Hohe Suizidrate Depressives Sachsen

In keinem Bundesland ist die Suizidrate so hoch wie in Sachsen. In keiner sächsischen Stadt so hoch wie in Dresden. Doch es gibt Hoffnungen. Eine Bestandsaufnahme.

Dresden, die schöne Stadt am Fluss mit Panoramablick und prosperierender Wirtschaft, scheint gleichzeitig der tragischste Ort Sachsens. Insgesamt 81 Menschen haben sich hier im vergangenen Jahr das Leben genommen – nirgends in Sachsen waren die Zahlen so hoch. Der Landeshauptstadt folgt der Landkreis Mittelsachsen mit 68 sowie Leipzig mit 64 Suiziden. Der Landkreis Nordsachsen ist in Sachsen das hoffnungsvollere Schlusslicht – hier entschieden sich mit 26 die wenigsten Menschen dafür, ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Dresden ist also trauriger Spitzenreiter in einem traurigen Bundesland. Denn Sachsen selbst führt die Statistik im bundesweiten Vergleich an. Hier nahmen sich - gemessen an der Zahl der Bevölkerung  - mehr Menschen das Leben als in allen anderen Bundesländern. Laut Statistischem Bundesamtes töteten sich 2012 pro 100.000 Einwohner in Sachsen 15,6 Menschen, gefolgt von Sachsen-Anhalt (15,5) und Thüringen (15,3). Die niedrigsten Raten wurden in Berlin mit 9,4 und Nordrhein-Westfalen mit 9,7 Suiziden pro 100.000 Einwohner verzeichnet.

Suizide in absoluten Zahlen in Sachsen im Jahr 2015 nach Kreisen und kreisfreien Städten
Bildrechte: Sächsisches Landesamt für Statistik

"Die meisten Menschen, die sich das Leben nehmen, haben vorher eine Depression", sagt Burkhard Jabs, Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Städtischen Klinikum Dresden. "Depressionen können behandelt und auch geheilt werden."

Doch warum ausgerechnet Sachsen? "Dieses Phänomen gibt es seit über 100 Jahren und ist auch ein historisches", erklärt Jabs. "Erhöhte Suizidziffern verzeichnete man in Sachsen schon in der Kaiserzeit, in der Weimarer Republik, im Nationalsozialismus, in der DDR und eben jetzt." Der Klinikdirektor, der auch Mitglied in der Dresdner Arbeitsgemeinschaft für Suizidprävention ist, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Ursachen von Suiziden und Therapiemöglichkeiten.  

Diagramm: Suizide 2012 nach Bundesländern
Quelle: Statistisches Bundesamt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Es gibt nie nur eine Erklärung", konstatiert Jabs. "Einflüsse haben sowohl die wirtschaftliche Lage, die Religiosität, aber auch in entscheidendem Maße das Alter und die Verfügbarkeit von Methoden." Die sogenannte Methodenrestriktion sei von immenser Bedeutung. Dazu gehörten unter anderem kleine Packungsgrößen von Medikamenten oder auch die Bekämpfung sogenannter Hotspots. Wie wirksam die Einschränkungen sein können, hätten beispielsweise die Absperrungen an der Golden Gate Bridge in San Francisco oder auch die Sicherung von Zuglinien in der Nähe psychiatrischer Einrichtungen gezeigt.

Eine junge Frau schaut traurig durch eine regennasse Fensterscheibe.
Bildrechte: Colourbox.de

Insgesamt haben sich in Deutschland im Jahr 2012 knapp 10.000 Menschen das Leben genommen. "In Deutschland sterben deutlich mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle, Mord und Totschlag, illegale Drogen und Aids zusammen", warnt die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention. Alle 53 Minuten nehme sich in Deutschland ein Mensch das Leben, alle fünf Minuten finde ein Selbstmordversuch statt.

Die Zahlen klingen alarmierend, trotzdem ist Burkhard Jabs optimistisch. "Die Suizidziffern sinken in Deutschland und Sachsen seit 30 Jahren", erklärt er. "Wir haben große Fortschritte in der Suizidprävention erzielt. Depressionen sind heilbar und immer mehr Menschen erkennen das."

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2 Kommentare

10.10.2016 21:42 HERBERT WALLASCH, Pirna 2

Großstadt vereinsamt, überhaupt wenn man finanziell nicht mithalten kann. Haupsächlich liegt es am mangelden Selbstwertgefühl des Einzelnen, was ihm auch vielfach von der heutigen Gesellschaft eingeredet wird. Psychater sind nunmal auch Geschäftsleute und keine Heilige, jedes Jahr kommen soundsoviel dazu, die graben sich doch nicht ihre eigene Existensgrundlage ab.

10.10.2016 18:25 Tim Buktu 1

Schade, daß der Artikel keine Antwort darauf gibt, warum diese Kontinuität seit mindestens der Kaiserzeit besteht. Die Aussage "Es gibt nie nur eine Erklärung" ist da ein bißchen wenig.