Hilfsaktion für Bedürftige und Obdachlose Friseur-Engel scheren sich um die Armut Anderer in Sachsen

Wer obdachlos ist oder arm, kann sich einen Friseurbesuch nicht leisten. In Dresden haben die Diakonie und die "Barber Angels" am Sonntag Bedürftige eingeladen, sich kostenlos die Haare schneiden zu lassen. Der Andrang war groß.

Eine Frau schaut in einen Spiegel der ihr von der Friseurin vorgehalten wird.
Die abgebrochenen Spitzen sind weg, dafür haben die feinen Haare wieder mehr Schwung, freut sich die Dresdnerin Birgit Ebert (li.) beim Blick in den Spiegel, den ihr Patricia Pure entgegenhält. Bildrechte: MDR/Kathrin König

"Perfekt. Es ist schön", sagt Birgit Ebert beim Blick in den Spiegel. Dann lächelt die 55-Jährige leise und blickt lange auf ihren neuen, kürzeren Haarschnitt. Die Dresdnerin hat von einer Friseurin der "Barber Angels Brotherhood" kostenlos die Haare geschnitten bekommen. Auf Einladung der Diakonie waren Friseure aus Sachsen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen am Sonntag erstmals in Dresden im Einsatz. Die Organisatoren rechneten mit etwa 100 Besuchern am Nachmittag. Bereits in der ersten von drei Stunden waren knapp 40 Besucher da, die sich frisieren, rasieren und Frauen auch schminken ließen.

Ich habe selbst erlebt, wie eine Obdachlose wiederkam und erzählte, dass die Frisur ihr Mut gegeben hat, sich zu kümmern und ihre Probleme auf die Reihe zu bekommen.

Claudia Mihaly-Anastasio Friseurmeisterin aus Freital

"Ich weiß gar nicht, ob mein letzter Friseurbesuch drei oder vier Jahre her ist", erzählt Birgit Ebert. Als EU-Rentnerin könne sie sich einen Salonbesuch nicht leisten. Sie färbt sich selbst die Haare und schneidet ihren Pony zu Hause. Den hat sich auch Friseurin Patricia Pure vorgenommen, gekürzt und Birgit Ebert eine schwungvolle Bob-Frisur geschnitten und geföhnt. "Das klingt nicht viel, aber wir geben mit unserer Arbeit den Menschen ein Stück ihres Selbstwertes wieder und zaubern ihnen ein Lächeln ins Gesicht", erklärt die Friseurin.

Schere, Kamm und meine Hände können Menschen helfen, ganz anders wahrgenommen zu werden.

Patricia Pure Friseurin aus Freital
Ein Mann schaut in die Kamera.
"Der Friseur sollte einfach mal machen", sagte Kay Buchholz und freute sich über das Ergebnis. Bildrechte: MDR/Kathrin König

Das kann Kay Buchholz bestätigen, der gerade einen ordentlichen Fassonschnitt erhalten hat. "Ich find', man sieht halt besser aus, wenn es nicht mit der Maschine kurz rasiert wird." Der Hartz-IV-Empfänger geht jedes Vierteljahr ins Obdachlosenheim und bekommt dort kostenlos die Haare gekürzt. 15 bis 20 Euro für einen normalen Haarschnitt kann sich der 33-Jährige, der vor fünf Jahren weggekommen ist vom Herionkonsum, nicht leisten. Das Angebot der "Barber Angels" findet er "super".

Die ehrenamtlich arbeitenden Friseure sehen aus wie Rocker eines Motorradclus in schwarzen Sachen, mit Lederwesten und Abzeichen. "Das hat mich überhaupt nicht abgeschreckt. Sieht lässig aus", meint Kay Buchholz zum Abschied vor dem Haus der Kirche in Dresden-Neustadt.

Wir suchen Friseure und Helfer, die bereit sind, Zeit zu opfern und ein bisschen helfen wollen.

Claudia Mihaly-Anastasio Koordiniert die Barber Angels in Sachsen
Eine Frau schaut lächelnd in die Kamera.
Weil Haare wichtig sind für alle Menschen, arbeitet Friseurin Claudia Mihaly-Anastasio an einem Netzwerk der "Barber Angels" in Sachsen. Bildrechte: MDR/Kathrin König

Mit Motorradclubs haben die "Barber Angels" nichts zu tun, auch wenn sie bewusst die Optik gewählt haben, erklärt die für Sachsen zuständige Friseurin Claudia Mihaly-Anastasio. Die Optik soll Hemmschwellen abbauen helfen. "Vor Rockern hat keiner Angst. Obdachlose und Bedürftige sollen sich trauen, zu unseren Aktionen zu kommen." Es wird geduzt, Kaffee miteinander getrunken. Und Zeit für ein aufmunterndes Wort solle auch immer bleiben, meint die Friseurmeisterin aus Freital. Sie sucht in Sachsen Mitstreiter, die sich ehrenamtlich für arme Menschen einsetzen wollen. Der Verein arbeitet bundesweit und in vier europäischen Ländern. "Wir suchen Friseure und Organisationstalente, denn wir wollen in Sachsen dauerhaft und regelmäßig helfen." Claudia Mihaly-Anastasio plant ein Netzwerk in allen größeren Städten Sachsens.

Es ist gut, wenn es persönliche Initiativen gibt, bei denen Menschen Wärme geben. Das ist viel wertvoller als Spenden.

Michael Kretschmer Ministerpräsident und Schirmherr der Aktion in Sachsen
Zwei Männer stehen vor einem Friseurladen nebeneinander und schauen lächelnd in die Kamera.
Friseurmeister Claus Niedermaier (li.) gründete 2016 die "Barber Angels" in Biberach an der Riß. In Dresden sprach er mit Ministerpäsident Michael Kretschmer über das Hilfsprojekt. Bildrechte: MDR/Kathrin König

Unterstützung bekommen die Barber von Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer. Als Schirmherr für das Projekt im Freistaat bedankte sich der Ministerpräsident am Sonntag persönlich für den sozialen Einsatz der Friseure und Kosmetikerinnen.

MDR SACHSEN sagte der CDU-Politiker: "Ich habe auch viele Jahre lang gedacht, dass in Deutschland niemand obdachlos sein muss, wo es doch so viele Initiativen und Organisationen gibt. Irgendwann habe ich gesehen, dass es Menschen mit Schicksalsschlägen gibt, an die wir nicht denken." Umso wichtiger sei der Einsatz der "Barber Angels" zu bewerten, denen sein Dank galt.

Friseure helfen armen Menschen in Dresden und schneiden kostenlos Haare.
Das Wappen der Barber Angels auf der linken Seite zeigt einen geflügelten Kamm, Schere, Rasiermesser und den Vereinsnamen. Der Auftrag: Bedürftigen durch Haarpflege ein neues Selbstwertgefühl geben. Bildrechte: MDR/Kathrin König

Quelle: MDR/kk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 20.01.2019 | 19:00 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 20. Januar 2019, 18:11 Uhr

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