Auf dem Hof Mahlitzsch wachsen Kälber in der Obhut von Ammenkühen auf. Das mache sie gesünder und lehre sie ein artgerechtes Sozialverhalten, erklärt Betriebsleiter Nikola Burgoff.
Auf dem Hof Mahlitzsch wachsen Kälber in der Obhut von Ammenkühen auf. Das mache sie gesünder und lehre sie ein artgerechtes Sozialverhalten, erklärt Betriebsleiter Nikola Burgoff. Bildrechte: Hof Mahlitzsch

12.07.2019 | 17:31 Uhr Hof Mahlitzsch steckt viel Liebe in die Kälberaufzucht

Am Ehrentag der Kuh fragen wir: Was wollen Kühe wirklich? Auf dem Hof Mahlitzsch bei Nossen hat man darauf eine Antwort. Der Hof ist einer der wenigen Betriebe in Sachsen, der seine Kälber von Ammen aufziehen lässt.

Auf dem Hof Mahlitzsch wachsen Kälber in der Obhut von Ammenkühen auf. Das mache sie gesünder und lehre sie ein artgerechtes Sozialverhalten, erklärt Betriebsleiter Nikola Burgoff.
Auf dem Hof Mahlitzsch wachsen Kälber in der Obhut von Ammenkühen auf. Das mache sie gesünder und lehre sie ein artgerechtes Sozialverhalten, erklärt Betriebsleiter Nikola Burgoff. Bildrechte: Hof Mahlitzsch

Auf dem Hof Mahlitzsch stehen die Kälber nicht in Buchten separiert. Sie verbringen die ersten Tage ihres Lebens bei ihrer Mutter. Während heute in vielen Landwirtschaftsbetrieben Mutter und Kalb gleich nach der Geburt getrennt werden, bleiben sie auf dem Hof Mahlitzsch noch vier, fünf Tage beisammen. Dadurch könne die Kuh ihr Kalb mit der wichtigen Erstmilch, der sogenannten Kolostralmilch säugen, erklärt Nikola Burgoff, der Betriebsleiter für den Stall und die Molkerei auf dem Hof. Woanders wird die Erstmilch dem von der Mutter getrennt gehaltenen Kalb über einen Trinkeimer verabreicht. "Dabei besteht das Risiko, dass die Milch kalt wird und das Kalb Durchfall bekommt", erläutert Burgoff. Das sei eines der größten Probleme in der herkömmlichen Kälberaufzucht. Denn viele Kälber erholen sich von dieser Verdauungsstörung nicht mehr. Auf dem Hof Mahlitzsch hat man dieses Problem nicht.

Anfang der 90er Jahre gab es auf dem Hof Mahlitzsch noch einen Anbindestall. 1998/99 ist man in einen größeren Laufstall umgezogen. Der zusätzliche Platz bot den Anlass, über die Haltebedingungen nachzudenken, erzählt Nikola Burgoff. Damals habe er damit begonnen, die Kälber durch eine Amme aufziehen zu lassen. Das sei gar nicht so einfach gewesen. "Die Kuh ist auf den Menschen geprägt", erklärt Burgoff. Die Ammenkühe hätten sich an ihre neue Aufgabe und den ihnen anvertrauten Kälbern erst einmal gewöhnen müssen. "Es entwickelt sich dann eine sehr liebevolle Beziehung, wenn die Kuh merkt, dass das ihre Aufgabe ist", hat Burgoff beobachtet.

Weniger Mobbing in der Herde

Nach fünf Tagen werden die Kälber von ihrer Mutter getrennt und den Ammen zugeführt. Die Bindung zur Mutter werde sonst zu stark und das verursache nur "große Trauer und großes Gebrülle", sagt Nikola Burgoff. Die Kuh sei auf dem Hof dazu da, Milch zu produzieren. Die Aufzucht übernimmt die Ammenkuh. Die kümmert sich in der Regel um drei Kälber. 110 Tage bleiben die jungen Rinder in deren Obhut. Sechs bis acht Ammen gibt es auf dem Hof. Die sind in der Lage, die Zusammensetzung der Milch den Bedürfnissen des Kalbs anzupassen und diese immer in der richtigen Temperatur abzugeben. "Das ist maschinell und handwerklich so nicht zu erreichen", betont Burgoff.

Die ammengebundene Aufzucht hat noch einen weiteren Effekt. "Die Ammen haben eine große Vorbildfunktion. Da findet eine Sozialisation statt." So hätten die Kühe später einen besseren Stand in der Herde und würden dort von den älteren Kühen seltener gemobbt. Diese Art der Kuhhaltung hat jedoch seinen Preis. 1,70 Euro kostet der Liter Milch im Laden auf Hof Mahlitzsch.

Zeitlicher Aufwand nicht höher als bei herkömmlicher Aufzucht

Für die Ammenkühe muss der Bauer jeweils 25 Quadratmeter Platz vorsehen. Mit etwas Fantasie seien die aber leicht einzurichten. Ein neuer Stall sei dafür nicht nötig, ist Nikola Burgoff überzeugt. Daneben braucht es jemanden im Betrieb, der die Ammen-Kalb-Beziehung im Auge behält, öfter mal nachschaut, ob die Ammen gut Milch geben und die Kälber gut säugen. Das bedeute aber nicht unbedingt mehr Arbeit. "Wir haben den zeitlichen Aufwand mal untersucht. Er ist nicht höher als bei der herkömmlichen Aufzucht", erklärt Burgoff.

Die Ammenkuh bekommt jede Menge frisches Gras, im Winter einen Berg voll Heu und Grassilage zu fressen. Auf Kraftfutter verzichtet der Hof Mahlitzsch beinah ganz. So geben die Kühe auf dem Hof nur etwa 6.500 Liter Milch pro Jahr. Die sächsische Durchschnittskuh produziert etwa ein Drittel mehr. Nikola Burgoff fordert hier ein Umdenken. Das Paradigma, dass Lebensmittel billig sein müssten, sei überholt. Die Frage einer artgerechten Nahrungsmittelproduktion ist seiner Ansicht nach aber nur gesamtgesellschaftlich zu lösen, das könne nicht nur auf die Bioverbände abgewälzt werden.

Mit Halteverordnung Mindeststandards erreichen

In konventionellen Betrieben werden die Kälber nach der Geburt von der Mutter getrennt und in Buchten gehalten. Die Erstmilch bekommen sie über einen Trinkeimer verabreicht.
In konventionellen Betrieben werden die Kälber nach der Geburt von der Mutter getrennt und in Buchten gehalten. Die Erstmilch bekommen sie über einen Trinkeimer verabreicht. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Dieser Ansicht ist man auch bei der Welttierschutzgesellschaft. Der Verein mit Sitz in Berlin  will mit seiner Kampagne "Kuh+Du" auf die Defizite in der Milchkuhhaltung hinweisen. Der Verein hat einen Milchratgeber erarbeitet und dafür die Haltungsbedingungen in Betrieben verschiedener Milchmarken untersucht. Er pflegt auf seiner Website eine Liste mit Höfen, die ihre Kälber mutter- oder ammengebunden aufziehen und er vermittelt Schülern mit einem Lernset die Bedürfnisse von Kühen. Über Missstände in der Schweine- oder Hühnerhaltung sei in der Vergangenheit häufig berichtet worden. Die Haltungsbedingungen der Milchkühe aber seien in Vergessenheit geraten, kritisiert Christoph May, Pressesprecher der Welttierschutzgesellschaft. "Es gibt eine Lücke in der Wahrnehmung, obwohl in Deutschland noch Millionen von Kühen gehalten werden." Dieser Diskrepanz wollte der Verein mit der 2013 entwickelten Kampagne entgegen treten. In einer Petition, die rund eine Viertelmillion Menschen unterschrieben, forderte die Welttierschutzgesellschaft 2016 eine Halteverordnung für Milchkühe. Für Legehennen und Schweine gebe es bereits festgeschriebene Mindeststandards. Für Kühe fehlen sie noch.

Unter anderem verlangen die Tierschützer ein Verbot der Anbindehaltung. Kühen sollte regelmäßiger Auslauf gewährt werden. Das Füttern mit Kraftfutter soll reduziert werden und der Kuhhalter einen Sachkundenachweis erbringen. "Die Missstände in der Haltung von Milchkühen sind durchaus bekannt", sagt Christoph May. "Das allgemeine Problem ist, dass es in der Landwirtschaft zu viele Baustellen gibt und der Milchkuhhaltung zu wenig Beachtung geschenkt wird. Wir wünschen uns, dass sich das ändert." Denn trotz Unterstützungszusagen hat die Petition von 2016 keine handfesten Veränderungen bewirkt.

Quelle: MDR/mk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 12.07.2019 | 13:00 Uhr

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1 Kommentar

13.07.2019 19:23 marina Struzyna 1

Was müssen Tiere für Leiden ertragen, wenn es doch viel humaner ginge? warum bleiben Kälber nicht wie früher deutlich länger bei den Müttern u. in den Herden? Es geht doch, wenn ich hier bei uns rundum die großen Herden auf Weiden sehe, mit Kälbern, Muttertieren u. den anderen, pures Glück. Was tun wir den Tieren an? Es ist nicht Verbrauchers schuld, die haben auf Massenexporte von Fleisch keinen Einfluss u. die Gewinne daraus werden nie öffentlich gemacht. Wer braucht 10 Sorten Milch im Supermarkt? kein Verbraucher will das, das will die Lobby der Landwirtschaft! Dafür wird dann unser Grundwasser mit Gülle vergiftet u.a. Chemielakien, Tiere mit Antibiotika voll gepumpt ,damit dem Verbraucher auch noch geschadet- Hauptsache Gewinne. Monokulturen machen die Welt ebenso kaputt, aber es geht um globale Gewinnmaximierung u. da hat der kunde eben als Schuldiger herzuhalten! Tiere haben auch Seelen u. Schmerzempfinden, schon vergessen? Dann können sie Kälber bei den Müttern belassen.

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