfen können, tatsächlich auch verimpft. Um das auch noch einmal zu erklären: Die zweite Hälfte ist für die zweite Dosis gedacht. Damit beginnen wir auch diese Woche. Das muss abgesichert sein. Genau das haben wir getan. Heute kommt noch eine Lieferung von 34.000 Dosen. Auch davon wird wieder die Hälfte verimpft. Jetzt merkt man wirklich, dass der Impfstoff richtig knapp wird. Ich rechne damit, dass wir Donnerstag, Freitag keinen Impfstoff mehr zum Impfen haben.

Eine Frau wird in einem Impfzentrum gegen Corona geimpft
In Sachsen wurden fast alle gelieferten Impfdosen bereits verwendet. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Es gab am Wochenende die Meldung, dass es Lieferengpässe bei Biontech/ Pfizer gibt. Sind Sie da im Kontakt mit dem Unternehmen? Warum das so ist?

Die Gesundheitsminister haben am Freitag eine Schalte mit dem Bundesminister Spahn gehabt, wo das angekündigt worden ist. Es geht vor allem scheinbar um nächste Woche. Ich sage auch scheinbar, weil wir es eben noch nicht genau wissen. Das bringt uns eine absolut schwierige Lage. Denn unser Schwerpunkt beim Impfen sind eben unsere Pflegeeinrichtungen. Und wenn wir natürlich keinen Impfstoff haben, kann ich nicht impfen. Was die Reserve betrifft, also den Impfstoff für die zweite Impfung, wage ich mich wirklich bei solchen Aussagen, bei denen man nicht sicher sein kann, nicht ran. Ich möchte nicht, dass wir die zweite Impfung gefährden und damit die Wirksamkeit der Impfung generell gefährden.

Aber es gibt auch Länder, die sagen, wir impfen erst mal alles, was wir haben und hoffen, dass da in drei, vier Wochen wieder der Nachschub da ist.

Da gibt es eine klare Absprache zwischen den Gesundheitsministern und dem Bund. Und wir haben uns an diese Absprache gehalten. Jetzt sieht man dabei, mit diesem Wackelkurs, den wir im Moment mit Biontech erleben, dass es richtig ist.

Herbert Liebrecht aus Frohburg sagt, er habe schon jetzt keinen Impftermin bekommen. Wenn es jetzt diese Lieferengpässe gibt, wird das wahrscheinlich in den nächsten Tagen nicht besser werden, oder?

Absolut. Wir haben ab heute auch die Telefon-Hotline freigeschalten, wo man sich auf jeden Fall erkundigen kann, was das für einen Impfstoff ist, wie das mit dem Impfen überhaupt geht, ob man irgendwelche Langzeitrisiken eingehen muss oder ähnliches. All die Fragen, die viele Menschen haben, kann man auf jeden Fall an der Hotline erfragen. Wir haben momentan 9.000  Impftermine registriert, beziehungsweise vergeben. 50.000 haben sich schon registriert. Aber bei den eingangs von mir geschilderten Ausgabemengen werden Sie verstehen, dass wir im Moment keine Termine vergeben können.

Was ist jetzt mit denen, die ihre Angehörigen zu Hause pflegen? Wo stehen die auf der Liste?

Auch dort sind die über 80-Jährigen in der sogenannten Priorität 1. Deswegen haben wir auch diese großen Impfzentren aufgebaut, die wirklich Kapazitäten haben. Pro Impfzentrum kann man ungefähr 1.000 Menschen am Tag impfen. Das erfüllen wir im Moment bei weitem nicht. Das liegt nicht daran, dass wir das nicht organisiert haben, sondern immer wieder am Impfstoff und an der Bereitstellung der Impfmengen. Deswegen ist es auf der einen Seite wichtig, dass jeder, der die Möglichkeit und einen Termin bekommen hat, auch das Impfzentrum aufsucht.

Aber auch für die, die das nicht können, werden dann in der zweiten Stufe, wenn wir wirklich eine gute Impfstoffbereitstellung haben, auch vor Ort Angebote gemacht. Auf der einen Seite mit unseren Hausärzten, sobald es vom Impfstoff her möglich ist. Aber da geht auch nicht jeder Impfstoff. Auch das muss man erklären. Und das andere ist natürlich, dass wir auch an den Mittelzentren Außenstellen der Impfzentren aufbauen werden. Aber das ist noch Zukunftsmusik. Wir haben einfach die Mengen an Impfstoff nicht.

Es wird also noch mehr Impfzentren geben, die dann besser erreichbar sind?

Ja, auf jeden Fall. Wir sind mit den Kommunen im Gespräch, damit über die Einwohnermeldeämter auch die über 80-Jährigen Menschen angeschrieben werden. Das heißt, sie bekommen dann eine Anfrage und wer schon impfen war, der wirft den Zettel weg. Die anderen können dann einen Termin vereinbaren. Es brauch wirklich keiner Sorge haben, dass der, der sich impfen lassen will, nicht zum Empfang kommt oder keinen Termin bekommt. Es dauert länger, als wir uns das alle wünschen. Ich mir auch. Aber wir werden zügig und alles, was wir haben, verimpfen.

Einen besseren Schutz als das Impfen gibt es im Moment gar nicht. Und deswegen ärgert mich das so, dass sich diese Impfstoffbereitstellung so verzögert und selbst das, was wir anvisiert haben, jetzt auch noch einmal verzögert wird. Es ärgert mich wirklich.

Petra Köpping Gesundheitsministerin Sachsen

Nun eine Frage von Monika Schiel aus Annaberg-Buchholz. Sie möchte wissen, warum Lehrer und Erziehungspersonal beim Impfen nicht priorisiert werden, obwohl sie laut Auswertung von Krankenkassendaten am häufigsten wegen Corona krankgeschrieben worden sind?

Die sind auch priorisiert allerdings in der dritten Gruppe. Man kann das nachlesen, bei uns im Sozialministerium, auf der Internetseite. Aber sie sind eben nicht in der ersten Priorität. Menschen im hohen Alter und Menschen mit Vorerkrankungen, mit bestimmten Vorerkrankungen, sind tatsächlich diejenigen, die am meisten gefährdet sind, wenn die Krankheit ausbricht. Und insofern, glaube ich, ist die Priorität, die hier die Ethikkommission gesetzt hat, eine richtige.

Sie haben gerade gesagt, dass die Zahlen in Tschechien schon wieder extrem hoch sind. Herr Lensch aus Kamenz fragt deshalb: "Warum machen wir da die Grenze nicht einfach komplett dicht?"

Ja, das ist keine ganz unberechtigte Frage. Aber wir sind in Europa und so eine Festlegung, ob eine europäische Grenze geschlossen wird, die kann Sachsen nicht alleine treffen. Ich glaube, auch das wird ein Gesprächsthema morgen in der Bundeskanzlerschalte mit den Ministerpräsidenten. Ich habe eine ganze Menge Gespräche mit dem tschechischen Außenminister und mit dem Botschafter geführt, wo wir gesagt haben, dass man die Maßnahmen miteinander abstimmt. Das ist das eine. Wir haben erlebt, dass gerade, wenn bei uns die Geschäfte alle geöffnet und in Tschechien geschlossen waren, die Menschen natürlich nach Dresden gekommen sind, um einzukaufen. Und umgekehrt war es auch so. Als in Tschechien die Gastronomie wieder offen hatte, sind auch die Menschen aus Sachsen nach Tschechien gefahren. Und das bedarf einer besseren Abstimmung.

Und wir haben ja auch das Pflichttesten für die Arbeitnehmer festgelegt, wo wir jetzt gemeinsam mit den Arbeitgebern für mehr Sicherheit auch in den Unternehmen sorgen wollen. Denn wir haben über 30.000 Menschen, die pendeln. Ich glaube, dass das auch ein wichtiger Schritt für die Sicherheit ist. Aber da wäre es ja wirklich schwer, die Grenze komplett dichtzumachen. Wir erkennen auch die Tests aus Tschechien dafür an. Insofern ist das schon wieder ein Schritt in die richtige Richtung. Wir haben auch im Frühjahr, wer sich so ein bisschen erinnert, gerade für die Berufspendler angeboten, dass sie eben auch in Sachsen übernachten können, die Woche über. Also auch solche Angebote gibt es.

Roswitha Fasel aus Burkau fragt, inwieweit nach der Impfung irgendwelche Komplikationen oder Nachwirkungen im Körper auftreten können? Die normalen Grippe-Impfung sei bei ihr immer nicht so gut angekommen. Sie habe hinterher immer Husten, Schnupfen und manchmal sogar Fieber gehabt.

Wir haben gar keine Informationen, dass es irgendwo wirklich erhebliche Nebenwirkungen oder Ähnliches gegeben hat. Aber da würde ich wirklich bitten, dass die Personen den Hausarzt konsultieren. Die Hausärzte wissen auch, wo sie dann ihre fachlichen Informationen herbekommen. Und insofern muss man das immer sehr individuell besprechen. Das ist übrigens ohnehin meine Bitte: Wenn man zum Impfen geht, dass man auf der einen Seite seiner Medikamentenliste mitbringt, natürlich seinen Impfausweis, aber sich eben auch vorher, wenn man in irgendeiner Form Bedenken hat, mit seinem Hausarzt bespricht. Mir sind keine Nebenwirkungen bekannt geworden bei denen man wirklich hätte hinschauen müssen, die also erheblich gewesen wären.

Dann haben wir Rosi Stemmler aus Zwickau. Sie möchte wissen, da jetzt immer mehr Impfstoffe auf dem Markt kommen: "Kann ich eigentlich selber entscheiden, welchen ich geimpft bekomme?"

Wir sind ja gerade dabei, sehr gut einzuteilen, dass man in einem Impfzentrum zum Beispiel den einen Impfstoff umsetzt und in dem anderen den anderen Impfstoff. Sie als Bürgerinnen und Bürger können sich das Zentrum aussuchen. Sie müssen also nicht das Zentrum in ihrem Landkreis oder der Stadt nehmen. Und dann können Sie das Impfzentrum wählen, wo Sie den Impfstoff bekommen, den sie sich ausgesucht haben.

Bei den Ärzten ist das was anderes. Zum Beispiel der Impfstoff, den wir jetzt haben von Biontech, der ist eben nicht gut in Hausarztpraxen zu impfen, weil er so kompliziert ist in der Lagerung bei minus 70 Grad. Er darf nicht bewegt werden. Also da sind ganz große Schwierigkeiten. Aber den von Astra-Zeneca, das ist ein Impfstoff, von dem wir ausgehen, dass er auch in Hausarztpraxen zu impfen geht.

Das heißt, wir haben vier oder fünf Impfstoffe zur Verfügung. Kann ich mich da dann vorher informieren, welchen ich nehme?

Ja, selbstverständlich. Auch dazu wird es ausreichend Informationen geben. Die Impfstoffe haben eine unterschiedliche Entwicklungsbasis. Dazu wird ausführlich informiert werden.

Volker Meyer aus Heidenau fragt: "Was halten Sie denn von Bundesminister Heiko Maas? Er hat er gesagt, Geimpfte sollen früher als andere in Restaurants oder Kinos dürfen. Ist das nicht der Weg zur Zweiklassengesellschaft?"

Ganz ehrlich gesagt halte ich die Diskussion für sehr unglücklich. Wir haben einen Zeitpunkt, zu dem wir gar nicht genügend Impfstoffe haben. Deswegen ist das eine Unzeit, so eine Diskussion aufzumachen. Ich halte davon, wenn ich ganz ehrlich bin, gar nichts. Wir möchten einfach erst einmal, dass die Menschen sich schützen können. Darum geht es und insofern ist die Diskussion einfach zurzeit nicht zu führen.

Wann, denken Sie, ist das Ganze vorbei?

Ja, ich würde ihnen das gerne sagen. Aber wir haben ja angefangen mit der Sendung, dass ich auch dachte es gibt keine zweiten Lockdown. Und wir sehen, wo wir jetzt stehen. Also ich glaube, dass wir jetzt alle noch ein Stück weit durchhalten müssen. So schwer uns das fällt. Ich weiß, wie dramatisch das ist. Ich kann auch meine Enkelkinder nicht sehen. Wir sehen, was sich gerade in Großbritannien abspielt, in anderen Ländern auch. Und das macht mir schon ein bisschen Sorge, wenn ich ganz ehrlich bin.

Aber das Impfen gibt uns Hoffnung. Deswegen bin ich ungehalten und auch ein bisschen ungeduldig, wenn ich ganz ehrlich bin, dass wir eben nicht mehr impfen können, als es im Moment eben möglich ist.

Petra Köpping Gesundheitsministerin Sachsen

Das Interview führte Silvio Zschage.

Quelle: MDR/bj

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 18.01.2021 | 09:00 Uhr

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