21.05.2020 | 15:03 Uhr Großeinsatz bei Arevipharma - Ernstfall, der als Übung taugte

Mitte April trat in der Produktion der Radebeuler Arevipharma Chlorwasserstoff-Gas aus. Der Vorfall war im Rückblick eher harmlos, sorgte aber für ein Feuerwehr-Großaufgebot auf dem Gelände und erhebliches Aufsehen - weil alle Melde- und Krisenpläne funktionierten.

Feuerwehreinsatz bei Arevipharma Radebeul am 17. April
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Im Nachhinein klingt Dirk Jung fast zufrieden. Dabei war der Manager, einer der beiden Geschäftsführer der Radebeuler Arevipharma GmH, an diesem Freitagnachmittag im April mit einem Ereignis konfrontiert, das er wohl nicht häufiger erleben möchte: einem Störfall. Aus einem Reaktor im Produktionsgebäude der Pharmafirma war aus bisher ungeklärter Ursache Chlorwasserstoff-Gas ausgetreten. Innerhalb kürzester Zeit war deshalb ein Großaufgebot der Feuerwehr vor Ort - mehr als 30 Fahrzeuge hat Jung auf dem Gelände gezählt.

Erhöhte Gaskonzentration löst Alarm aus

Der Reaktor steht in einem abgeschlossenen Raum des Gebäudes, Sensoren hatten eine erhöhte Konzentration des Gases gemessen und Alarm ausgelöst. Von diesem Moment an, sagt Dirk Jung, hätten "alle Sicherheitsvorkehrungen gegriffen" - und alle Beteiligten hätten "sehr gut gehandelt". Während die Mitarbeiter - von denen keiner im Raum mit dem Reaktor war - das Gebäude verließen, sei bereits aus dem Produktions-Leitstand die Kühlung des Reaktors veranlasst worden, um die chemische Reaktion zu stoppen. Durch die Sensoren sei auch recht schnell klar gewesen, dass das funktionierte: "Wir hatten den Reaktor im Griff, es gab keinen weiteren Austritt mehr", sagt Jung. Die Situation sei "jederzeit unter Kontrolle" gewesen.

"Alarm- und Sicherheitsketten haben funktioniert"

Nach Jungs Informationen gab es eine reichliche Stunde, in der der abgeschlossene Reaktor-Raum "eine Art Black Box" war - ganz einfach, weil ihn zunächst noch niemand betreten sollte. Denn parallel liefen die mit den Behörden abgestimmten Alarm- und Sicherheitsketten an. Bei Arevipharma wurde der werksinterne Krisenstab zusammengerufen, die Werksfeuerwehr orderte Unterstützung. "Bei solchen Szenarien geht man prinzipiell von einem maximal schlimmen Verlauf aus", erklärt Dirk Jung. Das heißt auch: Man geht davon aus, dass man Verstärkung braucht.

Mehr als eine rote Lampe

Auch Kerstin Thöns, Sprecherin des Landkreises Meißen, in dem Radebeul liegt, sagt auf Nachfrage von MDR Sachsen, es gebe einige Unternehmen, bei denen zumindest gedanklich "gleich mehr als eine rote Lampe angeht", wenn von dort ein Alarm kommt. Im Kreis gehörten etwa Arevipharma und andere Chemiebetriebe dazu, aber auch etwa der Holz-Spezialist Kronospan in Lampertswalde. Das erklärt auch das Großaufgebot der Hilfskräfte: Während Arevipharma nach Jungs Angaben zunächst den Gefahrgutzug der Radebeuler Feuerwehr angefordert hatte, alarmierte die Leitstelle in Meißen unter anderem auch die Freiwillige Feuerwehr in Coswig, die Feuerwehr in Meißen samt Gefahrgutzug und weitere Wehren.

Erkundung vor Ort

Feuerwehreinsatz bei Arevipharma Radebeul am 17. April
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Den Angaben zufolge war es dann auch ein Trupp der Werksfeuerwehr, der als erstes wieder das Gebäude betrat, um den Reaktor-Raum in Augenschein zu nehmen. Die Feuerwehr Meißen stellte einen zweiten Trupp zur Sicherung. Währenddessen baute die Feuerwehr Radebeul sicherheitshalber einen Dekontaminationsplatz auf. Die Erkundung vor Ort bestätigte dann das Ergebnis, das die Sensoren schon nahegelegt hatten: Die ausgetretene Gasmenge war klein, die Reaktion des Reaktors gestoppt. Also blieb noch übrig, das Gas mit Wasser zu binden und so den Stoff zu verdünnen. Die entstandene Lauge, sagt Jung, wurde abgesaugt und gefiltert. "Zu keiner Zeit", betont der Arevi-Manager, habe eine Gefahr für die Öffentlichkeit bestanden. 

Kein meldepflichtiger Störfall

Feuerwehreinsatz bei Arevipharma Radebeul am 17. April
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Das bestätigt auch das Landesamt für Umwelt, das als zuständige Überwachungsbehörde für Anlagensicherheit und Störfallvorsorge den Vorfall überprüft hatte. "Unsere Experten haben das Ereignis nicht als meldepflichtigen Störfall eingestuft", sagt Sprecherin Karin Bernhard MDR SACHSEN. Die Menge an ausgetretenem Chlorwasserstoff sei gering gewesen. "Es gab keine verletzten Mitarbeiter und auch keine Auswirkungen außerhalb des betroffenen Gebäudes - weder auf die Umwelt noch auf die Anwohner."

Tatsächlich hatten am Wochenende nach dem Feuerwehreinsatz Anwohner vereinzelt über Kopfschmerzen geklagt. Einen Zusammenhang sehen aber weder Arevipharma noch das Landesamt für Umwelt. Chlorwasserstoff-Gas löse Reizungen des Atemtraktes aus - allerdings erst bei einer gewissen Mindestkonzentration. Zu der sei es bei dem Vorfall, zumal im abgeschlossenen Raum, aber nicht gekommen.

Notfallpläne für große Unternehmen

Andreas Rümpel
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Für Andreas Rümpel, Chef der Dresdner Berufsfeuerwehr und als Präsident des Landesfeuerwehrverbandes gewissermaßen Sachsens oberster Feuerwehrmann, ist der Vorfall bei Arevi ein Beispiel dafür, wie es im Ernstfall ablaufen kann und sollte. Im Freistaat hielten etliche große Unternehmen oder solche, die mit gefährlichen Stoffen arbeiten, eigene "externe Notfallpläne" vor. Zu deren Bestandteilen könnten, wie bei Arevi ein eigener Krisenstab und eine Werksfeuerwehr gehören, die zunächst alarmiert werden und die weiteren Schritte veranlassen. In Dresden seien das beispielsweise das Total-Tanklager an der Flügelwegbrücke oder auch der Chip-Produzent Infineon, der in der Herstellung mit ätzenden Chemikalien arbeite. Parallel seien in der Regel auch in der Leitstelle der Feuerwehr mit den Firmen abgestimmte Einsatzpläne hinterlegt, die gewährleisteteten, dass "die zuständige Feuerwehr und unter Umständen auch die nötige Spezialtechnik schnell vor Ort" seien. Auch hier gelte das Prinzip: "Wir gehen erst einmal vom 'Worst Case' aus und können und dann gegebenenfalls Kräfte wieder abmelden oder abbestellen."

Lehren aus dem Ernstfall

Dazu passt auch, dass die zugerufenen Feuerwehrkräfte auf dem Arevipharma-Gelände ein Dekontaminationszelt aufbauten, um gegebenenfalls Schutzanzüge der Feuerwehrleute und Material von gefährlichen Stoffen befreien zu können. Dirk Jung erzählt, er habe die Einsatzleitung zu Beginn darauf hingewiesen, dass es entsprechende Möglichkeiten und Einrichtungen auch im Unternehmen gebe. Da, sagt der Geschäftsführer mit einem Schmunzeln, habe das Zelt aber schon fast gestanden. Insofern habe der Ernstfall auch als eine Art Übung für die Zukunft getaugt: Man habe "sehr wertvolle Erkenntnisse" gewonnen und werde "das eine oder andere Detail" verändern. Insgesamt aber wirkt der Manager nicht unzufrieden.

Quelle: MDR/rad

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR Sachsen- Das Sachsenradio | 17.05.2020 | gaztägig im Programm

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