21.09.2019 | 21:28 Uhr Gemeinsam gegen Depression - Gedenklauf für Jana Bürgelt

Vor neun Jahren hat sich Jana Bürgelt das Leben genommen, mit nur 23 Jahren. Ihre Eltern erinnern jetzt mit einem Lauf gegen Depression an das Schicksal ihrer Tochter. Dabei möchten sie auch ein Tabu brechen.

Aktionstag Depression Dresden
Annette und Frank Bürgelt haben ihre Tochter durch Depressionen und Suizid verloren. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Sie lief und lief und lief. Bis an die Spitze des Dresdner Oberelbemarathons. Sie lief mit guten Noten durchs Abitur, bis in die deutsche Leichtathletikspitzenklasse. Bis nach Tübingen zum Studium der Sportpublizistik, bis nach Hawaii zum Praktikum. "Sie hat immer 150 Prozent gegeben", erinnert sich Mutter Annette Bürgelt. "Wir haben gemerkt, dass der Wechsel nach Tübingen ihr nicht gut tat." Auf einmal war sie da, diese Erschöpfung, diese Traurigkeit, Burnout-Diagnose, welchen Sinn macht das hier eigentlich noch alles?

Ständig unter Leistungsdruck

Die Eltern versuchen sie herauszuziehen, gehen mit ihr zum Arzt, fahren in den Winterurlaub, in die Natur. Laden sie zum Heimataufenthalt, wollen sich am liebsten schützend über sie werfen, doch Jana hatte die Freude verloren. "Nach ihrem Aufenthalt auf Hawaii ging es ihr wieder besser, sie hatte sich erholt", erklärt Vater Frank Bürgelt. Doch dann kam der Alltag wieder, mit doppelter Wucht, mit doppeltem Druck. Sport, Studium, Arbeit, Leistung, Leistung, Leistung. "Es wurde immer schlimmer", erinnert sich Vater Frank. "Sie war immer an ihrer Grenze und konnte nicht zugeben, dass sie Hilfe braucht."

Aktionstag Depression Dresden
Mit einem Gedenklauf erinnerten Eltern und Sportler auf die verstorbene Dresdner Läuferin Jana Bürgelt. Ihr Ziel: Auf Depressionen aufmerksam machen. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Kurz vorher noch telefoniert

Tübingen ist so verdammt weit weg. "Kurz vorher haben wir noch telefoniert", erklärt Mutter Annette. "Wir wollten sie nach Hause holen, erklärten, der Rest regle sich schon, doch sie kam nicht." Vater Frank lässt sich Blick neben das Dresdner Rathaus gleiten. Das war jetzt vor über neun Jahren. Verdammt lang her und doch so nah. Zwei Tage später stand die Polizei vor der Tür. Die Eltern stocken, die Worte fehlen, die Septembersonne scheint.

Die Trauer nach dem Schock

Dann musste Mutter Annette selbst in Behandlung. Wie umgehen mit dem Schmerz? Mit dem Verlust? Den Vorwürfen? Hätte man seiner eigenen Tochter nicht das Leben retten können? Haben sie es falsch eingeschätzt? Im September 2010 sind sie auf das Bündnis Depression gestoßen. Seitdem engagieren sie sich. "Wir wollten mitmachen, weil wir so unwissend waren", erklären die Eltern. "Wir haben die Zeichen nicht erkannt."

Gedenklauf soll auf Depressionen aufmerksam machen

Jetzt stehen die Eltern vor dem Dresdner Rathaus. Auf ihren T-Shirts das Gesicht ihrer Tochter, in ihren Seelen die Erinnerung. Um ihrer Tochter zu gedenken und auf Depressionen aufmerksam zu machen, haben sie den Gedenklauf ins Leben gerufen. Etwa 70 Menschen sind am Sonnabend mit ihnen durch die Dresdner Innenstadt gelaufen, um dafür zu sensibilisieren, dass sich hinter einer Fassade auch ganz viel Traurigkeit abspielen kann. Sie wollen Depressionen das Stigma nehmen.

40.000 Erkrankte pro Jahr in Dresden

"Jana Bürgelt hat sich mit nur 23 Jahren das Leben genommen", sagte Petra Schöne, Vorsitzende des Vereins Ex-In, der ehemals selbst Betroffene zu Genesungsbegleitern ausbildet. "Die Krankheit führt oft dazu, dass sich die Erkrankten zurückziehen und unsichtbar werden", erklärt Sven Leinert, Vorsitzender des Dresdner Bündnisses gegen Depression. Allein in Dresden erkrankten jedes Jahr etwa 40.000 Menschen. "Das ist eine große Zahl, doch hinter dieser Zahl stehen auch Schicksale", erklärt Leinert. Das Schicksal der berühmten Langstreckenläuferin Jana Bürgelt ist solch' ein Schicksal. Es kann jeden treffen, in jeder Lebenslage, aus jeder Schicht“, sagt Annette Bürgelt. "Jana wollte immer 150 Prozent geben, doch mit 80 Prozent kommt man auch gut durchs Leben."

Aktionstag Depression Dresden
Gemeinsam ist man stark: Das Dresdner Bündnis gegen Depressionen hatte zum Aktionstag, zum Gedenklauf und zu einer Lesung geladen. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Info Zum Aktionstag gegen Depression kamen 210 Gäste um sich über das Angebot von 18. Ausstellern zu informieren – darunter viele Vereine und Initiativen aber auch das Städtische Klinikum. Zudem stellte Uwe Hauck, Autor des Buches "Depression abzugeben", mit seiner Tochter den Briefwechsel "Lieber Papa, bist Du jetzt verrückt?" vor.

Hilfe • Info-Telefon Depression: 0800/33 44 533 (werktags je 4 Stunden erreichbar)
rund um die Uhr bei der
• Telefonseelsorge (kostenlos) 0800/ 111 0 111 oder 0800/ 111 0 222
• ein Selbsttest, Wissen und Adressen rund um das Thema Depression auf www.deutsche-depressionshilfe.de
• Sozialpsychiatrische Dienste bei den Gesundheitsämtern
• im akuten Notfall im Krankenhaus vorstellen oder den Notarzt rufen
• Der Verein AGUS unterstützt Angehörige nach Suizid durch Beratung, Betreuung und Vermittlung von Kontakten Betroffener www.agus.de

Depressionen: Tipps für Angehörige

Tabuthema Suizid und Depressionen
Bildrechte: Deutsche Depressionshilfe
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Quelle: MDR/kt

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 10.09.2019 | 20:00 bis 23:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. September 2019, 21:29 Uhr

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