Ein Lehrer wischt während des Mathematik-Unterrichts die Tafel sauber.
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Dresden Lehrer rufen zum Protest

Die Verbeamtung der Lehrer war wie der Gradmesser für Handlungsfähigkeit der neuen Regierung Kretschmer. Die hat Anfang März 2018 beschlossen, Lehrerinnen und Lehrer in Sachsen zu verbeamten. Doch die Regelung schließt Lehrer über 41 Jahre aus. Ungerecht sei das, finden die Lehrergewerkschaften in Sachsen. Gegen den Unmut sollen teure Trostpflaster helfen. Am Dienstag rufen die Gewerkschaften in Dresden zum Protest. Worum es genau geht, erklärt Arnd Groß.

Ein Lehrer wischt während des Mathematik-Unterrichts die Tafel sauber.
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Was sieht die Landesregierung vor?

Wenn die Masse der Lehrer schon nicht zu Beamten werden können, so sollen die Lehrer, die vor dem Jahresende 2018 42 Jahre alt geworden sind, mit Zuwendungen, Prämien und Höhergruppierungen bei Laune gehalten werden.

Sämtliche Grundschullehrer sollen von der Entgeltgruppe 11 in die 13 aufrücken. Das gilt ab dem 1. Januar 2019. Außerdem wurden Leistungsprämien für Lehrer und Zulagen für Angestellte vereinbart. Dazu kommt, dass 20 Prozent der Lehrer an weiterführenden Schulen (Gymnasium, Berufs-, Förder- bzw. Oberschule) in die Entgeltgruppe 14 aufrücken sollen.

Finanzielle Aufwendungen für ältere Lehrkräfte in den Jahren 2019 bis 2023
Maßnahme Aufwendungen in Mio. Euro
Höhergruppierung nicht verbeamteter Grundschullehrer 158
Beförderungsstelle E14 für angestellte Lehrer 84
Zulagen für Angestellte 133
Summe 420
Gesamtkosten Handlungsprogramm 1,7 Mrd. Euro

Quelle: Sächsisches Staatsministerium für Kultus

Warum fühlen sich die Lehrer ungerecht behandelt?

Trotz des Pakets ist bei vielen Lehrern die Stimmung eher als mäßig zu beschreiben. Grund dafür ist die Netto-Lücke, die zwischen den Einkommen der angestellten Tarif-Lehrer und den Bezügen der Beamten klafft. Netto-Lücke deshalb, weil Beamte durch geringere Abzüge vom Brutto, mehr Geld bekommen, als ein Angestellter Lehrer netto erhält. Dabei kann es sein, dass ein angestellter Lehrer deutlich mehr Brutto-Einkünfte hat, als ein Beamter in der gleichen Stufe.

Die unterschiedlichen Systeme machen es schwer, eine Vergleichsebene zu finden. Selbst der Sächsische Lehrerverband will seine internen Berechnungen lieber nicht veröffentlichen. Immerhin hält der Lehrerverband ein Beispiel bereit. Eine Lehrerin, die im Alter von 30 Jahren in den Schuldienst geht und 33 Jahre unterrichtet, hat als Beamtin netto 370 Euro jeden Monat mehr in der Tasche als als Angestellte. Der Unterschied wächst auf 520 Euro pro Monat an, nimmt man an, dass die Lehrerin zwei Kinder hat und verheiratet ist.

Was wollen die Gewerkschaften?

Der sächsische Lehrerverband (SLV) ruft zusammen mit der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zur Demonstration auf. Doch die Interessen sind nicht deckungsgleich.

Einig sind sich beide Gewerkschaften, dass sie Leistungsprämien für Lehrer nicht wollen. Die GEW mit ihrer Vorsitzenden Ursula Kruse sagt, sie wolle, dass alles unternommen werde, um diese Netto-Ungerechtigkeit zu beseitigen. Hauptziel der GEW: Die Gewährung von hohen Zulagen für angestellte Lehrer. Das sei rechtlich nur möglich, wenn man den Paragraph 16 Abs. 5 des Tarifvertrages der Länder bemühe, meint der Vorsitzende des SLV, Jens Weichelt. Auch hier herrscht Einigkeit zwischen GEW und SLV. Doch dieses Vorhaben ist in der Politik umstritten. Man müsste den Tarifvertrag der Länder sehr strapazieren in der Auslegung, sagen Kenner der Materie.

§16 Abs. 5 TV-L Zur regionalen Differenzierung, zur Deckung des Personalbedarfs, zur Bindung von qualifizierten Fachkräften oder zum Ausgleich höherer Lebenshaltungskosten kann Beschäftigten abweichend von der tarifvertraglichen Einstufung ein bis zu zwei Stufen höheres Entgelt ganz oder teilweise vorweg gewährt werden. Beschäftigte mit einem Entgelt der Endstufe können bis zu 20 v.H. der Stufe 2 zusätzlich erhalten. Die Zulage kann befristet werden. Sie ist auch als befristete Zulage widerruflich.

Außerdem favorisiert der SLV die Lehrer-Höhergruppierungen in die Entgeltgruppe 14 von insgesamt 20 Prozent der Lehrer an weiterführenden Schulen. Kritiker der Höhergruppierung sehen darin eine massive bürokratische Überfrachtung des Verfahrens. Jeder Schulleiter einer weiterführenden Schule müsste dann an seiner Schule Bewertungsverfahren durchführen und wäre womöglich über Wochen nur damit beschäftigt. Die Zahl der Lehrerstellen, die das betrifft ist unklar. Das sächsische Kultusministerium gibt die Zahl mit 2.000 an. Doch nimmt man die Zahl der Lehrer an weiterführenden Schulen mit knapp 25.000 als Grundlage, kommt man auf weitaus mehr Lehrer, die höher eingestuft werden könnten.

Der SLV plädiert auch für die Übernahme der Kosten für die Altersversorgungsanteile der Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL). Die Angestellten im öffentlichen Dienst im Osten müssen deutlich mehr im Monat zahlen als Angestellte im Westen.

Wie geht es weiter?

Am 21. Juni 2018 treffen sich SLV und GEW bei Sachsens Kultusminister Christian Piwarz und wollen über ihre Forderungen reden. Es mischen auch CDU und SPD in den Verhandlungen mit. Zielstellung: Nach den Sommerferien soll den Lehrern in Sachsen ein Ergebnis präsentiert werden, dass auf die Forderungen eingeht. Offiziell will niemand etwas verlautbaren lassen, aber dass es noch mal eine Veränderung des Paketes geben wird, scheint klar. Signal ist zugleich: Mehr Geld werde nicht ausgegeben. Ob das den Tarif-Lehrern reicht, um die empfundene Ungerechtigkeitslücke zu füllen?

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 12.06.2018 | 06:00 Uhr in den Nachrichten
MDR SACHSENSPIEGEL | 12.06.2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Juni 2018, 06:37 Uhr

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12 Kommentare

12.06.2018 21:15 Ein Schulmeister 12

@Graf von Henneberg
Ihre Selbstkritik ist aus meiner Sicht hoch einzuschätzen! Selbstverständlich ist es lobenswert, dass Sie bereit sind, einige Zeit, als Lehrer zu arbeiten (Perspektivenwechsel).
Die Forderung "Lehrer in die Produktion" dürfte dagegen kein geeignetes Mittel sein, den Unterrichtsausfall in Sachsen zu minimieren.
Übrigens beginnt mich der Disput zu langweilen. Wenn Sie die folgenden Aussagen einfach bestätigen würden, könnte ich mir die Argumentation sparen: "Ich finde es gut und richtig, dass fast dreißig Jahre nach der Wende im sächsischen Schulsystem zwei qualitativ unterschiedliche Bezahlsystem (nennen wir sie doch einfach "Ost" und "West") eingeführt werden, wobei die Zuordnung nicht nach Qualität und Quantität zu leistender Arbeit, sondern nur nach dem Tag der Geburt erfolgt. Diese Umsetzung des Leistungsprinzips wird zu einer Steigerung der Motivation führen, um solche zusätzlichen Aufgaben wie Integration, Inklusion, Digitalisierung, ... zu lösen."

12.06.2018 17:27 Markus 11

Herr Kultusminister sollte nun begreifen: da es immer noch Bundesländer gibt, wo die Lehrer besser behandelt werden als in Sachsen, so hat Sachsen keine Chance genug Nachwuchs zu bekommen. Das Wort heißt "Arbeitsmarkt". Das ist nicht von Lehrer erfunden. Sachsen hat drei Möglichkeiten:
1. so machen, dass die Lehrer aus Sachsen nirgendwo sonst arbeiten dürfen (moderne Sklaverei).
2. so machen, dass die Arbeitsbedingungen auch in anderen Bundesländern so schlecht wie in Sachsen werden (andere Bundesländer überzeigen, ihre Zukunft auch verderben).
3. endlich doch Lehrer würdig behandeln.

12.06.2018 16:26 Graf von Henneberg 10

Sehr geehrter Herr Kommentator Nr. 9, weshalb gleich umsiedeln? Es gibt (auch in Sachsen) genügend freie Stellen, auch für Ü60, in Industrie, Handwerk und Landwirtschaft - warum mit einem unartigen Arbeitgeber herumärgern? Übrigens, ein Arbeitsstellenwechsel kann auch den eigenen Horizont erweitern um wieder der Realität nahe zu kommen.

12.06.2018 15:24 Ein Schulmeister 9

@Graf von Henneberg
Sehr geehrter Adliger!
Habe ich ihren Vorschlag richtig verstanden, dass sie meiner 60jährigen Kollegin (in Zeiten stärkstem Unterrichtsausfalls in Sachsen) empfehlen zu kündigen, und (aufgrund besserer Arbeitsbedingungen) in ein anderes Bundesland umzusiedeln oder sich beim Arbeitsamt als arbeitssuchend zu melden? Müsste ich die Qualität dieses Vorschlag mit einem Wort charakterisieren, würde mir als erstes Wort "realitätsfern" einfallen ... oder ... "Realitätsverlust" ... oder vielleicht ... "etwas zynisch" (okay, das waren zwei Worte) ...

12.06.2018 14:57 Niemand 8

Es kann alles als ungerecht empfunden werden, aber es kann nicht sein, dass jetzt versucht wird noch mehr Steuergeld an die Lehrer zu verpulvern. E13 ist in den neuen Bundesländern sehr sehr viel Geld und weit über dem Medianeinkommen, da muss niemand protestieren! Die Verbeamtung jüngerer Lehrer ist nur ein Möglichkeit, um überhaupt neues Personal zu finden bzw. zu verhindern, dass noch mehr woanders unterrichten. Der finanzielle Ausgleich der bestehenden Lehrer ist vielleicht "gerecht", aber meiner Meinung nach Steuergeldverschwendung, weil es nichts am Nachwuchsproblem ändert.

12.06.2018 13:44 Gernot 7

@Henneberg: Hätten Sie mal in der Schule besser aufgepasst... In Deutsch wenigstens...

[Liebe User,
bitte bleiben Sie beim Thema.
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Ihre MDR.de-Redaktion]

12.06.2018 13:21 Praxis 6

Er warnt die Lehrer...Auf unsere jahrelangen Warnungen im Hinblick auf den drohenden Lehrermangel hat dagegen niemand aus dem Kultus reagiert...Nun ist das Problem riesig....Aber lieber die gestandenen Lehrer als raffgierig darstellen...So geht “verantwortungsvolle “ Schulpolitik in Sachsen...

12.06.2018 12:11 Graf von Henneberg 5

Bei soviel schlechter Behandlung durch den Dienstherren sollten sich die am Schulmeister doch um eine andere Arbeit bemühen. Was hindert den Schulmeister daran?

12.06.2018 11:51 Sachse43 4

Da hat der Kultusminister nun einmal recht. Wenn ich mir die Zahlen in der verlinkten Tabelle so ansehe, finde ich Zahlen, die mit einer Berufswelt so rein gar nichts zu tun haben.

12.06.2018 09:28 Na so was 3

1@ Markus, Sie wissen doch genau, dass gerade darin die Kunst besteht, dass das einfache Volk nicht AUF DEN ERSTEN BLICK sieht, wie es besch...en wird. Nach dem Motto, hoffentlich merken die da unten nichts an unserer Milchmädchenrechnung und sind erstmal für ein Vierteljahr ruhig gestellt. Dann wird uns schon was neues eingefallen sein. Immer nach dem Motto: "Weiter, immer weiter, ... " Und außerdem, warum rechnen Sie auch so genau, Sie vertrauen uns wohl nicht ? Meine Meinung dazu, ich vertraue niemanden mehr, höchstens noch mir. Aber schon gewußt ? Deutschland hat in Prozenten zu den Einwohnern gerechnet, die höchste Prozentzahl an Schauspielern aller Länder der Welt.