Interview Ein halbes Jahr hinter der Maske: Was macht das mit uns?

Seit einem reichlichen halben Jahr bestimmen die Corona-Regeln unser Leben. Und so wie es aussieht, wird das auch noch eine ganze Weile so bleiben. Die Frage ist nur: Was macht die ganze Situation mit uns - immer auf Abstand bedacht? Wie halten wir das aus? Das fragen wir Jürgen Hoyer. Er ist Professor für Psychotherapie an der Technischen Universität Dresden.

Menschen sind soziale Wesen. Sie brauchen andere Menschen zum Austausch, für Gespräche und sie brauchen Unterstützung. Welche Auswirkungen haben die räumlichen und sozialen Einschränkungen auf uns?

Da haben wir es durch Corona mit einer echten Paradoxie zu tun. In so einer Krise bräuchten wir eher mehr Kontakt als sonst. Aber durch die Kontaktbeschränkungen sind weniger Kontakte möglich. Das macht auch zu einem gewissen Grad das sorglose Verhalten von einigen Menschen sogar verständlich.

Kontaktverbot und Homeoffice bedeutet für viele Menschen psychischen Stress. Welche Ängste löst das aus?

Ängste um die Familie und um die eigene Gesundheit sind leicht nachzuvollziehen. Das Problem ist, dass durch die Einschränkungen insgesamt der Stresslevel steigt. Und bei einem gestiegenen Stresslevel ist es natürlich auch schwerer, seelischen Belastungen Stand zu halten. Durch die zusätzliche Belastung durch Covid-19 werden bestehende seelische Probleme in der Regel noch stärker als sie vorher schon waren.

Es heißt, Angst ist kein guter Ratgeber. Was sagen Sie dazu?

Dieser Spruch ist, wie viele andere Sprüche auch, zu vereinfacht. Angst gehört zunächst einmal zur seelischen Grundausstattung jedes Menschen dazu. Durst und Hunger brauchen wir und wir brauchen auch Angst, sonst würden wir nicht überleben. Angst ist ein guter Ratgeber, wenn gerade der Bus um die Ecke kommt und sie übersehen hat.

Bei diesen Sprüchen ist gesteigerte Angst gemeint und Panik, Kopflosigkeit. Dann ist Angst kein guter Ratgeber und dann sollte man erstmal einen Schritt zur Seite gehen und abwarten, bis die Angst abgeflaut ist, um dann eine Entscheidung zu treffen.

Kann jeder in so einer Ausnahmesituation eine psychische Erkrankung entwickeln oder gibt es Menschen, die anfälliger dafür sind als andere?

Illustration - eine Frau mit Mundschutz tritt auf einen Virus
Wenn es hart auf hart kommt Stärke zeigen. Wer das kann, hat es in Ausnahmesituationen leichter. Bildrechte: Colourbox.de

Menschen sind unterschiedlich anfällig für psychische Störungen. Das ist zum Teil auch durch genetische erbliche Faktoren bedingt, zum Teil aber auch durch die eigenen Erfahrungen, die jemand macht. Es gibt Menschen, die bleiben von negativen Lebensereignissen verschont, die haben sehr gute Entwicklungsbedingungen und die sind möglicherweise seelisch robuster.

Noch besser ist es, wenn Menschen Belastungen hatten und die positiv bewältigen konnten. Wenn die also schon die Erfahrung gemacht haben: 'Ich kann Krisen standhalten und möglicherweise sogar gestärkt daraus hervorgehen'. Das sind die Personengruppen, die widerstandsfähig sind. Hier sprechen wir von Resilienz. Resilienz ist etwas, das man tatsächlich lernen muss, wo man von sich selber weiß, wenn es hart auf hart kommt, dann spüre ich in mir bestimmte Stärken und ich kann Fähigkeiten weiterentwickeln, die ich vorher vielleicht gar nicht an mir kannte.

Für wen und wann kann die Maske zum Problem werden?

Die Maske ist zunächst einmal richtig, eine Vorsichtsmaßnahme. Aber natürlich ist die Maske auch manchmal lästig. Sie wird als etwas empfunden, das von außen auferlegt wird. Ich glaube, es wird dann zum Problem, wenn jemand nicht dahintersteht, wenn jemand das Problem für sich nicht erkennt, dann entsteht Widerwillen und man möchte es sabotieren oder boykottieren. Aber in Risikosituationen muss man seinen Verpflichtungen nachkommen.

Kann man der Erfahrung der Ruhe, des Stillstandes im Lockdown nicht auch etwas Positives abgewinnen?

Mutter und Sohn sitzen an einem Tisch und machen Heimarbeit
Viele konnten dem Lockdown auch etwas positives abgewinnen. Bei Müttern mit Kindern im Homeoffice steigt der Stresslevel dagegen an. Bildrechte: imago images/MedienServiceMüller

Ja, aber es ist sehr davon abhängig, wer betroffen ist und welche Möglichkeiten und Interessen die Person hat. Ich habe mit vielen Menschen gesprochen, die das genossen haben. Ich habe von Kollegen gelesen, die sehr produktiv geworden sind, wo es als sehr angenehm empfunden wurde, dass es weniger Störungen gab.

Aber das hängt sehr von der persönlichen Lebenssituation ab oder ob nicht mehr Belastung entsteht. Das hat in der Zeit des Lockdowns ja insbesondere für Eltern gegolten, als alle Kinder zu Hause waren und gleichzeitig Homeoffice zu absolvieren war. Das war eine Stressbelastung, die mit Ruhe nichts zu tun hat.

Quelle: MDR/in

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 06.10.2020 | 10:00 - 13:00 Uhr

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