Viele Corona-Patienten Krankenhäuser in Tschechien überlastet

In Tschechien wütet die Pandemie europaweit gerade besonders stark. Das Land fragt vorsorglich die Hilfe deutscher Kliniken an, da das heimische Gesundheitssystem bald überfordert sein könnte. Dabei stand Tschechien noch im Frühjahr gut da.

Feldkrankenhaus in Tschechien errichtet
Blick in ein Feldkrankenhaus, das in Tschechien aufgebaut wurde. Bildrechte: Associated Press

Die Zeitungsmeldung las sich kurios: Immer mehr Tschechen mit leichten Corona-Verläufen sollen versucht haben, sich per Krankenwagen in eine Klinik bringen zu lassen, hieß es in dem Bericht. Damit wollten sie sicherstellen, dass für sie noch ein Krankenhausbett frei ist im Fall, dass sich ihr Zustand verschlimmert.

Die Sorge, dass die Kapazitäten irgendwann nicht mehr ausreichen, scheint in Tschechien sehr begründet: Das Zehn-Millionen-Einwohner-Land gehört jetzt im Herbst zu den am schwersten betroffenen Regionen in Europa. Zuletzt kamen täglich rund 16.000 neue Fälle dazu. Auf deutsche Verhältnisse umgerechnet, würde das rund 130.000 Neuinfizierte bedeuten, Tag für Tag. Die Dramatik der Lage zeigt eine andere Zahl: Rund 80 Prozent aller bisherigen Covid-19-Patienten in Tschechien infizierten sich im Oktober.

Erste Covid-Patienten verlegt

Tschechien hat zwar im europäischen Vergleich viele Intensivbetten, aber die Kapazitäten kommen schon jetzt an ihre Grenzen. Erste Krankenhäuser müssen Covid-Patienten wegen akuter Überlastung in andere Regionen verlegen. Und vor allem: Viele hundert Ärzte und Pfleger sind ebenfalls infiziert. Die tschechische Regierung hat zur Sicherheit schon in den benachbarten deutschen Bundesländern Bayern und Sachsen vorgefühlt, ob die dortigen Kliniken im schlimmsten Fall auch tschechische Patienten mitversorgen könnten.

Dritter Gesundheitsminister im Amt

Viele Tschechen fühlen sich inzwischen von der Politik im Stich gelassen. Besonders verheerend: Seit sich die Lage im Herbst zuspitzte, ist jetzt schon der dritte Gesundheitsminister im Amt. Der erste trat angesichts der steigenden Infektionszahlen zurück, der zweite wurde nach rund einem Monat im Amt von Fotografen erwischt, wie er um Mitternacht aus einem Restaurant kam, nachdem er kurz zuvor angeordnet hatte, dass sämtliche Restaurants für einige Wochen schließen müssen. Der dritte Gesundheitsminister, der Medizinprofessor Jan Blatny, ist seit wenigen Tagen im Amt und soll nun zum Gesicht der tschechischen Corona-Politik werden.

Menschen mit Mund-Nasen-Schutz auf der Kalrsbrücke in Prag
Spaziergänger auf der Karlsbrücke in Prag. Bildrechte: dpa

Dass dem Land ein langer Weg bevorsteht, deutete jetzt am Wochenende Innenminister Jan Hamacek an: "Ich wäre natürlich sehr froh, wenn es vor Weihnachten zu einer Erleichterung kommen könnte", sagte er in einer Fernsehsendung. "Das muss aber sehr vorsichtig geplant werden. Wenn man zu viel und zu früh lockert, lässt es sich danach sehr schlecht bremsen."

Radikale Vorkehrungen im Frühjahr, Lockerungen im Sommer

Das ist genau die Erfahrung, für die Tschechien geradezu exemplarisch steht. Im Frühjahr noch reklamierte die Regierung für sich, die Corona-Pandemie am besten von allen europäischen Staaten gemeistert zu haben. Tatsächlich gab es kaum Neuinfektionen, die Zahl der Todesfälle lag im EU-Vergleich niedrig. Das lag an sehr radikalen und frühzeitigen Maßnahmen. Schon seit Mitte März galt in Tschechien beispielsweise eine Maskenpflicht. Selbst bei Spaziergängen im Freien musste der Schutz getragen werden.

Als dann der Sommer kam, schlug die tschechische Politik allerdings ins Gegenteil um: Die Maskenpflicht wurde überall aufgehoben, selbst in Geschäften, in Behörden und in den hoffnungslos überfüllten Straßenbahnen in der Prager Hauptverkehrszeit. Einzig in der U-Bahn mussten weiterhin Masken getragen werden. Restaurants, Clubs und Bars öffneten wieder, und einen Sommer lang fühlte sich das Leben im Land wieder so an, als wäre nie etwas geschehen.

Aber diese Lockerheit rächte sich. Als Ende August die Sommerferien landesweit zu Ende gingen, stiegen die Corona-Zahlen rapide an. Und als eines der ersten europäischen Länder musste Tschechien in einen teilweisen Lockdown gehen: Alle Geschäfte außer jenen für den täglichen Bedarf mussten schließen, die Schulen sind schon seit Wochen zu. Immerhin macht sich das allmählich in den Zahlen bemerkbar, die Neuinfektionen nehmen langsamer zu.

Quelle: MDR/epd

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 02.11.2020 | 19:00 Uhr

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