Aus einzelnen Buchstaben ist das Wort "Analphabeten" zusammengesetzt.
Bildrechte: MDR/Adina Rieckmann

Analphabetismus in Sachsen Buchstabenchaos im Kopf

In Sachsen können weit über 300.000 Menschen nicht richtig lesen und schreiben. Trotzdem meistern sie ihren Alltag. Rudolf Gottwald aus Dresden ist einer von ihnen. Er hat sein Schicksal in die eigenen Hände genommen.

von Adina Rieckmann

Aus einzelnen Buchstaben ist das Wort "Analphabeten" zusammengesetzt.
Bildrechte: MDR/Adina Rieckmann

Was ist eine glückliche Kindheit? Auf diese Frage findet Rudolf Gottwald lange keine Antwort. Seine Kindheit war schwierig: Chaos in der Großfamilie zu Hause und in der Schule. Vor allem im Deutschunterricht. "Da schwirrten die Buchstaben wild im Kopf umher. Jede Ordnung fehlte, jedes Diktat war ein Graus", erinnert er sich.

Wenn eine Vier unter der Arbeit stand, habe er sich schon wie ein König gefühlt, allerdings nur sehr selten. Seine Rettung war das Mündliche. Er meldete sich so oft es ging, sagte Gedichte und Definitionen auf, die übte er so lange, bis er sie auswendig konnte. Der 58-jährige Dresdner ist das, was die Experten einen funktionalen Analphabeten nennen, einer von weit über 300.000 allein in Sachsen.

Ein Mann mit Brille schreibt einzelne Buchstaben auf kleine Karten.
Rudolf Gottwald ist funktionaler Analphabet. Er kann nur einfache Worte lesen und schreiben. Bildrechte: MDR/Adina Rieckmann

Warum kann ein Erwachsener nicht lesen und schreiben?

Analphabetismus ist ein relativer Begriff. Ob eine Person als Analphabet gilt, hängt nicht nur von ihren individuellen Lese- und Schreibkenntnissen ab. Es wird auch berücksichtigt, welcher Grad an Schriftsprachbeherrschung die Gesellschaft erwartet, in der der Betroffene lebt. Wenn die individuellen Kenntnisse also niedriger sind als die erforderlichen und als selbstverständlich vorausgesetzten Kenntnisse, dann liegt funktionaler Analphabetismus vor.

Eine Frau mit rotem Haar vor einem grünen Hintergrund
Iris Nußbaum Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wer das nicht kann, bleibt von der sozial streng kontrollierten Teilnahme an schriftlicher Kommunikation in allen Arbeits- und Lebensbereichen ausgeschlossen.

Iris Nußbaum Koordinierungsstelle Alphabetisierung Sachsen (Koalpha)

Analphabetismus bleibt oft unbemerkt

60 Prozent aller funktionalen Analphabeten hierzulande sind Männer, wie eine Studie der Universität Hamburg im Jahr 2011 gezeigt hat.

Rudolf Gottwald hat die Schule nach der 8. Klasse abgeschlossen, dann eine Teillehre absolviert, sich später in der Abendschule als Fräser weiterqualifiziert. Er hat sich immer durchgeschlagen, auch mit Hilfe seiner Lehrer. Sie prüften ihn dann eben vorwiegend mündlich. Der Hilfsarbeiter kommt aber mit seinen Kenntnissen nicht weiter. Auch er braucht zunehmend Kompetenz im Umgang mit Schriftlichkeit. Der Grund: Immer mehr mobile Computer, Tablets und Smartphones ziehen in den Arbeitsalltag ein. "Das wird immer schlimmer. Handy, Internet und das alles", meint Rudolf Gottwald.

Ich habe damit immer mehr Schwierigkeiten. Oftmals stehe ich vor dem Automaten und weiß nicht weiter. Das macht mir große Angst.

Rudolf Gottwald Funktionaler Analphabet

Noch gleicht der Analphabet sein Manko mit Auswendiglernen aus. Das machen die meisten Betroffenen so. Probleme gibt es vor allem, wenn Formulare ausgefüllt, Abfahrt- und Ankunftszeiten am Bahnhof studiert, Bedienungsanleitungen gelesen werden müssen. Dann scheitern fast alle.

"Meist entwickeln Betroffene wie Rudolf Gottwald ausgeklügelte Strategien", erklärt Iris Nußbaum von Koordinierungsstelle Alphabetisierung Sachsen (Koalpha). Damit falle das Problem in der Schule, am Arbeitsplatz oder im Familien- und Freundeskreis nicht auf.

Der Leidensdruck vieler ist dennoch groß. Die wenigsten haben ein gesundes Selbstwertgefühl.

Iris Nußbaum Koordinierungsstelle Alphabetisierung Sachsen (Koalpha)

Wie kommt Hilfe an?

Rudolf Gottwald besuchte drei Jahre lang einen Lehrgang im IHK-Bildungszentrum Dresden, zehn Stunden pro Woche. Das sei ihm schwergefallen, aber es habe sich gelohnt, schätzt er selber ein. Er könne endlich lesen, wenn auch noch längst nicht fehlerfrei schreiben. Aber er verstehe mehr als früher: "Und das ist doch schon was", sagt er.

Seitdem traue ich mir auch viel mehr als vorher. Jetzt besuche ich sogar eine Selbsthilfegruppe. So bin ich unter Menschen, denen es genauso geht wie mir.

Rudolf Gottwald Funktionaler Analphabet

Ein Mann im Alphabetisierungskurs
In einem Alphabetisierungskurs lernt Rudolf Gottwald auch andere Betroffene kennen, mit denen er sich austauschen kann. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Schätzungen zufolge geht es 7,5 Millionen Erwachsenen in Deutschland wie Rudolf Gottwald: Sie sind beim Lesen und Schreiben auf Hilfe angewiesen. Die "Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung 2016 bis 2026" will sich diesem Problem stellen. Durch die gemeinsamen Anstrengungen von Bund, Ländern und Partnern sollen die Unterstützungsmaßnahmen in Zukunft gebündelt und weiterentwickelt werden. Arbeitnehmer und Arbeitgeber sollen für das Thema sensibilisiert werden. Doch reicht das alles aus? Wo liegen die Schwierigkeiten, warum ist es bis heute so schwer, die Betroffenen zu erreichen, wo liegen die Grenzen? Sind die Erwartungen zu hoch?

Nils Geißler, Leiter der Alphadekade in Sachsen, meint: "Wenn wir uns die Zahlen vor Augen führen, müssen wir uns natürlich all diese Fragen stellen. In Sachsen leben 300.000 funktionale Analphabeten. Das ist eine immense Zahl. Gleichzeitig aber nehmen nur knapp 2.000 von ihnen an Fortbildungen teil. Wir müssen unsere Kräfte mehr in die Öffentlichkeitsarbeit stecken. Sonst erreichen wir tatsächlich nicht alle."

180 Millionen Euro lässt sich der Bund die sogenannte Alphadekade kosten. Das sächsische Kultusministerium schießt über europäische Fördertöpfe noch weitere 14 Millionen zu und stockt auch diese finanziell auf. Das Geld wird an 20 verschiedene Anbieter in Sachsen verteilt. Grundkurse in Lesen, Schreiben und Rechnen werden so finanziert, allerdings nur für maximal drei Jahre.

Rudolf Gottwald hat die drei Jahre schon absolviert und würde sehr gern weiterlernen. Er sei schon so weit gekommen, er könne doch jetzt nicht einfach aufhören. Eine Selbsthilfegruppe in Dresden unterstützt ihn, sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN Exakt - Die Story | 20.02.2019 | 20:45 Uhr | MDR Fernsehen

Zuletzt aktualisiert: 04. Februar 2019, 16:42 Uhr

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