03.03.2020 | 12:45 Uhr Virologe der Uniklinik Leipzig zum Coronavirus: "Absehbar war hier nichts"

Seit Montagabend gibt es auch in Sachsen einen bestätigten Coronavirus-Fall. Viele Menschen in Sachsen haben Angst, sich anzustecken. Ist die Sorge berechtigt? MDR SACHSEN hat mit dem Virologen Uwe Liebert von der Uniklinik Leipzig gesprochen. Er ist Direktor des Instituts für Virologie. Wie schätzt er die Gefahr ein?

MDR SACHSEN: Wie schätzen Sie generell die Gefahr ein?

Virologe Uwe Liebert: Also grundsätzlich sind wir natürlich keine Hellseher. Wir wissen nicht, was noch alles kommen wird. Es ist anzunehmen, dass die Erkrankungszahlen zunehmen werden. Aber wie stark, wissen wir nicht genau. Jedenfalls ist das Risiko durch die Politik und das Robert-Koch-Institut von niedrig auf moderat erhöht worden.

Gelingt es im Moment,die Ausbreitung einzudämmen. War das alles bisher so absehbar?

Absehbar war hier gar nicht viel. Aber ich glaube, die Anstrengungen, die in den europäischen Ländern unternommen werden, sind hilfreich und haben zumindest dazu geführt, dass wir noch so wenige Infizierte in Europa haben.

Ist es nach wie vor noch eine Wundertüte? Kann man sagen, ob es einen sprunghaften Anstieg geben wird?

Sagen wir so: Wir sind ganz gut darauf vorbereitet. Nicht nur wir Virologen, sondern auch die Krankenhäuser, die Gesundheitsämter, also alle, die hier eine Rolle mitspielen. Also wenn es einen Anstieg gibt, dann werden wir damit fertig und nicht völlig überrascht sein. Die Ressourcen sind zurzeit ausreichend.

Wenn man sich die Grippezahlen zum Vergleich ansieht, dann wirken die natürlich erst mal deutlich schlimmer.  Wir hatten jetzt in der aktuellen Saison 12.000 Infizierte und 25 Tote allein in Sachsen. Dagegen sind die aktuellen Corona-Zahlen erst mal nichts. Kann man diesen Vergleich überhaupt anstellen?

Vergleichen können wir immer. Man kann immer Äpfel und Birnen miteinander vergleichen. Aber es ist tatsächlich so, dass wir das Grippevirus, das wir schon seit über hundert Jahren kennen, gern damit vergleichen. Anzahl der Infizierten, Sterberate und so etwas. Und diese Anzahl der Infizierten sind viel, viel mehr. Die Sterberate scheint zurzeit zumindest noch sehr viel geringer zu sein.

Aber bei dem Coronavirus wissen wir noch gar nicht, ob weltweit wirklich alle Infizierten auch aufgespürt worden sind. Und es kann auch in Deutschland Leute geben, bei denen, wie in dem sächsischen Fall, ein Zufallsbefund erhoben wird. Das heißt also, die meisten Menschen, also vier von fünf Infizierten, haben keine oder ganz milde Symptome.

Aber kann man damit sagen, ob das Virus gefährlicher ist, als die Grippe oder nicht?

Eigentlich kann man das nicht sagen. Nur zurzeit geben die Zahlen so ein Bild ab, als ob das gefährlicher sei.

Wie kann ich mich vor dem Coronavirus schützen? Diese Frage treibt doch eine ganze Menge Menschen um. Brauche ich überhaupt Desinfektionsmittel oder reicht nicht zum Schutz vor der Krankheit oder einer möglichen Ansteckung auch Händewaschen?

Es sind zwei unterschiedliche Dinge. Das Händewaschen betrifft ihre eigenen Hände mit Seife. Damit können Sie das Virus oft auf den Händen, auf der Haut inaktivieren. Aber auf den glatten Flächen wie Tischen, Türklinken und so etwas da nimmt man in der Regel schon Desinfektionsmittel. Das Händewaschen sollte lang genug sein, also 20 bis 25 Sekunden mit Seife.

Zweimal 'Happy Birthday' singen beim Händewaschen ist eine gute Faustregel, damit es lange genug ist und die Hände wirklich sauber sind.

Tipp von Elena Pelzer | Morgenmoderatorin beim Sachsenradio

Wie schützt man sich am besten?

Es gibt verschiedene Dinge. Was man unbedingt tun sollte: Wenn jemand hustet, niest, schnieft oder so etwas, das man lieber einen Meter oder anderthalb Meter Abstand einhält, dass man sich also zurücknimmt.

Das zweite, wenn man selbst hustet, niest und schnieft, dann bitte in die Armbeuge hinein. Bei Schnupfen bitte Papiertaschentücher verwenden und die auch gleich entsorgen und vernichten. Das ist eigentlich das Allerwichtigste, was man machen kann. Und der dritte Punkt, dafür ist es ein bisschen zu spät inzwischen, wäre die Grippeimpfung gewesen. Dann würde man nämlich allenfalls eine ganz leichte Grippe kriegen. Und wann würde das Gesundheitssystem nicht so massiv überbeansprucht werden. Zurzeit haben wir sowohl die Grippe mit allen anderen Viren dazu und das Coronavirus. Und das bringt uns schon nah an eine Grenze der Belastbarkeit.

Gerade auch der Ausverkauf der Schutzanzüge und Schutzmasken ist ein Problem für die Krankenhäuser. Wie ist das aktuell an der Uniklinik Leipzig?

Je besser die Beschaffung reagiert hat, desto besser ist man dran. Aber es werden auch Bestellungen storniert. Und dann steht man plötzlich da und hat so gut wie nichts mehr. Da muss man über Ebay oder Baumärkte versuchen, die richtigen Masken zu kriegen. Das ist eine Herausforderung für die Beschaffung in den Krankenhäusern.

Wie ist es bei Ihnen an der Uniklinik in Leipzig? Machen Sie sich Gedanken um das Personal, wenn sie hören, dass jetzt zu wenig Schutzkleidung da ist?

Zurzeit gibt es am Uniklinikum Leipzig noch keine Engpässe. Unsere Vorstände im Klinikum haben ganz klar kommuniziert, dass ihnen das Wohl der Mitarbeiter wichtiger ist als alles andere. Schutzkleidung ist ausreichend vorhanden. Es gibt keine Bedenken. Und wenn ein Mitarbeiter tatsächlich ein begründeter Verdachtsfall ist, dann wird er von der Arbeit freigestellt, unter Fortzahlung der Bezüge.

Es gibt inzwischen auch vermehrt Klagen von Hausärzten, die signalisieren, dass sie jetzt mit der Krise alleine gelassen werden. Können Sie dazu etwas sagen?

Also grundsätzlich müssten die Ärzte nicht allein gelassen sein. Das Entscheidende ist, dass die Krankenkassen die Kosten eines Tests übernehmen. Die Tests müssen ärztlich indiziert sein. Also der Arzt muss sagen: Ja, dieser Test ist sinnvoll. Und dann muss ein Rachen- oder Nasenabstrich gemacht und an das übliche Labor geschickt werden. Und wenn das Labor selbst nicht tätig werden kann, dann schicken sie die Probe zum Beispiel zu uns nach Leipzig oder nach Berlin oder an andere Schwerpunkt-Virologien.

Die Hausärzte müssen ja vorher auch koordinieren, um so ein wenig den Druck von den Kliniken zu nehmen. Wenn jemand beim Hausarzt anruft und sagt, ich habe vielleicht das Coronavirus. Wie geht der dann damit um?

Der erste Weg ist natürlich unbedingt, in der Praxis anrufen und sagen, ich befürchte, dass ich das haben könnte. Dann wird Ihnen der Arzt oder die Ärztin sagen, dass Sie zu einer bestimmten Zeit kommen sollen, wenn das Wartezimmer leer ist. Damit Sie nicht noch andere infizieren. Und dann ist es auch egal, ob sie eine Stunde oder zwei oder vier Stunden warten, bis Sie zu der Praxis gehen. Hauptsache, Sie haben sich angemeldet und kommen nicht einfach hustend und schniefend da an.

Und wer unter häuslicher Quarantäne steht?

Dann sollte man das auf jeden Fall auch ernst nehmen. Man sollte nicht versuchen, irgendwelche Hintertürchen zu benutzen und dann mal kurz verschwinden. Das ist alles ein hohes Risiko für die Umwelt.

Halten Sie die Vorsichtsmaßnahmen für übertrieben?

Nein, sie sind angemessen. Jeder Tag, an dem wir verhindern, dass sich das Virus weiter ausbreitet, ist ein gewonnener Tag. Wir wollen ja auch die Grippewelle überstehen.

Sind die Grippe-Zahlen inzwischen rückläufig?

Die Zahlen sind ein wenig rückläufig, aber sie sind nach wie vor deutlich über dem Level zwischen den Epidemien.

Die Coronavirus-Zahlen der Infizierten aus China sollen auch rückläufig sein. Halten Sie die Angaben für glaubwürdig?

Selbst wenn die Zahl nicht ganz glaubwürdig sind und tatsächlich höher liegen, dann können wir aus dem Verlauf der Zunahme von Infektionen doch schließen, dass wir wahrscheinlich das Plateau in China oder zumindest in der Region rund um Wuhan schon erreicht haben. Die Anzahl der Genesenen, also derer, die die Infektion überstanden haben, nimmt zu. Also es sieht ein bisschen nach Entwarnung aus.

Viele hoffen auf den Frühling.

Ich hoffe auch auf den Frühling, aber mehr auf die Kirschbaumblüte. Wie sich der Frühling auf das Virus auswirkt, wissen wir einfach nicht. Das können wir nicht vorhersagen. Es gibt eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass es abnimmt.

Es wird viel über Großveranstaltungen diskutiert. Die Leipziger Buchmesse steht zum Beispiel an. Was würde Sie sagen, soll sie stattfinden?

Also, ich werde glücklicherweise nicht gefragt, aber ich bin etwas erstaunt, dass die Buchmesse in vollem Umfang durchgeführt werden soll. Ich würde zumindest diejenigen, die aus Risikogebieten kommen, bitten, nicht anzureisen.

Update und Anmerkung der Redaktion: Kurze Zeit nach dem Interview mit Prof. Liebert wurde die Leipziger Buchmesse abgesagt.

Das Gespräch führte Elena Pelzer.

Quelle: MDR/ep/in

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 03.03.2020 | 9:00 bis 10:00 Uhr
MDR SACHSENSPIEGEL | 02.03.2020 | 19:00 Uhr

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