Teststrategie Corona-Kontaktpersonen ohne Test und Quarantäne

Um die Ausbreitung des Coronavirus in den Griff zu kriegen, sind Tests ein wirksames Mittel. Doch die Kapazitäten sind vielerorts ausgeschöpft. Ämter testen längst nicht mehr alle engen Kontaktpersonen von Infizierten. Dabei sieht die Teststrategie des Bundesgesundheitsministeriums anderes vor. Doch die ist lediglich eine Empfehlung, wie es nun aus dem Ministerium heißt.

Röhrchen mit Speichelproben werden im Labor der Bioscientia Healthcare GmbH auf einem Wagen gezeigt.
Labore arbeiten am Limit. Zehntausende Corona-Tests werden täglich in Deutschland durchgeführt. Die Kapazitätsgrenze ist in großen Teilen Sachsens erreicht, melden die Gesundheitsämter. Bildrechte: dpa

Ich habe einen positiven Corona-Test und wir hatten in den letzten Tagen Kontakt. Ich glaube, du solltest dich testen lassen.

Wer das hört, bekommt natürlich einen Schreck. Genau so ging es Klara und Martin aus Leipzig. Die beiden haben ein fünf Monate altes Baby. Sie ist in Elternzeit, er selbstständig und beide leben seit der Corona-Pandemie sehr kontaktarm, sagen sie. Denn während der Schwangerschaft und in den ersten Wochen nach der Geburt wollten sie nichts riskieren.

Corona am Kaffeetisch

Vor kurzem aber hatte Martin Geburtstag und zu dem war seine Oma eingeladen. Doch was beim Zusammensitzen an der Kaffeetafel niemand wusste: Die Oma hatte sich mit dem Coronavirus infiziert, als sie sich zwei Tage zuvor mit einer Freundin getroffen hatte. Aus der jungen Familie werden Kontaktpersonen 1. Grades. Die folgenden Schritte scheinen klar: weitere Kontaktpersonen informieren, testen lassen, Quarantäne. Doch ganz so einfach ist es nicht.

Gesundheitsamt in Leipzig will nicht testen

Nach dem positiven Testergebnis der Oma versuchen Klara und Martin sich auch testen zu lassen. Das Gesundheitsamt der Stadt Leipzig weist sie aber ab und meint: So lange die beiden keine Symptome haben, werde nicht getestet. Die Kapazitäten seien überlastet. Zudem sei den beiden geraten worden, ihre Kontakte weiter zu reduzieren, keine öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen und nur noch einmal in der Woche in einen Supermarkt zu gehen. Eine Quarantäneanordnung gab es nicht.

Nationale Teststrategie vs. Realität

Dabei sieht die nationale Teststrategie klar vor, dass Kontaktpersonen 1. Grades auf jeden Fall getestet werden sollten und die Kosten für den Test von den gesetzlichen Krankenversicherungen betragen werden. Nachzulesen ist das auf der Internetseite des Bundesgesundheitsministeriums.

Doch in Sachsen weichen inzwischen fast alle Gesundheitsämter von dieser Teststrategie ab, wie eine Recherche von MDR SACHSEN zeigt. In zehn der angefragten Gesundheitsämter werden nur noch Menschen mit Corona-Symptomen getestet – das empfiehlt mittlerweile auch das Robert Koch-Institut. Nur das Erzgebirge teilt auf Anfrage mit, dass Kontaktpersonen 1. Grades "Anspruch auf Testung auf einen direkten Erregernachweis des Coronavirus SARS-CoV-2" haben. Ob dies aber im Landkreis auch so durchgeführt wird, bleibt offen. Aus Chemnitz heißt es eindeutig: "Das Gesundheitsamt Chemnitz testet jede Kontaktperson 1.Grades." Lediglich in einem Punkt sind sich zwölf der dreizehn Gesundheitsämter einig: Wer Kontaktperson 1. Grades ist, muss sich in Quarantäne begeben. Leipzig ist das einzige Gesundheitsamt, aus dem noch keine Antwort vorliegt.

Ein Mitarbeiter der Johanniter-Unfall-Hilfe nimmt für einen Corona-Test einen Abstrich von einer Frau.
Die Gesundheitsämter sind an ihrer Belastungsgrenze. Testkapazitäten sind fast überall ausgeschöpft. Bildrechte: dpa

"Unsicherheit kaum zu ertragen"

Für Martin ist das Vorgehen völlig unverständlich: "Wir wollen uns testen lassen, denn wir können die Unsicherheit nicht ertragen, vielleicht auch andere angesteckt zu haben. Zudem muss ich wissen, ob ich als Freischaffender in den kommenden Tagen Aufträge absagen muss oder annehmen kann. Das ist auch eine Frage der Existenz."

Test für das Baby

Als ihr fünf Monate altes Baby Fieber bekommt, wird zumindest das Kind getestet. Das Ergebnis des PCR-Tests ist negativ - doch Gewissheit bringt das für Klara du Martin trotzdem nicht. "Unser Kind saß nicht direkt an der Kaffeetafel mit der Oma. Es lag weiter entfernt, wir hatten aber direkten Kontakt." Doch auch mit diesem Argument scheitert die junge Familie beim Hausarzt. In der Notaufnahme, die das Paar ebenfalls kontaktiert, heißt es, ein Test habe keine Aussage, wenn der Getestete noch keine Symptome habe.

Fassungslosigkeit über Organisation

Klara ist fassungslos: "Ich finde es krass, wie unorganisiert alles ist und wie uns jeder was anderes sagte. Kein Wunder, dass die Zahlen nicht runtergehen. Solche Leute wie wir, die Kontaktpersonen 1. Grades sind, aber keine Gewissheit über ihr Ansteckungsrisiko bekommen, laufen vermutlich zu Hunderten draußen rum. Die wenigsten werden sich wahrscheinlich in freiwillige Isolation begeben, wenn das Gesundheitsamt lediglich rät, den ÖPNV zu meiden."

Vier Tage nach dem Geburtstagskaffee lassen sich die beiden schließlich auf eigene Kosten testen. Das Ergebnis ist negativ, die Erleichterung groß. In der Abwägung seien es die Kosten wert.

Was sagt die Gesundheitsministerin? Gesundheitsministerin Petra Köpping sagte auf der Pressekonferenz am 11. Dezember, dass die Tests nicht durchgeführt werden, weil die Gesundheitsämter die Kontaktverfolgungen nicht mehr gewährleisten können. In vielen Fällen könnte Kontaktpersonen erst nach einer längeren Zeit mitgeteilt werden, dass sie sich in Quarantäne begeben müssen. Um diesen Zustand wieder zu verbessern, seien die Schutzmaßnahmen nun noch einmal verschärft werden.

Test für das neue Virus 2019-nCov (Coronavirus) 18 min
Bildrechte: dpa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 03.12.2020 | 19:00 Uhr

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