Nach Entwarnung und abgesagter Evakuierung Erleichterung trotz Aufwand und Verlusten in Dresden

Alles auf Anfang: Nach abgesagter Evakuierung kehrt der Alltag im Stadtteil Dresden-Pieschen langsam wieder ein. Einige Kleinunternehmer müssen mit finanziellen Folgen rechnen.

von Katrin Tominski

Alex Falk (li.) und der Geschäftsführer Haik Schönig (re.) der Schiffsherberge Pöppelmann in Dresden am 23.10.2018, sie hatten wegen der aufgehobenen Evakuierung weniger Gäste, rechnen mit 2.000 Euro Umsatzeinbuße.
Trotz Umsatzeinbußen sind Alex Falk (li.) und der Geschäftsführer der Schiffsherberge Pöppelmannn, Raik Schönig (re.) erleichtert, dass nicht evakuiert werden musste. Bildrechte: Katrin Tominski

Eigentlich hätte Dresden-Pieschen Dienstag ab 8 Uhr wegen einer mutmaßlichen Fliegerbombe menschenleer sein sollen. Doch dann kam alles ganz anders. In letzter Minute gab die Polizei Entwarnung und hob die Evakuierungspläne wieder auf. Trotzdem blieb die Vorbereitung auf den Fall X für ansässige Kleinunternehmer nicht ohne Folgen.

Schiffsherberge hat Umsatzeinbußen

Alex Falk hatte extra noch alle Gäste abgeklappert und enttäuschte Blicke kassiert. "Nein, leider gibt es kein Frühstück am Dienstagmorgen", hatte er noch erklärt. Zeit zum Ausschlafen gebe es keine, auch keine Ausnahmen. Um 7:30 Uhr spätestens sollten alle Gäste das Schiff verlassen. Schließlich sollte das Viertel laut Anordnung der Stadt evakuiert werden. Dann kam alles ganz anders. Die mutmaßliche Bombe entpuppte sich als Wasserrohr mit Muffe. Alle Anwohner durften bleiben. Falks letzte verbliebene Gäste checkten trotzdem Dienstagvormittag aus - schließlich hatten sie ihren Aufenthalt und Urlaub so geplant.

Raik Schönig (li.), Geschäftsführer der Schiffsherberge und sein Mitarbeiter Alex Falk (re.) am 23.10.2018 auf dem Hotelschiff im Neustädter Hafen.
Einen Tag nach der aufgehobenen Evakuierung gab es auf der Schiffsherberge weniger zu tun als sonst für Alex Falk (re.) und Geschäftsführer Raik Schönig. Bildrechte: Katrin Tominski

Dienstagmittag steht Falk an der Rezeption der Schiffsherberge Pöppelmann. Auf dem Schiff ist es still. Vor ihm leuchten die bunten Reservierungs-Balken auf seinem Bildschirm. "Normalerweise sind unsere 154 Betten fast ausgebucht", erklärt Alex Falk. Nach dem Bekanntwerden der Evakuierungspläne habe man jedoch vielen Gästen absagen müssen und den Termin geblockt. Das hat Folgen. "Wir rechnen mit Umsatzeinbußen von etwa 2.000 Euro", erklärte Raik Schönig, Geschäftsführer der Schiffsherberge. "Unsere Versicherung zahlt den Verdienstausfall nur, wenn die Bombe explodiert wäre."

Allerdings stellt der Hotelier klar: "Wir sind froh, wie es gekommen ist, dass niemand Schaden davongetragen hat." Schönig lacht. "Und ein bisschen lustig ist es auch". Wer habe gedacht, dass die gefährliche Bombe auf einmal nur ein Wasserrohr sein könnte. Warum das erst so kurzfristig analysiert werden konnte, "bleibt das große Fragezeichen".

Ambulanter Pflegedienst im Stress

Es war alles organisiert: Die Senioren hatten schon im NH-Hotel eingecheckt, ihre Sachen auf die Zimmer gebracht und sich auf eine Nacht außerhalb der eigenen vier Wände eingestellt. Dann platzte die Nachricht herein: Die mutmaßliche Bombe ist ein Wasserrohr. Mirko Junge, Geschäftsführer des ambulanten Pflegedienstes muss ein wenig lachen, als er das erzählt. "Schnell war klar, alle wollen wieder nach Hause." Also hieß es Kommando zurück. Die sieben Senioren, die Montagabend ihre Wohnung verlassen hatten, klemmten sich ihre Sachen unter die Arme und fuhren wieder heim. "Alle sind wohlbehütet angekommen", fügt Junge hinzu. "Dort werden sie wie immer von uns versorgt."

Geschäftsführer Mirco Junge (li.) mit seinen Mitarbeiterinnen seines Pflegedienstes (v.li.n.re.): Sabine Stelzig, Anja Schauer und Jana Auge am 23.10.2018 in Dresden Pieschen.
Sie hatten sich schon auf einen exakten Notplan eingestellt: Geschäftsführer Mirko Junge (li.) mit seinen Pflegedienst-Mitarbeiterinnen (v.li.n.re.): Sabine Stelzig, Anja Schauer und Jana Auge. Bildrechte: Katrin Tominski

Was sich als leichte Episode liest, war kleinteilige Organisation. Gleich nach der Veröffentlichung der Evakuierungspläne arbeitete Junge die Datenbank durch, 15 seiner Patienten waren betroffen. Er hat sie angerufen, aufgeklärt, Angehörige informiert und Lösungen erwogen. Er hat Dienstpläne geordnet und Routen neu erstellt. Die Entwarnung erreichte ihn am Telefon. "Ich war selbst gerade beim Patienten. Plötzlich riefen mich meine Mitarbeiter an und fragten, wann sie morgen zum Dienst kommen sollten. Die Evakuierung sei aufgehoben", sagt Junge.

Wieder viele Telefonate mit Patienten, Angehörigen, Mitarbeitern. Wieder neue Dienstpläne und Routen. "Das war ein aufregender Tag“, bilanziert er. "Ich bin froh, dass ich so viele Mitarbeiter habe, die alle mitgezogen haben." Viele seien von der geplanten Evakuierung betroffen gewesen, hätten nicht nur die Arbeit, sondern auch die Unterkunft für sich und ihre Familie organisieren müssen. Auch Mirko Junge sollte seine Wohnung verlassen und sich eine Bleibe suchen. Doch darum hatte sich der Pflegedienstleiter im ganzen Trubel noch gar nicht gekümmert. Zum Glück durfte er dann zu Hause bleiben.

Kulante Friseur-Chefin gibt zwei Tage frei

Friseurladen-Inhaberin Sehrish Khan vom gleichnamigen Salon in Dresden-Peischen hatte am 23.10.2018 mehr Zeit für eine Kaffeepause als sonst. Einen Tag nach der aufgehobenen Evakuierung in dresden hatten ihre Mitarbeiter frei und sie selbst einen Bürotag.
Ausnahmsweise mal mehr Zeit für eine Kaffeepause hatte Sehrish Khan. Die Inhaberin schloss ihren Salon am Dienstag und gab ihren Mitarbeitern zwei Tage frei. Bildrechte: Katrin Tominski

Die Friseurin sitzt am Dienstag in einem Dresdner Café am Altmarkt. "Ich wurde von Kunden und meinen Mitarbeitern über die geplante Evakuierung informiert", erzählt die gebürtige Pakistanerin. Vor knapp einem Jahr hat sie ihren Salon und Barbershop in Dresden-Pieschen eröffnet. Zu ihrem Stammklientel gehören junge Frauen und Männer ebenso wie Ältere, Geschäftsleute, Hochzeitsgäste und Vollbart-Träger. Sehrish Khan zögerte nicht lange, rief die Stadtverwaltung an und ließ sich die Evakuierung bestätigen. Dann fiel ihre Entscheidung: "Wir schließen den Salon für einen Tag", erklärt Khan. Weil unklar gewesen sei, wie lange die Entschärfung dauern sollte, habe sie ihren Angestellten den Mittwoch gleich mit frei gegeben. "Ich habe mich als Chefin als Springerin und in Bereitschaft für den Mittwoch gestellt." Den Dienstag disponierte sie zum Bürotag um.

Daran änderte auch die aufgehobene Evakuierung nichts. "Meine Mitarbeiten hatten sich auf den freien Tag eingestellt", erzählt Khan. "Ich kann ja nicht von ihnen erwarten, dass sie alle ihre Pläne urplötzlich wieder umwerfen – wenn es nicht unbedingt sein muss." Natürlich habe sie auch Umsatzeinbußen. "Das ist nicht schön. Doch Sicherheit geht vor." Dann wird die junge Frau plötzlich nachdenklich. "Es ist es traurig, dass noch Bomben in der Erde liegen. Eigentlich sollte es bei den Menschen 'Klick machen', wie wichtig Frieden ist."

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 23.10.2018 | 14:30 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 23. Oktober 2018, 20:15 Uhr

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