17.05.2020 | 20:04 Uhr Eltern verzweifelt über verkürzte Kita-Öffnungszeiten

Ab Montagmorgen sind die Kitas in Sachsen wieder geöffnet. Doch für viele Eltern ergibt sich ein neues Problem. Weil die Einrichtungen später öffnen und früher schließen, können ihre Kinder nicht während ihrer Arbeitszeit betreut werden.

Kinder sitzen im Rahmen der Notbetreuung in einem Kindergarten während des Mittagessens an einem Tisch
Kitas öffnen wieder - allerdings nur mit eingeschränkten Öffnungszeiten. Bildrechte: dpa

Maria Lindner* hat sich seit Donnerstag den Kopf zerbrochen. Wohin nur mit den Kindern? Exakt 7:30 Uhr beginnt ihre Aufsicht als Lehrerin an der Grundschule. Exakt 7:30 darf sie aber erst ihre zwei Jungen in der Kita abgeben. Ihre Tochter wird sogar erst eine viertel Stunde später aufgenommen. Alles ist genau und streng getaktet. "Es darf jeweils nur ein Kind in die Garderobe, es wird immens dauern", erklärt sie in einem Gespräch mit MDR SACHSEN.

Kann man an zwei Orten gleichzeitig sein?

Während Lindner ihren Jungs am Montagmorgen um halb acht noch die Schuhe von den Füßen ziehen und ihre Tochter aus der Jacke winden wird, muss sie eigentlich längst auf dem Schulhof stehen. Zwischen Kita und Schule liegen 20 Minuten. Ihr Schüler warten auf sie. "Wegen der Sicherheitsbestimmungen brauchen wir jetzt jede Kraft für die Aufsicht."

Blick auf Glashütte.
In Glashütte müssen die Schulkinder ab 7:30 Uhr betreut werden. Um 7:30 Uhr dürfen die Kinder jedoch erst in der Kita abgegeben werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

So lange es Lindner dreht und wendet, sie findet einfach keine Lösung. Sie kann nicht an zwei Orten gleichzeitig sein. 7:30 Uhr ist 7:30 Uhr. Entweder sie stellt ihre Kinder vor die geschlossene Kita, was natürlich nicht geht. Oder sie lässt ihre Grundschulkinder ohne Aufsicht, was natürlich nicht geht.

Corona-Sicherheitsauflagen: Kitas mit eingeschränkten Öffnungszeiten

leere Schaukel auf Spielplatz
In die Kitas soll wieder Leben einziehen. Um die Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus weiter gering zu halten, sollen die Gruppen streng getrennt werden. Bildrechte: imago images/Lichtgut

Nach dem Corona-Lockdown öffnen ab Montag wieder Grundschulen und Kitas. Was theoretisch gut klingt, ist für Arbeitnehmer, die sehr früh beginnen oder sehr lange arbeiten, praktisch nicht zu handhaben. Zur Umsetzung der Corona-Sicherheitsauflagen öffnen viele Kitas in Sachsen nur zu eingeschränkten Öffnungszeiten. Viele Einrichtungen nehmen nur für neun Stunden Kinder auf – oft im Zeitraum von 7 bis 16 Uhr.

Kein Früh- und Späthort

"Man kann in dieser Spanne fast unmöglich Vollzeit arbeiten und dann noch hin- und zurückfahren", erklärt auch die Leipzigerin Beate Kummer. Sie bringt ihren Sohn Montagmorgen um 7:15 Uhr zu Schule, einen Frühhort gibt es aktuell nicht, auch keinen Späthort. "Mein Dienst beginnt eigentlich um 6:45 Uhr", sagt sie. "Zum Glück habe ich Gleitzeit."

Dienst in der Notaufnahme beginnt sieben Uhr

Krankenwagen vor einer Notaufnahme
Die Dienste in der Notaufnahme richten sich nicht nach den Öffnungszeiten einer Kita. Bildrechte: dpa

Was sie noch abfedern kann, habe ihre 29-jährige Tochter Annett "fast verzweifeln lassen", erklärt Kummer. "Ihr Dienst in der Notaufnahme des Parkkrankenhauses in Leipzig beginnt 7 Uhr, die städtische Kita jedoch öffnet erst um diese Zeit." Dazwischen liegen 45 Minuten Fahrt, viel Bangen und ein Kind, was hoffentlich schnell, effizient und bitte – ohne zu schreien – zur Kita-Gruppe entschwindet.

"Eben noch systemrelevant, jetzt allein gelassen"

Maria Lindner, Beate Kummer und ihre Tochter Annett sind nicht die einzigen Eltern, die von den eingeschränkten Kita-Öffnungszeiten betroffen sind. Auch Lindners Kollege weiß schlichtweg nicht: Wohin mit dem Kind? "Eben waren wir noch systemrelevant, jetzt werden wir bei der Betreuung unserer Kinder allein gelassen", bedauert Lindner. Sie verstehe nicht, wie sich die Maßstäbe so schnell ändern könnten.

Kultusministerium verteidigt eingeschränkten Regelbetrieb

Das Kultusministerium kennt das Problem, verteidigt jedoch die breite Öffnung der Kitas und betont die Vorteile für die Allgemeinheit. "Im Rahmen der Notbetreuung waren etwa drei Viertel aller Kita-Kinder von der Betreuung ausgeschlossen", sagte Dirk Reelfs, Sprecher des Kultusministeriums MDR SACHSEN. "Durch den eingeschränkten Regelbetrieb bekommen auch diese Kinder wieder einen Zugang zu Teilhabe, Betreuung und frühkindlicher Bildung."

Kultusministerium: "Enorme Herausforderung"

Die Wiedereröffnung von Kitas unter den Corona-Sicherheitsauflagen ist laut dem Kultus-Sprecher für pädagogische Fachkräfte eine  enorme organisatorische und personelle Herausforderung. Dabei könne es zu Einschränkungen der Betreuungszeiten kommen.

Manches wird sich in den nächsten Tagen zurechtrütteln. In anderen Fällen gilt aber auch die Bitte an die Arbeitgeber, kulant zu sein. Wir befinden uns immer noch in einer schwierigen Situation. Aus unserer Sicht kann es nicht sein, dass ein Arbeitgeber sagt, jetzt sind die Kitas wieder offen, jetzt muss mir mein Arbeitnehmer wie gewohnt voll zur Verfügung stehen. Ein eingeschränkter Regelbetrieb in Kitas und Schulen ist nun mal kein Normalbetrieb. Davon sind wir weit entfernt.

Dirk Reelfs Sprecher Kultusministerium Sachsen

Hochbetrieb, um Sicherheitsauflagen zu erfüllen

Gummistiefel stehen im Regal einer Kindertagesstätte.
Damit alle - Kinder und Erwachsene - gesund bleiben und Sicherheitsauflagen erfüllt werden, arbeiten Erzieher auf Hochtouren Bildrechte: dpa

Pädagogen und Erzieher haben in den vergangenen Tagen mit Hochdruck gearbeitet, um die Corona-Sicherheitsauflagen umzusetzen. "Seit Tagen tun wir alles, was geht", erklärt Romy Müller, Leiterin der Dresdner Kita Pirolino. Mit Klebeband würden Abstände auf dem Boden markiert, Dienstpläne geschrieben, Kollegen und Kinder den Räumen zugeordnet. Durften sich die Kinder bisher aussuchen, ob sie ins Atelier, den Sport- oder Rollenspielraum gehen, müssen sie nun in einem Raum zusammen bleiben – strikt getrennt in festen Räumen, möglichst mit immer denselben Erzieherinnen. Allein in Dresden bereiten sich knapp 400 Kitas und Horte in kommunaler und freier Trägerschaft auf die Wiedereröffnung vor.

Strikte Trennung von Kita-Gruppen

Sachsens Regierung hat entschieden, zügig vom Lockdown in den regulären Schul- und Kitabetrieb zurückzugelangen. Das Konzept von Kultusminister Christian Piwarz (CDU) für die Wiedereröffnung von Kitas und Grundschulen am 18. Mai sieht statt kleiner Gruppen und Abstandsregeln eine strikte Trennung der Kita-Gruppen vor. Damit sollen sich Infektionsketten besser nachverfolgen lassen. Zudem gelten strenge Hygieneregeln.

Kritik von Gewerkschaften, Erziehern und Jusos

Sophie Koch
Sophie Koch, Vorsitzende der Jusos Sachsen: "Schulen und Kitas nicht im Regen stehen lassen." Bildrechte: imago images/Sven Ellger

Gewerkschaft und Erzieher kritisieren die Wiedereröffnung als zu schnell und warnen vor einer Überlastung der Erzieher und Betreuer durch Mehrarbeit und Überstunden. Die Jusos Sachsen fordern in einer Erklärung vom Sonntag das Kultusministerium auf, Lehrern und Schülern beratend zur Seite zu stehen. "Kultusminister Piwarz lässt die Schul- und Kitaleitungen im Regen stehen, indem sie die Regeln komplett eigenverantwortlich umsetzen müssen", sagte Sophie Koch, Vorsitzende der Jusos Sachsen. Viele Lehrkräfte und Erzieher*innen würden eine kurze Vorbereitungszeit sowie eine mangelnde Kommunikation und Unterstützung der Behörden bemängeln. "Diese Perspektive der Praxis darf ein Kultusminister nicht außer Acht lassen!"

Offene Fragen

Die eingeschränkten Öffnungszeiten sind jedoch nicht die einzigen Herausforderungen, welche die Öffnung der Kita mit sich bringt. Geklärt werden muss noch, wie die Kita-Beiträge an die Minimierung der Betreuungszeiten angepasst werden können und wie groß Kita-Gruppen überhaupt sein dürfen. Um die räumliche Trennung der Gruppen zu gewährleisten, müssen manche Kitas ihre Gruppen schlichtweg zusammenlegen. Bis zu 60 Kindern sollen nach MDR-Informationen in manchen Gruppen gleichzeitig betreut werden.

Das Hoffen auf offene Türen

Maria Lindner indes hat noch immer keine Lösung – sie kann Logik und Zeit nicht außer Kraft setzen. Sie will einfach losfahren und an der Kita auf ihr Glück hoffen. "Vielleicht öffnet ja jemand die Türen", erklärt sie und hofft.

* Name geändert.

Anmerkung Für die bessere Lesbarkeit des Textes verzichten wir auf die gleichzeitige Nennung der männlichen und weiblichen Formen. Doch selbstverständlich sind auch alle Lehrerinnen, Ärztinnen, Pflegerinnen, Arbeitnehmerinnen und Erzieherinnen im Text subsumiert.

Quelle: MDR/kt/dpa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 18.05.2020 | 19:00 Uhr

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