Interview Reden und füreinander da sein: Was tun, wenn ein Angehöriger schwer erkrankt?

Jeden Tag hören wir die Zahlen von Erkrankten und Verstorbenen. Man schluckt kurz und stellt sich immer wieder die Frage, wie man damit umgeht, wenn man von einer schweren Erkrankung eines Verwandten, Freundes oder Kollegen erfährt. Oft ist man sprachlos und findet schwer die richtigen Worte. Wie reagiert man richtig? Das haben wir Dr. Barbara Schubert gefragt. Sie ist Chefärztin der Klinik für Innere Medizin, Geriatrie und Palliativmedizin im Krankenhaus St. Joseph-Stift Dresden.

Eine Frau liegt im Krankenbett und spricht mit einem Mann, der daneben steht. 5 min
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Wenn wir von Menschen, die wir gut kennen, erfahren, dass sie schwer erkrankt sind, zum Beispiel an Krebs, wissen wir oft nicht, wie wir damit umgehen sollen. Was raten Sie?

Dr. Barbara Schubert: Wenn uns dieser Mensch nicht nahestehen würde, wäre uns seine Situation egal. Insofern möchte ich als erstes sagen, dass wir eine Beklommenheit empfinden, dass wir traurig sind, dass wir sprachlos sind, ist eine normale Reaktion. Wenn wir das empfinden und dem Anderen zu verstehen geben, dann ist das zunächst einmal ein guter Einstieg in ein Gespräch.

Man tut sich teilweise sogar richtig schwer, den Erkrankten zu besuchen, weil wir gar nicht wissen, wie wir ihn ansprechen sollen …

Barbara Schubert
Die Palliativmedizinerin Barbara Schubert begleitet schwerkranke Menschen. Bildrechte: St. Joseph-Stift Dresden.

Wenn wir unsere schweren Gefühle in dieser Situation nicht zeigen, dann öffnen wir dem Kranken einen Interpretationsspielraum. - Ich bin ihm nicht mehr wichtig, es interessiert mich nicht. Wenn wir uns gar nicht melden, denkt er vielleicht, ich bin auch krank und kann mich gar nicht melden. Diese Reaktion löst natürlich, auch wenn es keine Reaktion ist, trotzdem Gedanken und Gefühle bei dem Betroffenen aus und das kann ihn zusätzlich beschweren.

Wie kann man Trost spenden? Und wie spricht man den Schwerkranken richtig an?

Ich glaube, der erste Trost ist, zu kommen, sich zu melden. Mit diesem Besuch signalisiert man doch, ich bin für dich da. Für den Einstieg in ein Gespräch könnte das der erste Satz sein: Ich bin für dich da. Sag mir, was du brauchst. Sag mir, was dir durch den Kopf geht. Sag mir, was dir Angst macht, womit ich dich erfreuen kann. Was wäre dir hilfreich?

Braucht Mitgefühl wirklich Worte oder reicht es manchmal auch nur mit dem Erkrankten zu schweigen?

Das ist manchmal besser. Manchmal, ist es allein die Geste, sich einen Stuhl zu nehmen, sich ans Bett zu setzen und gar nichts zu sagen, sondern einfach das Signal zu setzen, ich habe jetzt Zeit, ich bin jetzt da. Ich habe sogar so viel Zeit, dass ich nicht am Bett stehen bleibe, sondern ich setze mich zu dir. Und dann gucken wir mal, was kommt.

Viele von uns haben dann so ein komisches Gefühl: Ich bin gesund, der Andere ist krank. Wie geht man damit um?

Es gibt keinen Anspruch auf Gesundheit. Und es gibt auch keinen Schutz vor Krankheit. Das gehört zum Leben - krank zu werden und manchmal sterben zu müssen. Das gehört zu unserem Leben dazu. Und die Frage nach Schuld oder verdient, die hilft uns nicht weiter. Eher ist es wichtig zu sagen, was machen wir jetzt mit dieser Situation?

Die Menschen, die sich bei Ihnen im Zentrum für Palliativmedizin im Dresdner St. Joseph-Stift befinden, haben eine nicht heilbare, fortgeschrittene Erkrankung und eine sehr begrenzte Lebenserwartung. Wie erleben Sie Ihre Patienten?

Ein Arzt erklärt einer Patientin anhand eines Modells die Funktionsweise eines künstlichen Kniegelenks.
Menschen, die schwer krank sind, erleben diese Situation sehr unterschiedlich. "Beieinander bleiben", einer schweren Situation nicht aus dem Weg gehen, das ist der Rat von Frau Dr. Schubert. Bildrechte: IMAGO

Ich erlebe sehr unterschiedliche Reaktionen. Es gibt Menschen, die haben eine ganze Zeit lang die Möglichkeit, sich mit einer fortschreitenden Erkrankung zu arrangieren. Sie haben Gespräche mit ihren behandelnden Ärzten, was sind Erwartungen an eine Behandlung und an die Zeit, die bleibt. Andere Patienten haben diese Zeit nicht, die müssen sehr schnell realisieren, dass das Leben viel schneller vergeht, als sie sich das für sich gewünscht haben. Der Eine sagt, ach übrigens Frau Doktor in meiner Schublade, da liegt ein brauner Briefumschlag. Da steht alles drin, was sein soll, wenn ich nicht mehr bin. Ein Anderer kann das Schlusswort mit "s", nämlich sterben müssen, gar nicht aussprechen.

Welchen Rat würden Sie Familienangehörigen und Freunden mit auf den Weg geben, die mit einem Schwerkranken zu tun haben, dessen Zeit zu Ende geht?

Suchen Sie den Rat von Menschen, die Erfahrungen haben, mit einer solchen Situation umzugehen. Das können auch Freunde sein. Das können andere Familienmitglieder, professionelle Helfer sein. Fragen Sie, was an Unterstützungsmöglichkeiten existiert und wie man mit dieser Situation gut umgehen kann.

Bleiben Sie beieinander, dass ist eigentlich die wichtigste Botschaft. Laufen sie nicht voreinander weg, weil eine Situation schwer ist. Jede Beziehung ist es wert, zu schauen, ob und wie es auch gemeinsam in der Krise gehen kann.

Dr. Barbara Schubert | Chefärztin der Klinik für Innere Medizin, Geriatrie und Palliativmedizin im Krankenhaus St. Joseph-Stift Dresden

Quelle: MDR/th/in

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 18.01.2021 | 10:00 - 13:00 Uhr

1 Kommentar

harzer vor 5 Wochen

Darf man seine Angehörige in KH. besuchen ? ich hoffe da gibt es bald Bewegung von unseren großen Politikern! Wer so etwas bestimmt, dass er seine engsten Familienangehöhrige nicht besuchen kann, ist kein Mensch in meinen Augen.

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