01.04.2020 | 20:11 Uhr| Update Schule zu Hause: Sachsens Kultusminister will weniger Druck

In der nunmehr dritten Woche bestreiten Schüler und Eltern zu Hause den Unterricht, weil Schulen wegen der Corona-Krise geschlossen sind. Bei manchen läuft es gut, andere beklagen zu viel Druck und zu viele Aufgaben. Vertreter von Schülern und Eltern haben viele Unsicherheiten festgestellt und verlangen vom Sächsischen Kultusministerium klarere Regeln und Antworten - vor allem auf Fragen zu Zensuren und Abschlusszeugnissen. Minister Piwarz hat darauf geantwortet.

Mutter mit Kindern am Tisch beim lernen.
Seit 16. März ist in Sachsen die Schulpflicht ausgesetzt. Schüler bekommen von ihren Lehrern Aufgaben, die sie zu Hause erledigen sollen. Eltern fällt dabei die Rolle der Unterstützer zu. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach mehreren offenen Briefen von Kreiselternräten und dem Landeselternrat Sachsen (LER) am Wochenende über die Probleme beim Unterrichten zu Hause, hat Sachsens Kultusminister Christian Piwarz reagiert. Alle Beteiligten erlebten eine Situation, die es seit 1945 nicht mehr gegeben habe. "Wir müssen das jetzt bestmöglich bewältigen und den Druck rausnehmen", sagte Piwarz im MDR SACHSENSPIEGEL am Mittwochabend. Dies gelte für Eltern und Lehrer gleichermaßen und auch für das Thema Benotung. Die Lernleistungen, die die Schüler zu Hause erarbeiten, sollten bewertet werden, aber nicht unbedingt benotet werden.

Viele Eltern hatten sich in den zurückliegenden Tagen darüber beklagt, dass sie zu Hause nicht genügend technische Möglichkeiten hätten, um ihre Kinder zu beschulen. Ihnen empfahl der Kultusminister Organisation der Lernabläufe. "Das Wichtigste ist, dass man sich das Ganze organisiert." Viele Aufgaben und Materialien könne man beispielsweise auch ausdrucken. Zudem sollten Eltern "den Draht zu den Lehrern und zur Schulleitung halten", meinte Piwarz.

Durchwachsene Bilanz nach zwei Wochen

Vor dem Gespräch mit dem MDR hatte es eine Reihe von offenen Briefen seitens der Elternschaft gegeben. Auch Minister Piwarz hatte einen Brief an Eltern und Schüler geschrieben. Darin dankte er ihnen für den Einsatz und ihre Mühen. "Die Anfragen und Berichte, die mich aus ganz Sachsen erreichen, zeichnen ein sehr unterschiedliches Bild, wie gut es an den einzelnen Schulen gelingt, die Lernzeit zu organisieren", schreibt Piwarz.

Den kompletten Brief finden Sie hier:

Elternkritik 1: Keine Rücksicht auf technische Ausstattung zu Hause

Die Vizevorsitzende des Landeselternrates Sachsen, Nadine Eichhorn, hat in vielen Gesprächen mit Eltern, die ihre Kinder zu Hause beim Lernen betreuen, Probleme genannt bekommen. Sie bilanziert zur Lage des Unterrichts zu Hause: "An Grundschulen läuft es relativ gut, an Oberschulen und Gymnasien ist es durchwachsen und von Förderschulen hören wir mittelprächtige Katastrophen." Am häufigsten beklagten Eltern, dass keine Rücksicht auf technische Ausrüstung zu Hause genommen werde, dass das Lernpensum stark variiere und Lehrer für Rückfragen und Feedback nicht erreichbar seien.

Bisher habe ich den Eindruck, dass zumindest unsere Kinder mehr arbeiten, als die Unterrichtszeiten vorgeben (häufig sogar von früh bis zum Abendbrot mehr oder weniger durchgängig). Das halte ich auf Dauer für keinen guten und gesunden Zustand.

Zitat einer Mutter Offener Brief Kreiselternrat Dresden

"Es gibt viele Schulen und Lehrer, die die Aufgabenverteilung toll regeln und sich viel Mühe geben. Aber wir erleben auch, dass Schulen Druck weitergeben und die Eltern zu Hause unter großem Druck stehen", sagt Eichhorn. Mütter und Väter wollten ja das Beste für ihre Kinder und dass sie nicht den Anschluss in der Schule verlieren.

Kultusminister Piwarz entgegnet in seinem Schreiben:

Christian Piwarz
Bildrechte: dpa

Es ist allen bewusst, dass die Bedingungen für das Lernen zu Hause während der Schulschließungen sehr unterschiedlich sind. Das betrifft die technischen Möglichkeiten der einzelnen Schulen ebenso wie das Lernumfeld. Und es betrifft die Angebote der Schulen ebenso wie die Unterstützungsmöglichkeiten. Deshalb darf es keine überzogenen Forderungen und keinen Leistungsdruck geben.

Christian Piwarz Kultusminister Sachsen

Berufstätige und Alleinerziehende im Stress

Eichhorn habe Anrufe von Alleinerziehenden und Beschäftigten aus dem Gesundheitswesen oder in Bäckereien bekommen, die morgens um 2 Uhr aufstünden und nach der Schicht am Nachmittag stundenlang die Aufgaben mit ihren Kindern bearbeiten. "Wenn diese Eltern sagen, das ist zu viel, dann muss man das berücksichtigen." Eichhorn selbst betreut als Alleinerziehende ihren Sohn zu Hause und arbeitet Vollzeit. "Ich komme im Alltag auch an meine Grenzen."

Elternkritik 2: Druck und Anforderungen zu unterschiedlich

Ein Schüler vor einem Berg voller Hausaufgaben.
Seit nunmehr drei Wochen müssen Schülerinnen und Schüler in Sachsen ihre schulischen Aufgaben zu Hause erledigen. Das setzt auch die Eltern unter großen Druck, wie sie MDR SACHSEN in zahlreichen Zuschriften berichten. Bildrechte: Doreen Lang

Unterschiedliche Leistungsanforderungen kritisiert ein MDR-Nutzer, der in Königsbrück zwei Kinder zu Hause betreut. "Bei den Aufgaben für zu Hause herrscht offenbar ein Flickenteppich. Ich lese von Eltern, die zu wenig Beschäftigung für ihre Kinder beklagen und mitteilen, ihre Tochter habe heute Vormittag die Aufgaben für die ganze Woche erledigt. Mein Sohn erhält massiv Anforderungen in allen Fächern inklusive Abgabeterminen und Benotungen. Wie kann das sein, wenn die Schulpflicht ausgesetzt ist?", fragt Andreas Hartmann.

Der Vater befürchtet große Ungleichheiten durch die unterschiedlichen Voraussetzungen der Kinder zu Hause. Diese Befürchtungen teilt auch der Landeselternrat.

In seinem Brief an die Eltern erklärt Kultusminister Piwarz dazu:

Wichtig ist, dass Sie den Kindern eine regelmäßige Zeit zum Lernen ermöglichen. Sie sollte sich keinesfalls über den üblichen Unterrichtstag hinaus erstrecken und natürlich kann sich der Familienalltag nicht nach den Unterrichts- und Pausenzeiten der Schule richten.

Christian Piwarz Kultusminister Sachsen

Elternkritik 3: Keine klaren Regeln für Zensuren - und wie geht's nach der Krise weiter?

Neben den Schulen, die sich sehr viel Mühe geben, gibt es auch die, die die Schüler mit zu vielen und/oder zu komplexen Aufgaben überhäufen und auch gleich den nächsten Test über diesen Stoff nach den Osterferien angekündigt haben.

Michael Gerhardt Vorsitzender Landeselternrat

"Es bringt mich auf die Palme, dass das Kultusministerium nicht mit uns Elternvertretern spricht", kritisiert Nadine Eichhorn und schlägt einen virtuellen Runden Tisch vor, an dem sich alle betroffenen Seiten treffen und diskutieren. Niemand wisse, wie es nach den Osterferien weitergehe. Umso wichtiger seien Absprachen und klare Kommunikation, betont Eichhorn.

Am meisten stört sich der Landeselternrat daran, dass das Kultus keine verbindlichen Regeln zur Aufgabenbewertung und Benotung festgelegt habe. Alles liege im Ermessen der Schule. "Es braucht aber klare Regeln, wie mit Abschlusszeugnissen umzugehen ist und verbindliche Regeln, auf die sich Eltern gegenüber der Schule berufen können", verlangt die Landeselternratsvertreterin.

In Minister Piwarz Elternbrief heißt es dazu:

  • "Eltern sollen und können den Unterricht nicht ersetzen.
  • Die Bewertung von Leistungen liegt in der pädagogischen Verantwortung des Lehrers.
  • Die Erfüllung der Lernaufgabe sollte generell durch die Lehrkräfte mit den Schülern ausgewertet und bewertet werden. Die Einschätzung der Lehrkraft kann auch durch eine Selbsteinschätzung des Schülers ergänzt oder ersetzt werden.
  • Die Bewertung soll wertschätzend und ermutigend sein.
  • Sensibilität ist auch gefragt, wenn der reguläre Unterricht an den Schulen wiederaufgenommen wird. Überzogene Forderungen sind zu vermeiden."

Diese Festlegungen wurden für die einzelnen Schularten getroffen:

Hinweise des Kultusministeriums für Schulen in öffentlicher Trägerschaft
Schulart Zensuren? Weitere Festlegungen
Grundschulen Grundsätzlicher Verzicht auf Benotung. Lernbeereitschaft, Zielstrebigkeit und Kreativität können in Kopfnote fließen.
Oberschulen/Förderschulen Weitgehender Verzicht auf Zensuren. In Abschlussklassen Augenmerk auf schriftliche und mündiche Prüfungsfächer.
Gymnasien Benotung bei höheren Klassen zunehmend möglich. Mindestanzahl von Klausuren für Kurshalbjahr 12/II aufgehoben. Bewertungen zur Leistungsermittlung bis Ende des Kurshalbjahres möglich, besonders bei einbringungspflichtigen Fächern.
Berufliche Gymnasien Benotung möglich von Aufgaben, die zu Hause erledigt wurden, etwa Belegarbeiten. Mindestanzahl von Klausuren für Kurshalbjahr 13/II aufgehoben. Bewertungen von Leistungen können noch ins Kurshalbjahr 13/II einfließen, besonders bei einbringungspflichtigen Fächern.
Fachoberschulen Benotung möglich von häuslichen Aufgaben, auch für Facharbeiten. Bei 12. Klassen relevante schriftliche Prüfungsfächer und Englisch im Fokus.
Berufsfachschulen Über Benotung entscheiden die Lehrkräfte. Unverschuldete Fehlzeiten, die wegen der aktuellen Situation in der Berufspraxis entstehen, gehen nicht zu Lasten des Schülers.
Berufsschulen Wünschenswert ist, in möglichst vielen Lernfeldern zu benoten, aber ein sinnvolles Maß an Noten ins Auge fassen. Häuslichen Aufgabenumfang so bemessen, dass Teilnahme an Berufspraktika nicht beeinträchtigt wird. In Abschlussklassen Augenmerk auf Inhalte schriftlicher Abschlussprüfung.
Fachschulen Mit Blick aufs Schuljahresende ein sinnvolles Maß an Leistungsbewertungen ins Auge fassen, wünschenswert ist, dass in möglichst vielen Lernfeldern Benotungen erfolgen. In Abschlussklassen Augenmerk auf schriftliche und mündliche Prüfungslernfelder. Umfang der häuslichen Aufgaben so bemessen, dass Teilnahme an Praktika in Bereichen der kritischen Infrastruktur nicht beeinträchtigt wird.

Schüler- und Elternkritik 4: Unklarheit bei Abschlussprüfungen

Mit Blick auf Abschlusszeugnisse verlangt die Landesschülersprecherin Joanna Kesicka: "Es darf keine Nachteile für Sachsen geben." Wenn Prüfungstermine verschoben werden sollten, müsse es dennoch gerecht zugehen. Zudem sollte Sachsen über ein Notabitur nachdenken.

"Wir wollen eine vergleichbare Behandlung der Schülerinnen und Schüler aller Bundesländer, dies ist nicht gegeben, wenn einzelne Länder auf Abschlussprüfungen verzichten würden und andere nicht. Sollten einzelne Länder erneut versuchen ohne Zwang auf Prüfungen zu verzichten, während die Mehrheit daran festhält, muss die Kultusministerkonferenz einschreiten", so Landesschülersprecerin Kesicka.

Diese Runde aller 16 Kultusminister sieht auch der Landeselternrat in der Pflicht. Für Abschlussklassen und Abschlusszeugnisse müssten bundesweit einheitliche Absprachen getroffen werden, "damit kein Schüler Nachteile bei der Studien- oder Berufswahl erleidet", sagte Landeselternrats-Vize Nadine Eichhorn MDR SACHSEN.

Das Kultusministerium hält sich eine endgültige Entscheidung zu den Abschlussprüfungen bislang offen. Die Abiturprüfungen, die unmittelbar nach den Osterferien angesetzt sind, sollen bislang wie geplant stattfinden. Die Prüfungen für die Oberschulen sollen im Mai beginnen. Sollten die Prüfungen aus Infektionsschutzgründen nicht durchführbar sein, fänden sie zu einem Nachholtermin bis zum Ende des Schuljahres statt.

Ohne jede Frage muss der Gesundheitsschutz der Schülerinnen und Schüler (genauso wie der Lehrerinnen und Lehrer) bei den Prüfungen gewährleistet sein. Sollten daran Zweifel bestehen, denken wir selbstverständlich über eine Verschiebung nach.

Kultusministerium Sachsen SMK-Blog

Das Kultusministerium wies außerdem darauf hin, dass angesichts der Corona-Krise in Sachsen bereits verschiedene Szenarien entwickelt seien, um den sächsischen Schülern keine Nachteile entstehen zu lassen. Das soll auch die Oberschüler berücksichtigen, die in diesem Jahr ihren Abschluss machen.

Programmhinweis: Kultusminister Christian Piwarz ist am Abend um 19 Uhr live zu Gast im SACHSENSPIEGEL und beantwortet Fragen.

Hier finden Eltern die Kontakte für ihr zuständiges Schulamt:

Quelle: MDR/kk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 01.04.2020 | 19:00 Uhr

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