26.05.2020 | 10:57 Uhr Unternehmer aus Schwarzenberg: "Busse sind keine Virenschleudern"

Nach Wochen zu Hause sehnen sich viele Menschen nach Urlaub. Doch wie können Ferien in Corona-Zeiten aussehen? Darüber hat Moderator Andreas F. Rook am Montagabend bei "Fakt ist!" aus Dresden mit seinen Gästen gesprochen: Claudia Neumerkel von der Verbraucherzentrale, dem Busunternehmer René Lang, der Professorin für Tourismus-Ökonomie und Marketing Claudia Brözel sowie dem EU-Abgeordneten Sven Schulze und Annett Schrank, Stadtführerin in Rom.

Sommer, Sonne, Urlaub - die Aussicht auf die Ferien ist für viele Menschen der Lichtkegel am Horizont. Eis am Strand, Wandern durch die Berge, Radeln am Fluss, Wein in Paris, die Liste der Sehnsuchtsorte ist groß, die Planungssicherheit bleibt jedoch aktuell klein. "Es gibt keine pauschale Antwort, was möglich sein wird", erklärte Claudia Neumerkel von der Verbraucherzentrale. Man müsse zudem sehr stark zwischen Pauschal- und Individualreisen differenzieren. Der Kunde müsse für sich klären, "was er kann und was er hat." Was hat der Veranstalter zugesichert, fehlt eine Eigenschaft, die wichtig war? Seit Wochen beschäftigt sich Neumerkel mit Fragen zu Reisen und touristischen Angeboten. "Die Kunden spüren eine große Unsicherheit", sagte sie. "Allein die Gefahr einer Infektion stellt einen juristischen Rücktrittsgrund dar."

Ein Schild mit der Aufschrift 'Bitte Abstand halten' steht am Zugang zum Strand an der Ostsee.
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Keine Zwangsgutscheine

Doch was tun, wenn der Urlaub schon seit Langem gebucht und auch bezahlt ist? Stornieren, einen Gutschein oder das Geld annehmen - oder vielleicht doch lieber abwarten? "In der Sondersituation haben wir darüber nachgedacht, ob man für eine bestimmte Zeit nicht verpflichtende Gutscheine einführen kann, das wird jetzt aber nicht kommen", sagte Sven Schulze. Der EU-Abgeordnete plädierte dafür, auch an die Unternehmen zu denken. Viele Anbieter aus Europa würden keinen Pfennig bekommen. Zudem seien viele Millionen Menschen von der Tourismusbranche abhängig.

Neumerkel: Urlaub ist ein Luxusprodukt

Dass die Erstattung des gebuchten Urlaubs nicht über Gutscheine laufen muss, begrüßte Neumerkel von der Verbraucherzentrale. "Wir haben starke Bedenken an den Zwangsgutscheinen, gut, dass diese Variante endgültig vom Tisch ist", erklärte die Reiseexpertin. Zwangsgutscheine hätten zu Liquiditätsproblemen bei Reisenden führen können. Zudem wäre nur etwa die Hälfte der Gutscheine insolvenzfest gewesen.

Reiseexpertin Claudia Neumerkel von der Verbraucherzentrale Sachsen
Claudia Neumerkel von der Verbraucherzentrale Sachsen berät Kunden zum Urlaub in Corona-Zeiten. Bildrechte: privat

Urlaub ist nach wie vor ein Luxusprodukt, es kommt natürlich auch auf die Urlaubskasse an.

Claudia Neumerkel Reiseexpertin Verbraucherzentrale

Rund 400.000 Euro nach Stornierung zurückgezahlt

Die Schwierigkeiten um die Rückerstattungen geplanter Reisen kennt der Reisebusunternehmer René Lang aus Schwarzenberg aus dem Erzgebirge nur zu gut. "Wenn alle zu mir sagen, 'ich will mein Geld zurück, ist das Gleiche, wie wenn alle Leute zur Bank rennen und sagen 'Ich will mein Geld zurück'", sagte Lange. "Wir haben über 400.000 Euro zurückgegeben, das wäre ohne Kredite nicht möglich gewesen."

Besonders am Anfang hätten viele Menschen panisch reagiert und "wollten aus ihren Verträgen raus". Seit dem 13. März habe er allein etwa hundert Mehrtagesreisen und 150 Tagesreisen absagen müssen. Zudem sei das Unternehmen in große Reisevorleistungen gegangen. "Die Hälfte des Reisejahres ist schon jetzt Geschichte."

Busunternehmer René Lang steht vor einem Reisebus
Busunternehmer René Lang am Montagabend bei "Fakt ist!" in Dresden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Besser in Deutschland buchen?

Doch ist es besser jetzt schnell in Deutschland zu buchen, bevor alles weg ist? "Ich glaube, nicht, dass es eng wird", erklärte die Tourismusexpertin Claudia Brözel. "Nicht alle 55 Millionen Menschen, die letztes Jahr verreist sind, werden in diesem Jahr einen Urlaub machen." Viele Menschen seien in Kurzarbeit und würden sich "lieber Mikro-Abenteuer in der näheren Umgebung suchen".

"Es gibt schon jetzt in Deutschland Gebiete, die man nicht kurzfristig anfragen kann, das hat nicht viel mit Corona zu tun", sagte Schulze. Warnemünde sei kurzfristig immer schwer zu bekommen. Der Abgeordnete hat vor allem die Reiseregion Europa im Blick. "Ich denke, dass man in Europa für jeden Geldbeutel Urlaub machen kann. Die Unternehmen in Deutschland und Europa täten gerade alles, um die Vorgaben der Politik umzusetzen. Schulze sieht die aktuelle Situation "optimistischer als es in den vergangenen Wochen der Fall war".  

Politiker Sven Schulze
CDU-Politiker und EU-Abgeordneter Sven Schulze Bildrechte: Sven Schulze

"Wir dürfen nicht vergessen, dass die Pandemie viele Länder stärker getroffen hat als Deutschland", erklärte er. Deswegen sei es sinnvoll, regional und in den einzelnen Ländern Europas nach dem Stand der Infektionen zu entscheiden. "Doch sobald es möglich ist, brauchen wir einheitliche Regelungen."

Corona-App zum Schutz im Urlaub

Ja, die Frage nach dem Schutz vor Corona bleibt auch im Urlaub. Wie hoch ist die Gefahr sich anzustecken? Eine Antwort auf diese Frage sieht die Tourismusexpertin Claudia Brözel in der Corona-App. "Ich glaube, dass durch die Corona-App viel an Reisetätigkeit möglich wird. Ich bin überzeugt, dass die App kommt", sagte sie. Diese Einschätzung teilte auch der CDU-Politiker Schulze. "Die App auf freiwilliger Basis wird kommen", sagte er . "Wir brauchen keine App, die nur in Deutschland funktioniert, sondern in ganz Europa."

Für eine gewisse Gelassenheit plädierte Tourismusexpertin Brözel:

Wir sind in einer Situation, die hat niemand auf unserem Planeten jemals erlebt. Ich finde, die Politik hat in Deutschland einen guten Job gemacht. Planungssicherheit kann gerade niemand geben. Es ist an der Zeit, Innovationen im Tourismus zu nutzen.

Claudia Brözel, Professorin für Tourismus-Ökonomie und -marketing an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde
Claudia Brözel, Professorin für Tourismus-Ökonomie und -Marketing an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde plädiert für Gelassenheit. Bildrechte: Claudia Brözel

Venedig habe zum Beispiel Datenpunkte in der Stadt verteilt, die Auskunft darüber geben, wo sich gerade zu viel Menschen aufhalten.

Brözel: Kein Zurück zum "Normal"

Brözel glaubt nicht, dass es ein Zurück zu einem "Normal" gibt – auch nicht nach der Aufhebung der Reisewarnungen am 15. Juni. "Wir können nicht in großen Massen unterwegs sein, bevor wir eine Impfung oder eine Resistenz entwickelt haben", sagte sie. "Erinnern wir uns an 9/11. Nach dem Terrorangriff durften wir kein eigenes Wasser mitnehmen und haben uns auch daran gewöhnt." Zudem würden viele digitale Innovationen weiterentwickelt und den Massentourismus regulieren.

Reisen werden abgesagt

Lässig kann Busunternehmer Lang nicht bleiben. "Wir sind gar nicht in der Lage, neue Urlaubsreisen kurzfristig aus dem Boden zu stampfen. Über Hotspots brauche ich jetzt gar nicht mehr nachzudenken. Die Planungssicherheit durch die Politik ist einfach nicht  gegeben", monierte er. Das führe dazu, dass er als Veranstalter Reisen absagen muss. "Die Kunden fragen in unseren Reisebüros nach. Doch auch wir können die Sicherheit nicht geben, schlichtweg, weil wir erlebt haben, dass Bestimmungen schnell wieder überholt werden können", erklärte Lang.

Lang: "Busse sind keine Virenschleudern"

Der Unternehmer aus dem Erzgebirge ist frustriert: "Die Busreiseverbände rennen seit Wochen bei der Politik die Türen ein, doch wir werden ignoriert. Wir erhalten nur ganz wenig Feedback", sagte Lang. "Die Bahn fährt doch auch kreuz und quer durch Deutschland, Busse sind keine Virenschleudern." Schon allein die Hälfte der Auslastung in Bussen wäre ein erster Schritt. Nach derzeitigen Regelungen würden mit dem Fahrer zusammen jedoch nur sechs Menschen in einen großen Reisebus passen.

Schulze: Gleiche Regeln

Diesen Unmut kann der CDU-Politiker Sven Schulze verstehen. "Es muss gleiche Regeln geben, für alle. Für die Bahn, die Flugzeuge und die Fernreisebusse", sagte er. " Wir brauchen für die gleichen Branchen die gleichen Lösungen. Ich bin überzeugt, dass die deutsche Politik hier eine einheitliche Lösung finden wird."

Quelle: MDR/kt

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR FERNSEHEN | "Fakt ist!" aus Dresden am 25.05.2020 | 22:05 Uhr

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