17.09.2019 | 10:05 Uhr Depression: Wenn das Umfeld mit Stigma, Härte oder Ohnmacht reagiert

Alle 40 Sekunden versucht ein Mensch, sich das Leben zu nehmen. Die Dresdnerin Steffi Pfeiffer gehört dazu. Noch heute kämpft sie gegen ihre dunklen Gedanken. MDR SACHSEN sprach mit der 39-Jährigen über Hoffnung und warum sie nicht länger über ihr Leiden schweigen will.

von Katrin Tominski

Steffi Pfeiffer
Bildrechte: Steffi Pfeiffer

Frau Pfeiffer, Sie haben schon einmal versucht, sich das Leben zu nehmen. Was ist da passiert?

Das war im Jahr 2004. Ich hatte meine erste Psychotherapie wegen Panikstörungen und Ängsten gemacht. Trotzdem war der Gedanke immer da – und wurde sogar stärker. Ich hatte Angst mit jemand darüber zu reden. Und dann war dieser Abend. Ich war allein und habe mich auch allein gefühlt. Da dachte ich: Ich mache das jetzt.

Sie haben überlebt. Was hat sie gerettet?

Ja, ich habe überlebt. Ich bin eingeschlafen und einfach wieder aufgewacht. Es ging mir zwar scheußlich, doch ich lebte. Ich wäre auch niemals auf die Idee gekommen, Hilfe zu holen. Ich fühle mich heute noch nicht einmal so, dass ich sagen würde, zum Glück hat es nicht geklappt.

Sie hadern weiter mit den Gedanken?

Ja, es kommt mir plötzlich in den Kopf und lässt mich nicht mehr los. Der Gedanke daran, mein Leben zu beenden, ist schrecklich. In dunklen Minuten bedrängt er mich regelrecht, doch manchmal ist er auch ein Rettungsanker, um mich meiner Hoffnungslosigkeit zu entziehen.

Herbst-Winter-Blues
Viele Menschen mit Depressionen leiden an einer tief empfundenen Hoffnungslosigkeit. (Symbolbild) Bildrechte: imago images / Action Pictures

Welche Diagnose haben Sie bekommen?

In den letzten 16 Jahren habe ich bestimmt zehn verschiedene Diagnosen bekommen. Im Moment nennt sich das widerkehrende Depression und Dysthymie. Die Dysthymie ist eine chronische leichte Depression, die ich schon seit meiner Jugend kenne. Das ist schon sehr belastend, wenn immer so ein Grundzweifeln, eine Grundtraurigkeit mitläuft.

Sie sagen, Sie kennen diese Traurigkeit seit Ihrer Jugend. Wann haben Sie bemerkt, dass bei Ihnen etwas anders ist?

Als ich Abitur gemacht habe, ist mir das erste Mal richtig aufgefallen, dass ich ständig gedrückter Stimmung bin und viel Schlaf brauche. Das ging so weit, dass ich Panikattacken entwickelte und körperliche Beschwerden – ich war Dauergast bei meiner Hausärztin. Da spielte das Wort Depressionen aber noch keine Rolle.

Dann dauerte  es noch einige Jahre bis zum Suizidversuch. Haben Sie jemanden davon erzählt?

Ja, damals war ich 25 Jahre. Lange Zeit habe ich es für mich behalten, bis dato wussten es nur zwei Freundinnen, was mit mir los war. Meine Eltern wissen es bis heute nicht –es kann sein, dass sie über dieses Interview davon erfahren. Vieles habe ich erst im letzten Jahr erzählt, als es mir immer schlechter ging.

Bitte Sächsisches Landesamt für Statistik als Quelle angeben! herzlichen Dank, Katrin, 3062  Suizide in absoluten Zahlen in Sachsen im Jahr 2015 nach Kreisen und kreisfreien Städten
Suizide in Sachsen im Jahr 2015 Bildrechte: Sächsisches Landesamt für Statistik

Was ist im letzten Jahr passiert?

Nichts, die depressive Episode hat sich einfach wieder verschlimmert. Das ist das Gefühl, ich kann einfach nicht mehr, wozu eigentlich? Ich will auch nicht mehr das Gefühl des ewigen Zweifelns und der Traurigkeit aushalten. Hinzu kam Unzufriedenheit mit dem Privatleben. Man hat das Gefühl, man strampelt sich ab und bekommt trotzdem nichts auf die Reihe.

Wann haben Sie sich entschlossen, darüber zu reden?

Alle sagen, das wird jetzt besser mit der Stigmatisierung von Depressionen. Doch ich erlebe das nicht so. Man stößt noch oft auf Unverständnis. Viele nehmen es nicht ernst, sind ohnmächtig, wollen trösten mit den Worten ‚einen schlechten Tag hat jeder‘ oder erklären ‚reiß Dich zusammen‘. Das nervt mich kolossal. Ich reiße mich seit langer Zeit zusammen. Darum geht es nicht. Ich möchte sensibilisieren, was es heißt, depressiv zu sein. Es tut so gut, wenn jemand nachfragt, sich interessiert, in den Arm nimmt - oder auch einfach nur da ist. Die Leute immer vergessen: Es ist eine potenziell tödliche Erkrankung.

Was möchten Sie mit auf den Weg geben?

Jedes Jahr sind allein in Dresden 40.000 Menschen von Depressionen betroffen. Jeder davon hat Familie, Freunde, Bekannte und Arbeitskollegen. Wenn man dies bedenkt, ist fast jeder direkt oder indirekt betroffen. Das muss man sich klarmachen. Depressionen sind eine Krankheit und leider keine Ausnahme.

Quelle: MDR

Hilfe • Info-Telefon Depression: 0800/33 44 533 (werktags je 4 Stunden erreichbar)
rund um die Uhr bei der
• Telefonseelsorge (kostenlos) 0800/ 111 0 111 oder 0800/ 111 0 222
• ein Selbsttest, Wissen und Adressen rund um das Thema Depression auf www.deutsche-depressionshilfe.de
• Sozialpsychiatrische Dienste bei den Gesundheitsämtern
• im akuten Notfall im Krankenhaus vorstellen oder den Notarzt rufen
• Der Verein AGUS unterstützt Angehörige nach Suizid durch Beratung, Betreuung und Vermittlung von Kontakten Betroffener www.agus.de

Depressionen: Tipps für Angehörige

Tabuthema Suizid und Depressionen
Bildrechte: Deutsche Depressionshilfe
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Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 10.09.2019 | 20:00 bis 23:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. September 2019, 10:05 Uhr

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