06.04.2020 | 05:00 Uhr Dresden: Erste Hilfe aus dem 3D-Drucker

Gemeinsam gegen Corona-Infektionen: Der Forschungsverbund Dresden-concept und der Biotechnologie-Verband Biosaxony e.V. bündeln ihr Know-How und ihre Kontakte, um Gesichtsschilde für medizinisches Personal herzustellen. An mehr als 50 3D-Druckern dieses Netzwerks sind bereits mehrere hundert Schilde entstanden. Sie sollen jetzt an Kliniken in ganz Sachsen verteilt werden.

Vertreter von Biosaxony und Dresden Concept stellen medizinische Gesichtsschilde aus dem 3D-Drucker vor.
Bildrechte: Axel Spickenheuer/Leibniz IPF

Andreas Hofmann ist hörbar beeindruckt. "Da ist ein sehr hohes Tempo drin", sagt der Vorstandchef des sächsischen Biotechnologie-Verbandes Biosaxony eV. Erst Ende März hatte die Europäische Kommission dazu aufgerufen, dass Forschungscluster und Firmen ihre 3D-Druckkapazitäten nutzen, um zur Bekämpfung der Corona-Pandemie beizutragen - indem sie sich "an der Herstellung von benötigten Materialien beteiligen".

Der Ruf wurde europaweit gehört - auch im Freistaat. Seit Ende vergangener Woche werden in Sachsen Gesichtsschilde für medizinisches Personal hergestellt, an mehr als 50 3D-Druckern. Sie sollen, zusätzlich zu Masken, das Personal vor Tröpfcheninfektionen und Ansteckung mit dem Coronavirus schützen.

Gemeinsam etwas gegen Corona tun

Der Forschungsverbund Dresden-concept hatte zuerst seine Bereitschaft zur Hilfe geäußert. Im Verbund sind 32 Partner aus Wissenschaft und Kultur, darunter mehrere Dresdner Fraunhofer-Institute und etliche Institute der TU Dresden, zusammengeschlossen.

Über das gemeinsame Medizintechnik-Know-How war auch sein Verband schnell im Boot, erzählt Andreas Hofmann. Gemeinsam etwas zu tun war also buchstäblich naheliegend. Nur was?

Kunststoffteile mit Open-Source-Vorlage

Im von der Pandemie bereits stark heimgesuchten Italien hatten Tüftler auch Ventile für Beatmungsmaschinen gedruckt. In Sachsen, sagt Sonja Piotrowski von Dresden-concept, war man sich schnell einig, noch einige Schritte vorher anzufangen. Zunächst dort auszuhelfen, wo konkreter Bedarf besteht - aktuell bei Gesichtsschildern.

Dafür gab es, wie in der 3D-Druckszene durchaus üblich, bereits so genannte Open-Source-Vorlagen. Das heißt: Die Programme, die die Drucker zum Drucken der Einzelteile nutzen, sind frei verfügbar – und können für den individuellen Bedarf angepasst werden.

Weiterentwicklung für angenehmen Tragekomfort

Teile eines medizinischen Gesichtsschildes aus dem 3D-Drucker
Maskenhalter aus dem 3D-Drucker. Bildrechte: TU Dresden

Also entwickelten Wissenschaftler des Uniklinikums Dresden, des Leibniz-Instituts für Polymerforschung Dresden e. V., des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf, des Fraunhofer-Instituts für Werkstoff- und Strahltechnik und der TU Dresden gemeinsam mit Mitarbeitern der Dresdner Kliniken Passformen, die auch bei einer dauerhaften Benutzung noch einen angenehmen Tragekomfort bieten. Auch diese modifizierten 3D-Druckdaten sind über die Internet-Seiten des biosaxony e. V. und von Dresden-concept kostenlos für jedermann abrufbar.

Prinzip wie selbstgebastelter Mundschutz

Gedruckt werden Maskenhalter, in die dann transparente Schutzfolien eingespannt werden. "Das Prinzip kann man mit selbstgebastelten Mundschutz-Masken vergleichen", sagt Andreas Hofmann.

Es gibt kein Patent, keine Lizenzierung, keine Zertifizierung - es geht schlicht um ein Stück Selbsthilfe.

Neben den Forschungseinrichtungen beteiligen sich auch etliche Firmen, eine "deutlich zweistellige Zahl", sagt Andreas Hofmann. Und einige von ihnen arbeiten nach seinen Angaben auch daran, die benötigten Teile statt im 3D-Druck im Spritzgussverfahren herzustellen. Der Vorteil: "Schnelle Produktion und höhere Stückzahlen."

Medizinischer Gesichtsschutz aus dem 3D-Drucker
Die Masken sollen Krankenhauspersonal vor einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus schützen. Bildrechte: Axel Spickenheuer/Leibniz IPF

Verteilung über große Kliniken

Bereits jetzt seien mehrere hundert Schilde entstanden, sagt Sonja Piotrowski von Dresden-concept. Die ersten von ihnen wurden am vergangenen Donnerstag ans Dresdner Uniklinikum übergeben. Die Logistik dahinter ist anspruchsvoll: Die im 3D-Druck dezentral produzierten Bauteile können an vier Sammelstellen in Dresden abgegeben werden und werden dort regelmäßig vom Fahrdienst der TU Dresden abgeholt und an die Zentrale Krankenhausleitstelle am Uniklinikum gebracht.

Dort führen Doktoranden und Mitarbeiter der Uniklinik, der TU Dresden und des Biosaxony e.V. einen Qualitätscheck durch, desinfizieren die Masken und bereiten sie für die Verteilung vor. Die wird für Dresden und Ostsachsen in der Landeshauptstadt koordiniert.

Leipzig und Chemnitz in der Vorbereitung

Für den Raum Leipzig wird durch Biosaxony ein ähnliches System vorbereitet, sagt Andreas Hofmann, auch hier sei das Uni-Klinikum eine "Drehscheibe", in Chemnitz soll ebenfalls ein Klinikum bei der Bedarfsermittlung und Verteilung mitwirken. An den Details werde, in enger Abstimmung mit dem zuständigen Sozialministerium, gerade gefeilt, sagt Andreas Hofmann. "Da ist ein hohes Tempo drin".

Was bedeutet DRESDEN-concept? Dresden Research and Education Synergies for the Development of Excellence and Novelty

Quelle: MDR/rad

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 04.04.2020 | 19:00 Uhr

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