03.02.2020 | 21:27 Uhr Bischofskandidaten wollen Strategien fürs Netz, gute Kommunikation und mehr Mut

Erstmals haben sich am Montagabend alle drei Bewerberinnen und Bewerber für das Bischofsamt der ev.-luth. Landeskirche Sachsen in einem Forum der Öffentlichkeit vorgestellt. Sie erzählten auch zutiefst Privates, äußerten Wünsche für das Überleben ihrer Kirche und versuchten Mut zu machen.

Die drei Kandidaten für das Bischofsamt der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens Andreas Beuchel, (l-r), Superintendent in Meißen, Ulrike Weyer, Superintendentin in Plauen, und Tobias Bilz, Oberlandeskirchenrat, stehen vor Beginn der Vorstellung in der Himmelfahrstkirche.
Die drei Bewerber für das Bischofsamt: Andreas Beuchel (li.), Ulrike Weyer (Mi.) und Tobias Bilz am Montagabend in Dresden. Bildrechte: dpa

Eine Bewerberin und zwei Bewerber für das Bischofsamt der evangelisch-lutherischen Landeskirche haben sich am Montagabend in Dresden öffentlich vorgestellt. In der vollbesetzten Himmelfahrtskirche beantworteten Superintendentin Ulrike Weyer, Oberlandeskirchenrat Tobias Bilz und Superintendent Andreas Beuchel mehr als zwei Stunden lang Fragen der Besucher. Dabei ging es den Interessierten in Altleuben vor allem um die Position der Kirche mit Blick auf politische Einordnung, Extremismus und Radikalismus und demografische Probleme.

Die Vorstellungsrunde

Meine Frau hat gesagt: Naja, das, was die Kirche jetzt braucht, das hast du vielleicht.

Tobias Bilz zitiert Reaktion seiner Ehefrau zur Kandidatur

Oberlandeskirchenrat Tobias Bilz nahm in seinem Impulsvortrag die Zuhörer mit auf eine Wanderung in die Stubaier Alpen. Dabei zog er Vergleiche zu dem, was in der Kirche passiert und dem, was Wanderer auf ihren Wegen in den Bergen erleben. Denn für den 55-jährigen Wanderfreund und Jogging-Liebhaber ist die Kirche eine Weggemeinschaft.

"Aber wir sind noch mehr. Wir sind eine Ermutigungsgemeinschaft." Bilz berichtete von motivierenden Gesprächen bei Hüttenabenden, bei denen es nicht um Geld oder Beruf ging, sondern um Fragen nach dem Woher und Wohin. Denn: "Wir sind auch eine Gemeinschaft der Suchenden." In den Bergen liefen die Leute mit Wanderkarten, Handys oder Apps herum oder fragten nach dem Weg. In der Kirche würden sich Traditionalisten auf die Bibel verlassen, nach Wegmarken schauen oder mit anderen ins Gespräch kommen, die schon viel erlebt hätten.

Wie St. Martin musste ich mich nicht im Gänsestall verstecken. Ich bin angesprochen worden von Synodalen. In den Gesprächen habe ich das Vertrauen gespürt, dass man mir entgegengebracht hat.

Andreas Beuchel über seine Gedanken zur Nominierung

Mit einem Zitat von Ingmar Bergman begann Superintendent Andreas Beuchel seine Vorstellung: "Es gibt keine Grenzen. Weder für Gedanken, noch für Gefühle. Es ist die Angst, die immer Grenzen setzt." Beuchel erinnerte die Zuhörer daran, dass "wir die Kirche der Freiheit sind". Aber viele Sachsen hätten Ängste und Sorgen, die nicht einfach weggewischt werden könnten. Das betreffe auch die Kirche, die mit Strukturwandel, Schwund der Kirchenmitglieder, Anfeindungen und Polarisierungen zu kämpfen habe. Und dennoch: Beuchel lenkte den Blick auf den Einsatz der vielen Ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeiter in Kirche und Diakonie. "Wir sollten dankbar sein für ihren großen Einsatz. Das Danken sollte in unserer Kirche größere Kraft haben als das Klagen."

Persönlich sah der 56-jährige Beuchel die Hinwendung zu den Menschen, als Mission, als "Herzschlag der Kirche". Die Menschen sollten auf die Kraft der Liebe und Gelassenheit vertrauen. "Gelassenheit hilft, das Bleibende, Wichtige vom gerade Dringlichen zu unterscheiden". Zudem wünschte sich Beuchel, dass in der Landeskirche Menschen bereit sind, Frömmigkeit und Freiheit zu leben. Bildung und Frömmigkeit stellten für den Meißner Superintendenten keinen Widerspruch in der heutigen Zeit dar.

Als am Jahresende die Fragen anfingen, haben einige Leute gesagt, das war uns klar, dass Du das machst. Das war mir selbst nicht klar, weil es wirklich ein Ringen ist. Es ist eine große Herausforderung und ein Ehre.

Ulrike Weyer über ihre Kandidatur fürs Bischofsamt

Von ihrem persönlichen Werdegang in Sachsen berichtete Plauens Superintendentin Ulrike Weyer: In Dresden aufgewachsen, in Leipzig gelernt und studiert, im Vogtland gearbeitet. In all diesen Jahren sei Kirche für sie wirkliche Heimat geworden, "die Fremdlinge aufnimmt. Bei mir hat es geklappt." Für Weyer ist Kirche zeitgemäßer als die meisten Christen selbst einschätzen würden. Die 46-Jährige verwies "auf den unglaublichen Schatz, den Kirche bietet, um Suchenden Halt zugeben". Weyer bezog sich dabei auf Musik, Worte, Räume, Teams und Angebote. Auch die Glaubenstradition in Sachsen sollte nicht geringgeschätzt werden.

Klare Worte fand die Theologin für all jene in der Kirche, die "mit allzu spitzer Zunge" reden. Das verletze den Ruf von Kirche. Zudem sollte die Institution nicht zu beliebig werden, sondern nach Antworten und Strategien suchen, um denen zu begegnen, die "mit höflichem Desinteresse oder verletzender Ablehnung" auf sie reagierten. Für Ulrike Weyer stellte Kirche "die Heimat der Hoffnungsträger" dar - auch wenn sichtbare Ergebnisse manchmal auf sich warten ließen.

Die Fragen der Zuschauer

Wie politisch muss Kirche sein und bei welchen Themen hat sich die ev.-luth. Landeskirche bislang zu sehr zurückgehalten?

Drei menschen stehen im profil seitlich gedreht und blicken in einen Kirchenraum. Es sind die drei Kandidtaen fürs Bischofsamt in Sachsen.
Bildrechte: MDR

Weyer und Beuchel waren sich einig, dass Kirche gesellschaftspolitisch immer gefragt sei. "Parteienpolitik ist aber nicht Aufgabe von Kirche", meinte Ulrike Weyer. Andreas Beuchel lehnte jegliche Form von linker und rechter Radikalität ab mit den Worten: "Es gibt Dinge, die sind nicht mit dem christlichen Glauben vereinbar."

Ulrike Weyer verlangte mehr Einsatz der Landeskirche für Menschen in Not und führte ihr persönliches Erleben an. Eines ihrer Kinder war nach einer Knochenmarktransplantation gestorben. "Wir fühlten uns als Familie sehr oft alleine gelassen." Der Einsamkeit der Menschen, vor allem im digitalen Zeitalter müsse die Landeskirche mit Angeboten entgegentreten, meinte Beuchel und argumentierte, "damit der Einzelne in der digitalen Welt nicht untergeht".

Tobias Bilz erklärte: "Kirche darf nicht immer nur mit dem moralischen Finger dastehen, sondern muss Menschen unterstützen, die sich für Politik einsetzen und ihnen den Rücken stärken", sagte er und fügte hinzu: "Ich bin sehr, sehr, sehr froh, dass ich in einer freiheitlichen, demokratischen Grundordnung lebe."

Wie positioniert sich die sächsische Landeskirche mit Blick auf rechtes Gedankengut und damit verbundene Parteien?

Beuchel und Weyer lehnten jegliche Form von Rechtsradikalität und Linksextremismus ab, "weil das nicht mit dem christlichen Glauben vereinbar ist", wiederholte Beuchel. Bilz legte Wert darauf, zwischen Parteien und Wählern zu unterscheiden. Für ihn passen Nationalismus und christlicher Glaube nicht zusammen. "Als Christen sind wir international und universal. Unsere Gemeinschaft setzt sich aus vielen Nationalitäten der Welt zusammen. Wählerinnen und Wähler sage Bilz immer, sie sollten überlegen, in welche Richtung die Gesellschaft steuere, wenn diese oder jene Partei zum Zuge komme.

Wie ist der Rücktritt von Bischof Rentzing aufzuarbeiten? Wie kann die Polarisierung innerhalb der Landeskirche überwunden werden?

Alle drei Bischofskandidaten betonten, dass nur Kommunikation in kleinen Schritten und sensibles Nachfragen dabei helfen könnten. Tobias Bilz warnte vor weiteren Anklagen und Verurteilungen. "Wir müssen uns mit dem Konflikt beschäftigen, denn bei uns ist viel mehr am Start. Die unterschiedlichen Prägungen der Menschen müssen wieder mehr in Spiel gebracht werden."

Andreas Beuchel verwies auf das Wesen von Kirche, auf die Worte von Jesu. Daher sollte man auf Einflussnahmen von außen verzichten und vom christlichen Standpunkt aus diskutieren. "Aber dabei bitte nicht verkrampfen", riet er.

Ulrike Weyer vertrat die Ansicht, dass die christliche Botschaft viel mehr Meinungsbrüche, auch Lebensumbrüche aushalte als viele denken würden. "Wir dürfen tiefer graben und Fragen nachgehen." Sie wehrte sich gegen die Aussage, dass die sächsische Landeskirche gespalten sei. Lieber spreche sie von verschiedenen Milieus, von Menschen mit verschiedenen Glaubensbiografien. Darüber könne man sich doch freuen und staunen. "Das Staunen über diese Vielfalt will ich stärken", so Ulrike Weyer.

Wie soll Kirche den Kirchenaustritten begegnen, damit die Institution wieder wächst?

"Wir erfahren es leider immer erst, wenn die Leute ausgetreten sind", meinte Tobias Bilz. Er will Austrittswilligen mit persönlichen Kontakten begegnen. Motto: Wer eine persönliche Bindung zur Kirche hat, tritt auch nicht so schnell aus.

Andreas Beuchel sah an dem Punkt jedes Kirchenmitglied in der Verantwortung, auf die Menschen zuzugehen. Er wünschte sich, dass die Landeskirche eine Strategie erarbeitet, wie eine offene Kirche die Menschen erreichen könne.

Ulrike Weyer meinte, dass Kirchenaustritte immer das Ende eines längeren Entfremdungsprozesses seien. Kirche müsse sich fragen, was den Menschen fehlt, was sie nicht bekommen könnten. Und sie verlangte eine klare Kommunikationsstrategie in den digitalen Medien, um junge Menschen zu erreichen.

Zwei Männer und eine Frau
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Fahrplan bis zur Bischofswahl

Auf das Amt des Bischofs kann man sich nicht bewerben. Man wird gefragt. Und die drei Kandidaten haben 'Ja' gesagt.

Otto Guse Synodalpräsident

  • Nach der Vorstellung in Dresden präsentieren sich die drei Bewerber am Dienstag, 4. Februar in der Chemnitzer Markuskirche und am Donnerstag, 6. Februar in der Leipziger Michaeliskirche.
  • Gewählt wird am 29. Februar und 1. März auf einer Sondersitzung des Kirchenparlaments (Landessynode) im Haus der Kirche (Dreikönigskirche) Dresden.
  • Vor dieser Wahl stellen sich die drei Bewerber am Freitag, 28. Februar nochmals der Landessynode vor.
  • Die Wahl ist geheim. Gewählt ist, wer zwei Drittel aller abgegebenen gültigen Stimmen bekommen hat. Gelingt das nicht, gibt es einen zweiten Wahlgang. Gelingt auch da keine Zweidrittelmehrheit, geht es in die dritte Runde. Dann genügen auch mehr als die Hälfte der abgegebenen Stimmen. Gibt es nach der vierten Runde auch keine Stimmenmehrheit, treten in der fünften Runde nur noch die beiden Kandidaten an, die in der vierten Wahlrunde die meisten Stimmen erhalten haben.
  • Die Bischofswahl war notwendig geworden, weil der bisherige Landesbischof Carsten Rentzing sein Amt vor drei Monaten aufgegeben hatte, nachdem antidemokratische Texte aus seiner Studienzeit bekannt geworden waren und das eine teilweise scharf geführte Debatte in Gang gesetzt hatte. Das sächsische Landeskirchenamt stufte Rentzings Texte als "elitär, in Teilen nationalistisch und demokratiefeindlich" ein.

Die Kandidaten nochmals in der Übersicht

Von der Kirchenleitung für das Amt vorgeschlagen wurden zwei Kandidaten: die Plauener Superintendentin Ulrike Weyer, 46 Jahre alt und der sächsische Oberlandeskirchenrat Tobias Bilz, 55 Jahre alt.
Der 56 Jahre alte Meißner Superintendent Andreas Beuchel wurde von der Landessynode für das Amt vorgeschlagen.

Quelle: MDR/kk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 03.02.2020 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Februar 2020, 21:27 Uhr

20 Kommentare

Felix vor 1 Wochen

Nach meiner Information (hab jetzt nicht näher nachgeforscht) hatten die letzten Bischöfe alle nur eine "hauchdünne" Mehrheit. Spielt das überhaupt eine Rolle? Mehrheit ist Mehrheit. Woher beziehen Sie Ihre These, dass ca. 50% der evang. Christen in Sachsen mit Rentzing Probleme hatte und vor allem die in den Städten?? Sehr steile These. Ich komme z.B. aus der Stadt und hatte überhaupt keine Probleme mit ihm - fand ihn sogar richtig gut. Und wenn Sie ihm politische Entgleisung vorwerfen, dann gehören Sie auch zu denen, die Gräben ausheben. Es passt zum Zeitgeist (mit dem eben etliche konservative Christen ein Problem haben) - hat aber mit der Wahrheit nichts zu tun.

DER Beobachter vor 1 Wochen

Naja: Luther kritis. log. kath. Amtskirche, aber dürfen davon ausgehen, dass er evang. Kandidaten wie den Amtsvorgänger bezügl.glaubwürdigen Frömmigk.sehr wohl unter Lupe genommen hätte. Tue mich zur Unterscheidung von Gläubigen im ländl./städt. Raum schon schwer. Ernnere mich an unseren Jugenddiakon aus dem frömmlenden Erzgebirge, der hier in DD in 80ern und 89 mitnichten begreifen mochte, dass man zur JG auch mal Opernkarten hat oder bewusst zur Demo geht. Wie aktuelle Amtsbewerber einzuschätzen sind, bin ich unsicher, aber schlimmer als amtsverwaltend-daherfrömmelnder Vorgänger kanns wohl nicht werden.... PS: ungeachtet polit. Dimensionen ist Unding, dass aufgrund des teuren Sparsamkeitsamtssschimmels in der sächsischen Landeskirche flächendeckend Gemeinden zulasten seelsorgerl. Verpflichtungen zusammengelegt werden. Da unterscheidet ländl. und städt. Gemeinde nicht viel. Aber ist auch im potestantischen Kernland Sa, schon seit Jahrzehnten lange vor akt. Hatzereien Problem...

DER Beobachter vor 1 Wochen

Völlig richtig. Auch der Amtsvorgänger war ein durchaus reaktionärer Gläubiger. Als Verwalter des Glaubens wurde er mit hauchdünner Mehrheit berufen, obwohl ca. 50% der evangelischen Chisten Sachsens, also die in den Städten, mit seinem Gedankengut inhaltlich schon lange vor der Kenntnis seiner politischen Entgleisung erhebliche Probleme hatten...

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