Tester sitzen am Tisch. Vor ihnen liegen Formulare.
Nur geschulte Prüfer dürfen die Weine bewerten. Bildrechte: MDR/L. Müller

14.08.2019 | 13:40 Uhr Ganz nüchtern betrachtet: Bundesweinprämierung erstmals in Radebeul

Wie kommt eine Medaille auf die Weinflasche? Durch eine strenge Prüfung. Die Bundesweinprämierung ist zum ersten Mal zu Gast in Sachsen.

Tester sitzen am Tisch. Vor ihnen liegen Formulare.
Nur geschulte Prüfer dürfen die Weine bewerten. Bildrechte: MDR/L. Müller

Noch bis Freitag macht die Bundesweinprämierung zum ersten Mal Station in Sachsen. Die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft als Ausrichter teilte mit, dass geschulte Prüfer in dieser Woche rund 1.700 Weine und rund 300 Sekte verkosten und bewerten. Was zunächst feuchtfröhlich klingt, ist tatsächlich eine ziemlich ernsthafte Angelegenheit. Nach einem festen Fünf-Punkte-Schema werden den Weinen und Schaumweinen Medaillen in Bronze, Silber oder Gold verliehen.

Nur geschulte Verkoster dürfen bewerten

Professor Rainer Jung, Önologe an der renommierten Weinbau-Universität in Geisenheim, wacht über den korrekten Ablauf. "Objektivität ist unsere oberste Prämisse", sagt der Sensorik-Fachmann. Deshalb dürfen auch nur geschulte Verkoster mit DLG-Prüferpass teilnehmen. Sie bewerten die Weine und Sekte nach Farbe/Aussehen, Geruch, Geschmack und danach, ob die typischen Eigenschaften der Rebsorte vorhanden sind. Die Herkunft und die Produzenten sind den Prüfern unbekannt, wohl aber Rebsorte und Jahrgang: In einem Vorbereitungsraum werden die Gläser aus mit Socken verhüllten Flaschen gefüllt. Diskretion wird groß geschrieben, weshalb die Bundersweinprämierung auch als unabhängig in der Branche anerkannt ist.

Bundesweinprämierung
In Socken werden die Flaschen vor neugierigen Blicken geschützt. Die Tester sollen die Produzenten nicht erkennen. Bildrechte: MDR/L. Müller

Diskussion: Weinfehler oder keiner?

Bei Zweifelsfällen in den Beurteilungen werden die Weine auch zweimal verkostet - stets von Vierer-Teams. Rund zehn bis 15 Prozent der eingereichten Weine fallen durch. Sie haben Fehler und erhalten keine Prämierung. Bei der Bewertung müssen sich die Prüfer auch auf neue Rebsorten - sogenannte pilzwiderstandsfähige Neuzüchtungen - oder auf Einflüsse des Klimawandels auf traditionelle Rebsorten einstellen. Jung schenkt einen 2017er-Riesling aus dem Rheingau ein, der eine spürbare Phenolnote hat. Diese entwickelt sich erst in der Flasche und ist auf Hitze und Trockenheit im Weinberg zurückzuführen, denen die Trauben an den Rebstöcken ausgesetzt sind. In südlichen Ländern sind solche Geschmacksnuancen üblich, so der Sensorik-Fachmann. In Deutschland seien diese bisher selten und nicht als klassischer Weinfehler zu bewerten, jedoch diskussionswürdig, da die bekannte Fruchtigkeit eines heimischen Rieslings überdeckt wird. Dennoch geht Jung nicht davon aus, dass traditionelle Rebsorten in Deutschland mittelfristig verschwinden werden. Es könnten allerdings bisher in wärmeren Regionen kultivierte Sorten dazu kommen.

4.000 Weine pro Jahr in der Verkostung

Gefüllte Weingläser auf Tabletts
Keiner der Prüfer weiß, woher die Weine stammen. Bildrechte: MDR/L. Müller

Nach Angaben von DLG-Projektleiterin Anika Schramm werden bei vier Durchgängen der Bundesweinprämierung in jedem Jahr rund 4.000 Weine und Sekte verkostet. Winzer zahlen 125 bis 135 Euro pro eingereichtem Wein, der zuvor schon eine Landesweinprämierung in den Anbaugebieten bestanden haben muss. Zudem müssen die Weingüter mindestens 400 Liter des Weins zum Zeitpunkt der Anmeldung vorrätig haben. Aus Sachsen haben sich in diesem Jahr sechs Weingüter bei der Bundesprämierung beteiligt. Die Ergebnisse werden erst in dieser Woche bekannt, sodass noch keine Namen genannt werden. Rund 70 Betriebe sind haupt- beziehungsweise nebengewerblich im Weinbau in Sachsen aktiv.

Pro und kontra Teilnahme

Ein junger Tester macht Notizen.
Mit Dichtemesserung wird geprüft, ob es sich tatsächlich um den von den Weingütern angegebenen Wein handelt. Bildrechte: MDR/L. Müller

Die Medaillen dienen den Weingütern als Marketinginstrument. Die Teilnahme an der Bundesweinprämierung sei etwa fürs Staatsweingut Schloss Wackerbarth sehr wichtig, sagte Sprecher Martin Junge. Geschulte Weinexperten aus den verschiedenen Weinregionen Deutschlands würden unabhängig und neutral bewerten. "Bei unserer Betriebsgröße – Schloss Wackerbarth bewirtschaftet 92 Hektar Rebfläche und zählt damit zu den 15 größten Weingütern Deutschlands – hilft uns diese Sicht von außen auf die Entwicklung unserer Qualitäten bei der Einordnung in das sächsische und nationale Angebot am Markt." Außerdem ließen sich so Unterschiede zwischen dem Selbst- und Fremdbild schneller erkennen, so Junge.

Das Familienweingut Matyas aus Coswig verzichtet hingegen bisher auf eine Teilnahme. Kellermeister Hendrik Weber will diese aber für die Zukunft nicht ausschließen. Zur Vermarktung bestimmter Weine sei die Prämierung durchaus geeignet, so der gelernte Winzer und studierte Önologe. Gefragte Rebsorten, die sich wie etwa die Scheurebe quasi von alleine verkaufen, benötigten hingegen keine Medaillen auf der Flasche, so Weber. Stammkunden kauften nicht nach Medaillen. Neue Zielgruppen aber könnten auf kleine und weniger bekannte Betriebe und deren Weine aufmerksam werden, meint der Absolvent der Weinbau-Hochschule Geisenheim.

Quelle: MDR/lam

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 14.08.2019 | 17:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus Dresden

Zuletzt aktualisiert: 14. August 2019, 13:40 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

Mehr aus Dresden und Radebeul

Mehr aus Sachsen