Wie ein Bleistift umgeknickt: der 102 Meter hohe Schornstein des ehemaligen VEB-Kombinates Fortschritt Landmaschinen in Neustadt
Wie ein Bleistift umgeknickt: der 102 Meter hohe Schornstein des ehemaligen VEB-Kombinates Fortschritt Landmaschinen in Neustadt Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

25.09.2019 | 19:13 Uhr Schornstein in Neustadt fällt für neues Gewerbegebiet

In lautem Krachen verschwand am Mittwoch in Neustadt ein Stück Indutriegeschichte. Der mehr als 100 Meter hohe Schornstein des VEB Kombinates Fortschritt Landmaschinen wurde gesprengt. In dem Ort ist das Anlass für Wehmut und Aufbruchsstimmung.

Wie ein Bleistift umgeknickt: der 102 Meter hohe Schornstein des ehemaligen VEB-Kombinates Fortschritt Landmaschinen in Neustadt
Wie ein Bleistift umgeknickt: der 102 Meter hohe Schornstein des ehemaligen VEB-Kombinates Fortschritt Landmaschinen in Neustadt Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

Auf einem Hügel oberhalb der Kirschallee hat Michael Beck seine Fotokamera aufgestellt. Links und rechts von ihm haben zwei weitere Fotografen ihre Stative aufgebaut. Etliche Schaulustige stehen über das Feld verstreut. Beck fotografiert gern Landschaften. Heute erhofft er sich spektakulärere Aufnahmen. Der 102 Meter hohe Schornstein des ehemaligen Fortschritt-Kombinats soll gesprengt werden. "Das ist ein Ereignis für Neustadt", sagt Beck.

Zwei kurze Warnsignale schallen aus der Senke hinauf. Dann knallt es heftig. Doch der Schornstein regt sich nicht. Erst nach Sekunden neigt er sich langsam nach Osten. Ein Knacken. Eine Staubwolke weht noch aus dem Schlot, bevor der mit lautem Krachen auf die Erde donnert. Der Boden bebt. Nach 15 Sekunden ist alles vorbei.

Vier Wochen Arbeit für einen Fall nach Plan

"Es hätte noch etwas spektakulärer sein können – für den Fotografen", sagt Michael Beck und lacht. "Er ist eigentlich wie ein Bleistift umgefallen", kommentiert der Neustädter. "Ich hab mir gedacht, er bricht nochmal in sich zusammen. Aber das ist ja Stahlbeton. Da hätten sie in der Mitte nochmal sprengen müssen." Auch wenn damit ein Stück Industriegeschichte verschwindet, freut sich Beck über die Sprengung: "Der Turm war schon etwas hässlich. Es ist schön, dass er jetzt weg ist."

Brachte den Koloss zu Fall: Sprengmeister Oliver Marks.
Brachte den Koloss zu Fall: Sprengmeister Oliver Marks. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

Dass der lange Schornstein so präzise fiel, dafür sorgte Oliver Marks. Der Sprengmeister der Firma TVF Altwert steht zufrieden vor seinem Werk und grinst: "Wunderbar. Einwandfrei! Alles schick!" Vier Wochen Arbeit hat sein Team in diesen Moment gesteckt: Berechnungen angestellt, Genehmigungen eingeholt, Sicherheitsmaßnahmen abgestimmt, die Sprengladungen gesetzt. "Der Schornstein ist durchweg mit Spanneisen verbaut", erklärt der Sprengmeister. 35 Millimeter stark ist diese Armierung. "Da mussten wir ein besonderes Augenmerk drauf legen, dass die Eisen wirklich zerrissen und umgebogen werden. Da muss das sogenannte Sprengmaul größer gemacht werden, damit der Turm durch die größere Hebelwirkung besser einknickt." Mehr Sprengstoff nütze da gar nichts. Vielmehr habe man schon vor der Sprengung einzelne Eisen gekappt. Den Rest zerriss der Schornstein durch sein Eigengewicht.

Wehmut und Freude bei ehemaligen Mitarbeitern

Am Bauzaun vor den Trümmern steht Jörk Wolf. Der Neustädter wurde 1981 Mitarbeiter des VEB Kombinats Fortschritt Landmaschinen. Er arbeitete im Verwaltungsgebäude mit dem Spitznamen "Schwarze Kuh" und verkaufte Ersatzteile. Von dort beobachtete er, wie 1982/83 das Heizhaus für das Kombinat entstand und 1984/85 der Schornstein gebaut wurde. "Die haben den Kran immer länger und immer länger gebaut und immer neue Ringe drauf gesetzt“, schildert Wolf. „Das war schon mächtig gewaltig." Wolf nennt sich einen "Wendegewinner". Dem Kombinat weint er keine Träne nach. Seit 31 Jahren arbeitet er für den städtischen Bauhof. "Das Heizhaus war uns ein Dorn im Auge. Wir hatten es immer abzusperren. Es war zum Abenteuerspielplatz geworden. Wir hatten mehr Probleme damit. Es ist eigentlich gut, dass es jetzt weg ist."

Renato Schaffrath sieht das anders. Auch er arbeitete einst im Kombinat. Von 1984 bis zur Wende war er Elektriker im Heizhaus. Sein Job war es Störungen zu beheben. Wenn die Förderbänder stillstanden, sorgte er dafür, dass sie wieder Kohle herbeischafften. Schaffrath denkt gern an diese Zeit zurück: "Es war gemütlicher. Es herrschte bei Weitem nicht der Arbeitsdruck, der heute herrscht." Schaffrath arbeitet jetzt in Dresden, wohnt aber noch in Neustadts Nachbarort Hohnstein.

Als der Schornstein fiel, war Renato Schaffrath den Tränen nahe. "Es ist schon bewegend, wenn so ein Stück Arbeitsleben verschwindet. Das war ja das letzte, was hier noch stand. Die anderen Gebäude sind ja schon verschwunden." Seit Juli dieses Jahres wurden sie weggerissen. "Es ist schwer, sich das alles noch vorzustellen, wenn alles weg ist", sagt Schaffrath wehmütig. Wenn er die Augen schließe, habe er noch ein Bild seiner alten Arbeitsstätte vor Augen. Doch diese Erinnerung wird verblassen.

Mitarbeiter der Abrissfirma Frauenrath begutachten das Ergebnis der Sprengung. Sie werden den Schornstein in den nächsten Tagen zerlegen.
Mitarbeiter der Abrissfirma Frauenrath begutachten das Ergebnis der Sprengung. Sie werden den Schornstein in den nächsten Tagen zerlegen. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

Eine Industriebrache mit Perspektive

Frieder Haase kann diese Wehmut nachvollziehen. Er ist Geschäftsführer der Industrie-Center Neustadt GmbH. Dem Unternehmen gehört das Grundstück. Haase soll die Brache im Auftrag der Stadt zu einem neuen Gewerbegebiet entwickeln. Deshalb hat er die Sprengung des Schornsteins in Auftrag gegeben. "Einige 'Fortschrittler' hätten es sicher gern gesehen, dass der Schornstein stehen bleibt. Das funktioniert aber nicht. Dann ist das Grundstück hier nicht zu vermarkten. Der Schornstein hätte mitten im Baufeld gestanden und wäre gar nicht mehr zu entfernen gewesen", erklärt Haase. Er arbeitet daran, dass hier wieder Arbeitsplätze entstehen. In den nächsten Wochen will er mit einem ersten Kaufinteressenten zum Notar. Und es gebe weitere Ansiedlungsvereinbarungen. Dazu gehören produzierendes Gewerbe und Dienstleister. "Ich bin mit mehreren Firmen im Gespräch, die sich Ende 2020 hier ansiedeln können", sagt Haase.

In den nächsten Tagen muss der Schornstein zerlegt werden, die Eisen herausgenommen und die im Schlot befindliche Steinwolle entsorgt werden. Auf der oberen Ebene des Grundstücks sind weitere Altlasten zu beseitigen. Dort ist Öl in die Erde eingedrungen. Die muss abgetragen werden. Danach sind ein Schmutzwasserkanal zu verlegen, ein Regenrückhaltebecken zu erweitern und eine Zisterne für Löschwasser zu bauen. "Wir haben hier schon noch ganz schön zu tun", sagt Haase. Doch er ist zuversichtlich, dass die Stadt mit der Sprengung des Schornsteins ein neues Kapitel in ihrer Wirtschaftsgeschichte aufschlägt.

Quelle: MDR/mk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 25.09.2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. September 2019, 19:13 Uhr

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