19.03.2020 | 12:34 Uhr Petra Köpping: "Bei den Friseurläden werden wir nachschärfen"

Das öffentliche Leben in Sachsen steht weitestgehend still oder sollte es zumindest. Wie beurteilt Petra Köpping im Moment das Verhalten der Menschen? Was rät sie den Sachsen? Und warum haben Frisöre immer noch auf? Die Gesundheitsministerin war am Donnerstagmorgen bei MDR SACHSEN zu Gast und hat im Radio Fragen zur aktuellen Lage beantwortet.

Petra Köpping 17 min
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Das öffentliche Leben in Sachsen steht weitestgehend still. Das Verbot ist offenbar auch nötig. Wie beurteilt Gesundheitsministerin Köpping im Moment das Verhalten der Menschen? Elena Pelzer fragt nach.

MDR SACHSEN - Das Sachsenradio Do 19.03.2020 08:02Uhr 16:39 min

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Elena Pelzer von MDR SACHSEN: Haben Sie gestern die Rede der Kanzlerin gesehen?

Petra Köpping: Selbstverständlich habe ich mir die Rede der Kanzlerin angesehen. Und ich bin sehr froh, dass sie so einen nationalen Aufruf gemacht hat und aufgezeigt hat, in welcher Situation wir sind und wie man sich verhalten sollte.

Hat Angela Merkel den richtigen Ton getroffen?

Absolut. Ich empfand die Rede als sehr unaufgeregt und trotzdem sehr eindrücklich und deutlich. Und genau das brauchen wir im Moment, weil die Lage wirklich sehr schwierig ist. Wir haben noch nie in Deutschland in so einer Lage gesteckt. Aber ich glaube, dass wir die Lage eben auch bewältigen können, wenn wir das gemeinsam tun. Und das war ja die Hauptbotschaft der Kanzlerin. Dass jeder Einzelne dazu beitragen kann, die Situation ein Stück weit zu entschärfen.

Was kann man denn machen, um gerade die jungen Leute davon zu überzeugen, dass es wirklich sinnvoll ist, sich an diese Vorgaben zu halten? Dass man sich eben nicht mehr ständig mit ganz vielen Leuten trifft …

Wir versuchen jede Gelegenheit zu nutzen, um gerade die jungen Leute anzusprechen und zu sagen, dass hier eine ernste Situation ist. Junge Leute neigen dazu, ein Stück weit wegzusehen und zu glauben, dass sie eine Gruppe sind von Menschen, die ja sowieso nicht selber so sehr betroffen ist. Aber wenn man sich die Fallzahlen anschaut, auch an Italien, da kann jeder betroffen sein. Insofern gibt es da gar keine Ausnahmeregelungen. Und auf der anderen Seite glaube ich, dass es auch eine Frage der Solidarität mit seinen Eltern und Großeltern ist.

Es ist wichtig, dass die jungen Leute jetzt hier mitziehen. Sonst muss die Bundesregierung zu drastischeren Maßnahmen greifen. Und das wollen wir ehrlich gesagt nicht.

Petra Köpping | Sachsens Gesundheitsministerin

Es ist die letzte Warnung der Bundesregierung, wenn jetzt nicht alle mitmachen, dann wird es Ausgangssperren auch in Deutschland geben.

Ministerpräsident Michael Kretschmer hat gesagt, zehn bis 14 Tage, dann sollte die Zahl der Infizierten, abnehmen. Das hofft er. Ist das nicht sehr optimistisch?

Ich glaube, das können nicht einmal die Ärzte genau sagen. Und die Wissenschaftler auch nicht. Aber jede Maßnahme, die dazu dient, dass es keine Menschenansammlungen gibt, ist eine wichtige Maßnahme. Wichtig ist eben, dass die Menschen mitmachen, damit es nicht zu einer Ausgangssperre kommt. Wenn sich die Menschen nicht daran halten, weiß ich nicht, wie wir anders agieren sollen.

Zahlreiche Menschen haben sich in einem Park versammelt
Solche Menschenansammlungen wie am Mittwoch in Dresden darf es nicht mehr geben, warnt Ministerin Köpping. Bildrechte: Kevin Müller

Viele fragen sich, was darf ich denn jetzt noch? Was darf ich nicht? Spielplätze sind tabu?

Spielplätze sind tabu. Das haben wir in unserer Allgemeinverfügung ausdrücklich geregelt. Da gab es auch viele Beschwerden. Aber ich glaube, wenn Eltern mit ihren Kindern in den Wald gehen, da gibt es genug Spielzeug, das man auch aufsammeln kann. Man sollte wirklich alle Ansammlungen vermeiden. Das ist ja kein böser Wille, dass wir das machen. Wir werden das übrigens auch kontrollieren. Aber gerade an den Spielgeräten oder ähnlichem versammeln sich eben die Viren, die dann übertragbar sind. Kinder sind gute Überträger für diese Viren.

Petra Köpping
Petra Köpping appelliert noch mal eindringlich an die junge Bevölkerung, sich nicht in großen Gruppen zu treffen. Bildrechte: MDR/Tobias Knauf

Aber rausgehen ist schon in Ordnung, also auf einen Waldspaziergang zum Beispiel oder eine Fahrradtour? Das ist erlaubt?

Man sollte auf jeden Fall alle Ansammlungen vermeiden. Wenn ich natürlich sehe, dass an den Elbwiesen in Dresden hier zum Beispiel ganz große Gruppen unterwegs sind - das sind viel zu große Menschenansammlungen. Das ist genauso gefährlich. Wenn ich aber tatsächlich ein kleines Stück weiter rausgehe, da gibt es genügend Radwege, genügend Spazierwege, wo ich mich aufhalten kann.

Im Schrebergarten zu arbeiten, ist also kein Problem? Darf ich da noch hin?

Das ist gut, am Wochenende Unkraut zu zupfen und zu graben im eigenen Garten. Aber eben nicht mit 20 Leuten, die dann zum Kaffeetrinken kommen oder ähnliches. Man soll sich dort wirklich allein aufhalten. Das muss jetzt mal sein.

Sollte es zu einer Ausgangssperre kommen, darf ich dann mit meinem Hund noch Gassi gehen?

Soweit sind wir noch nicht. Wenn es zu einer Ausgangssperre kommt, dann wird geregelt, wer raus darf und wer nicht.

Viele Leute wissen nicht genau, wie kann man sich überhaupt anstecken und infizieren? Geht das über Geldscheine? Wie sieht das denn beim Einkaufen aus?

Ich würde jedem empfehlen, gerade auch beim Einkaufen, einfach Handschuhe zu tragen. Wenn man den Einkaufswagen anfasst oder wenn man Dinge berührt, die ganz viele Menschen berühren, dann ist eine Ansteckungsgefahr einfach da.

Handschuhe im Supermarkt zu tragen, ist ein gutes Mittel, das kann jeder.

Petra Köpping | Sachsens Gesundheitsministerin

Friseure dürfen weiterhin geöffnet bleiben. Warum ist das so? Das beschäftigt sehr viele Menschen, auch die Friseure selbst. Die können keinen Mindestabstand von ein bis anderthalb Metern zu ihren Kunden einhalten.

Absolut richtig. Wir haben das auch nicht verstanden, warum der Bund die Friseure in diese Regelung hineingenommen hat.

Ich empfehle jedem Friseur, genau zu überlegen, ob er seinen Laden offen lässt oder nicht. Das werden wir in unserem Krisenstab nochmal besprechen.

Petra Köpping | Sachsens Gesundheitsministerin

Ich bin auch der Meinung, dass Friseure nicht notwendig sind. Insofern werden wir dort versuchen, noch mal eine neue Regelung zu finden. Der Sinn, dass wir es gemacht haben, war, lag einfach darin, dass es bundeseinheitlich geregelt war. Da werden wir sicher nochmal als Bundesland Sachsen nachschärfen. Das werde ich heute im Krisenstab besprechen und thematisieren. Das können wir relativ schnell regeln und auch umsetzen. Das gilt auch für die Kosmetikstudios.

Wie können sich Mitarbeiter im Einzelhandel, zum Beispiel an der Kasse schützen? Wenn sie Handschuhe tragen, funktioniert der Touchscreen meist nicht.

Das erste, was ich an der Stelle sagen möchte, ist ein ganz herzliches Dankeschön an unsere Verkäuferinnen und Verkäufer, die die Regale auffüllen, das ist im Moment eine sehr belastete Personengruppe. Das sieht mancher gar nicht, was die im Moment für eine Aufgabe zu bewältigen haben. Sie sind ja zum Teil sogar Psychologen, wenn man das so sagen darf.

Ich fordere wirklich alle Supermärkte auf, nur eine bestimmte Anzahl von Personen, hineinzulassen, damit wir dort nicht das organisieren, was wir ja gerade vermeiden wollen, dass eben viele Leute zusammenkommen. Das kann man mit einfachen Mitteln tun, an der Kasse ein weißes Band ziehen oder etwas auf dem Boden kleben, wo man sieht, dass Abstand gehalten werden soll. Wir wollen jetzt sukzessive auch die Verkäuferin mit Mundschutz ausstatten, damit sie geschützt sind.

Wir werden diese Woche größere Lieferungen mit Mundschutz in Sachsen bekommen.

Petra Köpping | Sachsens Gesundheitsministerin

Mundschutz wollen wir natürlich zunächst an das medizinische Personal, an unsere Gesundheitsämter vergeben, und werden dann aber auch diese Berufsgruppe im Blick haben.

Viele fragen sich auch, warum Behindertenwerkstätten noch geöffnet haben?

Weil die momentan unter die Regelung, die wir getroffen haben, dass bestimmte Läden und Geschäfte nicht mehr offen haben dürfen, nicht mit hineinfallen. Wir versuchen, auch da nachzuschärfen. Dazu gehört natürlich auch immer, dass wir wissen, wie die Behinderten untergebracht sind. Da gibt es immer eine Folge hinterher zu bedenken. Aber das werden wir auch im Fokus haben.

Wie schätzen Sie die Zahlen zu den neuen Infektionen in Sachsen gerade ein?

Zum heutigen Tag sind wir bei knapp 300 Erkrankten in Sachsen. Wenn man sich die Dynamik anschaut, dann wissen wir, das wir natürlich genauso wenig wie alle anderen auch, von dieser Welle verschont bleiben. Das heißt, wir müssen uns vorbereiten. Und das ist die wichtigste Frage, die jetzt ansteht. Wie können wir eine maximale Versorgung vorbereiten, wenn tatsächlich viele Menschen im Krankenhaus oder sogar intensiv betreut werden müssen?

Wir sind mit allen drei Regionen in Sachsen, mit Leipzig, Chemnitz und Dresden, im guten Kontakt. Wir haben dort jeweils einen Verantwortlichen benannt, der sich jetzt um die gesamte Region kümmert, also um alle Krankenhäuser der Region. Die Zahl der Betten soll um 30 bis 35 Prozent erhöht werden. Und auf der anderen Seite natürlich auch die Intensivstätten. Das ist nicht nur ein Platz als solches, ein Bett und ein Atmungsgerät, sondern da gehört auch Personal dazu. Und die Kliniken schulen im Moment das Personal, sodass man vorbereitet ist. Wir wollen auch diese Plätze konzentrieren, dass wir also bestimmte Bereiche haben, wo geschultes Personal zum Einsatz kommen kann.

Wir haben noch keine kritischen klinischen Verläufe in Sachsen gehabt. Wieviel hält unser Gesundheitssystem noch aus?

Ich bin immer sehr froh, wenn ich früh die Meldungen bekomme und wenn ich lese, dass es noch keine schwerstkranken Menschen oder sogar schon Todesfälle gibt. Das haben wir zurzeit in Sachsen noch nicht. Und das ist immer die erste Erleichterung am Morgen, die ich verspüre.

Wir müssen davon ausgehen, dass es bald mehr schwerkranke Menschen gibt. Wir sind in Sachsen mit unseren Krankenhäusern sehr gut aufgestellt. Und wir sind nicht so stark betroffen wie andere Bundesländer.

Wer sollte sich testen lassen, wenn er Krankheitssymptome hat?

Es muss sich nicht jeder testen lassen, sondern nur bestimmte Risikogruppen. Das sind die Menschen, die auf der einen Seite bereits Erkältungssymptome haben und die aber andererseits aus einem Risikogebiet gekommen sind, wo sie jetzt vielleicht Urlaub gemacht haben oder eben direkten Kontakt zu jemandem hatten, der positiv getestet wurde. Und die können jetzt in diese Corona-Ambulanz in allen drei sächsischen Großstädten gehen und sich testen lassen, wo man eben auch manchmal den Ratschlag bekommt, sie gehören nicht zur Risikogruppe.

Wir können nicht alle Menschen innerhalb von zwei, drei Tagen durchtesten, das ist Unsinn. Das sagen Ihnen auch die Mediziner. Wir wollen die testen, die das im Moment am nötigsten brauchen.

Wer unsicher ist, sollte auch nochmal auf unsere Internetseite schauen. Da ist aufgelistet, wer zur Risikogruppe gehört und was man für Symptome haben muss. Überall anzurufen, dass wird Ihnen auch schwerfallen, weil die Telefonleitungen in allen Einrichtungen völlig überlastet sind.

Diese Frage häuft sich bei den Sachsen: Wie sieht es bei Beerdigungen aus? Inwieweit gibt es da jetzt Einschränkungen?

Da wird es Auflagen geben. Gerade bei Beerdigungen gibt es Menschenansammlungen. Deswegen bitten wir, dass man dort wirklich nur den engsten Familien- und Freundeskreis zusammennimmt und bestimmte Regeln beachtet. Sie muss im Freien stattfinden und in einer kleinen Gruppe. Und auch dort bitte ich, die Abstandsregelung einzuhalten. Es ist wichtig, dass man auch in solchen Fällen, auch wenn es da noch einmal um eine ganz andere Emotion geht, einfach diese Dinge nicht aus dem Kopf verliert.

Quelle: MDR/ep/in

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachenradio | 19.03.2020 | 05:00-10:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. März 2020, 12:20 Uhr

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