03.03.2020 | 15:04 Uhr Landrat zum ersten Corona-Fall in Sachsen: "Wir kriegen das hin"

Im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge wurde Sachsens erster Corona-Fall bestätigt. MDR SACHSEN hat mit Landrat Michael Geisler über den Vorfall und den Umgang mit der Situation gesprochen.

Landrat Michael Geisler (CDU)
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR SACHSEN: Nun gibt es den ersten bestätigten Infizierten bei Ihnen im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Was können Sie zu dem Mann und dem Fall sagen?

Michael Geisler: Wir haben gestern Abend gegen 18 Uhr das Ergebnis bekommen und haben uns mit ihm in Verbindung gesetzt. Ich habe auch selber mit ihm telefoniert. Er befindet sich jetzt in häuslicher Isolation zusammen mit seiner Ehefrau. Ihm geht es den Umständen entsprechend gut. Die Ehefrau wurde negativ getestet. Wenn sich sein Zustand verändern sollte, werden entsprechende Maßnahmen von uns eingeleitet. Er misst mehrfach am Tag Fieber und führt ein Protokoll über seinen Zustand. Wir stehen mit ihm in ständiger Verbindung.

Wenn er jetzt Fieber bekommt oder sich andere Symptome zeigen, kommt er dann in ein Krankenhaus?

Wenn sich der Zustand jetzt überraschenderweise sehr negativ entwickelt, dann werden entsprechende Maßnahmen ergriffen, sodass er in ärztliche Behandlung kommt. Das steht völlig außer Frage.

Welche Klinik haben Sie dafür auserkoren? Gibt es da ein Krisenmangement?

Mit den Kliniken ist in den letzten Wochen gesprochen worden. Es gibt Vorabstimmungen mit der Weißeritztal-Klinik in Freital und dem Klinikum hier in Pirna. Unsere Amtsärztin wird in Absprache mit den beiden Kliniken, je nachdem wie sich der Zustand des Patienten entwickelt, darüber beraten, ob der in einer von den zwei Kliniken oder in Spezialbehandlung nach Dresden kommt.

Nun gibt es ja noch weitere Personen, die mit in dem Reisebus saßen. Die wurden auch alle getestet. Wie ist da das Ergebnis?

Der Test ist negativ ausgefallen bei allen Betroffenen. Sie befinden sich weiterhin in häuslicher Quarantäne. Zunächst ist ein Zeitraum von 14 Tagen vorgesehen. Am 9. März wollen wir Beprobungen durchführen. Sollten die sich wiederum als negativ erweisen, dann werden wir vermutlich darüber nachdenken, die Quarantäne aufzuheben.

Sie werden also nicht laufend getestet?

Am 9. März sind 14 Tage um und nach allgemeiner Kenntnislage haben wir ja eine Inkubationszeit von etwa zwei Wochen. Die wollen wir auf jeden Fall auch wahrnehmen, dass uns da nichts durchgeht.

Nun hatte der 67-jährige Infizierte sicher auch Kontakt zu anderen Menschen. Wie wollen Sie jetzt herausfinden, inwieweit er andere Personen angesteckt haben könnte?

Wir haben am gestrigen Abend die Personen, die er uns angegeben hat, selber kontaktiert, haben mit denen das Gespräch geführt. Die sind jetzt bei der Beprobung in Dippoldiswalde. Dort werden ebenfalls Proben genommen. Wir gehen davon aus, dass wir heute zum Dienstschluss wissen, ob es eine positive oder negative Beprobung gibt. Auf jeden Fall werden wir auch hier zunächst eine häusliche Isolation aussprechen. Wir können ja nicht ausschließen, dass in der Kürze der Zeit möglicherweise nicht doch das Virus vorhanden ist, ohne dass die Probe positiv anschlägt.

Welche weiteren Maßnahmen hat der Landkreis jetzt schon ergriffen?

Corona-Krisenstab in Pirna
Der Corona-Einsatzstab im Landratsamt in Pirna. Bildrechte: MDR/Jürgen Stiehl

Wir haben ein Bürgertelefon eingerichtet und das scharf geschaltet. Wir haben heute dieses Bürgertelefon sozusagen aufgewertet, indem wir weitere Apparate schalten, weil es eben offensichtlich auch entsprechenden Bedarf gibt. Wir haben in der letzten Woche begonnen, mit einer Gruppe den Stab vorzubereiten. Am Montag haben wir den Stab angefangen hochzufahren. Heute sind mehr als drei Personen hier aktiv. Das Ganze wird organisiert zwischen Gesundheitsamt und Katastrophenschutz und es läuft alles aus einer Hand. Und ich gehe davon aus, dass wir aus den Erfahrungen der letzten Katastrophen heraus diese Arbeit auch entsprechend hinbekommen werden.

Mit welchen Sorgen melden sich die Menschen am Bürgertelefon?

Häufig ist es so, dass jemand aus dem Urlaub zurückgekommen ist und in einem vermeintlichen oder tatsächlichen Krisengebiet war. Jetzt wird nachfragt, wie sieht das aus, muss ich etwas unternehmen. Diese Beratung geht in der Regel dahingehend, dass wir anregen, dass derjenige sich beproben lassen soll. Das kann er über den Hausarzt machen. Wir werden heute noch entsprechende Maßnahmen einleiten, dass wenn der Hausarzt aus welchen Gründen auch immer nicht in der Lage sein sollte, die Beprobung durchzuführen, dass wir zwei feste Beprobungsstellen im Landkreis einrichten: eine in Dippoldiswalde, eine im Raum Pirna. Ich denke, dass wir das zunächst erstmal alles soweit in den Griff kriegen.

Klingt nach einem Fahrplan, den Sie für die nächsten Tage haben.

Wir haben verschiedene Szenarien durchgespielt. Das ist jetzt so das Szenario, dass wir möglicherweise auch einen weiteren Infizierten finden werden. Mit den Kapazitäten, die wir jetzt haben, werden wir das denke ich gut bewältigen können. Sollte das mehr werden, werden wir entsprechend hochfahren. Sollte das weniger werden, werden wir ein Stückchen zurückfahren. Also wir sind da relativ flexibel.

Wer überwacht die Personen, die jetzt Zuhause isoliert sind?

Nun ja, man kann es nicht ausschließen, dass jemand tatsächlich auch mal ausbüxt. Wir stellen da keinen vor die Tür. Ich glaube, dass würden wir - auch wenn es jetzt noch mehr Fälle geben sollte - gar nicht strukturell und organisatorisch personell darstellen können. Wir gehen davon aus, dass es hier ein Miteinander gibt. Und dass es ein großes Verständnis gibt. Wir bescheiden das Ganze auch, dass diejenigen, die wir also jetzt zeitweise isolieren, für ihren Arbeitgeber entsprechende Nachweise haben. Ich denke, dass dann alle Systeme auch greifen. Sollte das nicht der Fall sein, werden wir nachhelfen. Es gibt ja Zusagen und wir fühlen uns da auch in der Pflicht.

Bekommen Sie Beratung, wie Sie weiter vorgehen sollen? Oder wünschen Sie sich mehr Unterstützung?

Ich habe in den letzten zwei Tagen zweimal mit der Gesundheitsministerin telefoniert, heute auch. Wir tauschen uns aus. Wenn es irgendwelche Bedarfe von unserer Seite gibt, dann stellen wir die. Wir bereiten jetzt gerade eine Bestellung von Schutzanzügen und Schutzmasken vor. Wir werden am Tag wahrscheinlich um die zehn verbrauchen, wenn es so weitergeht wie bisher. In zehn Tagen sind 100 Anzüge weg und die müssen natürlich nachgeordert werden. Also insofern denke ich erstmal, ist die Zusammenarbeit aus der heutigen Sicht gut.

Merken Sie eine Verunsicherung in der Bevölkerung und wie wirken Sie dagegen?

Wir versuchen, das Ganze transparent zu halten. Wir geben also relativ regelmäßig auch Informationen über das Internet, über Facebook, Presseerklärung raus. Wir nutzen auch die Möglichkeiten, wenn die Medien auf uns zugehen. Ich sage mal eine gewisse Verunsicherung gibt es. Wir alle sind gemeinsam aufgerufen, mit Ruhe die ganze Angelegenheit zu bearbeiten. Im Moment habe ich den Eindruck, wir kriegen das zusammen hin.

Quelle: MDR/ah/fh/cb

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 03.03.2020 | 10:00 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Dresden

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