19.03.2020 | 16:15 Uhr Kunst- und Kulturschaffende in Zeiten von Corona – Ein Erfahrungsbericht aus Dresden

Spätestens seit Donnerstag sind die meisten Läden in Sachsen geschlossen, darunter auch viele Kunst- und Kultureinrichtungen wie zum Beispiel Kinos, Konzerthäuser und Opern. Auch Clubs, die sich kollektiv organisieren oder freischaffende Künstler trifft diese Schließung hart. MDR SACHSEN hat mit Felix Buchta, einem Kunstschaffenden aus Dresden, über Kurzarbeit, Verdienstausfälle und kreative Ideen in Zeiten von Quarantänemaßnahmen und Allgemeinverfügungen gesprochen.

Felix Buchta
Felix Buchta ist Kunstschaffender aus Dresden. Bildrechte: Felix Buchta

Wie verläuft die Kommunikation mit den Ämtern? Werden Kunst- und Kulturschaffende von offizieller Seite über Schließungen informiert oder müsst ihr euch selbst informieren?

Es lief zunächst sehr unübersichtlich, nachdem am vergangenen Donnerstag die Verfügung kam, alle Veranstaltungen mit mehr als 100 Teilnehmenden anzuzeigen. Das städtische Mailsystem war kollabiert und so haben viele Betreibende keine rechtzeitige Untersagungserklärung erhalten.

Dennoch und obwohl sie keine Sicherheiten hatten, was für Auswirkungen das auf etwaige Ersatzansprüche haben würde, haben die meisten Verantwortung gezeigt und ihre Veranstaltungen abgesagt.

Wie ist die aktuelle Lage? Wie lange müsst ihr geschlossen bleiben?

Inzwischen ist die Sachlage ja zumindest bis zum 20. April klar. Alle Kulturbetriebe bleiben zunächst geschlossen. Den meisten dämmert allerdings, dass es damit womöglich nicht getan sein wird. Und selbst wenn ein Regelbetrieb wieder gestattet sein sollte, dann bliebe womöglich erneut selbst abzuwägen, ob ein solcher völlig risikofrei möglich ist.

Im Übrigen stellen sich viele Gäste sicherlich dieselbe Frage. Darum dürfte wohl noch eine Weile mit einem deutlich defensiveren Ausgehverhalten zu rechnen sein.

Gilt die Kurzarbeiterregelung auch für Angestellte im Kunst- und Kulturbetrieb?

Die große Mehrheit der Beschäftigtenverhältnisse in der Clubkultur ist ebenso prekär wie die Kultur selbst. Doch die Kurzarbeiterregelung scheint nur für die wenigen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zu gelten und damit weder für die vielen geringfügig Beschäftigten, noch für das schwächste Glied in der Verwertungskette, die Freelancer.

Zusammen mit den Minijobbern machen die Selbstständigen bzw. Freiberufler über 90 Prozent aller Beschäftigten unter unseren 13 Mitgliedern aus. Ob an Clubtüren und Bars oder als Techniker hinter unseren Bühnen - für viele dieser Menschen bricht ein gewichtiger Teil ihres oftmals sowieso mageren Einkommens weg. Dasselbe gilt natürlich für die vielen Musikerinnen und Musiker. Man muss auch verstehen, dass die in der Clubkultur aktiven Menschen oftmals sogar vielfach betroffen sind.

Ein Beispiel: Um meinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, benötige ich neben meinem Club-Gehalt auch Buchungen als DJ sowie als Bühnen- und Messebauhelfer. Ich kann froh sein, neuerdings auch als Mitarbeiter im Kulturzentrum Scheune beschäftigt zu sein, wo dank der institutionellen Förderung durch die Stadt trotz Stilllegung des Betriebs noch eine gewisse Sicherheit bleibt. 

Bekommen Kunst- und Kulturschaffende auch Entschädigungen für Verdienstausfälle von Bund- und Ländern?

Da ich mich mit den Auswirkungen für Betreiber und deren Angestellte, weniger aber mit denen für Künstler im Speziellen beschäftige, würde ich bei der Frage passen und auf den entsprechenden Bericht auf eurer Website verweisen.

Viel mehr ist da bis heute nicht rumgekommen soweit ich weiß. "Wir gestalten Dresden" hat gestern ein Crowdfunding gestartet und es tagt heute der Wirtschaftsförderungsausschuss. Vielleicht gibt es da kreative Ideen für die kreativen Soloselbstständigen.

Habt ihr Ideen, wie der Kunst- und Kulturbetrieb auch in Zeiten von Quarantänemaßnahmen und Allgemeinverfügungen aufrechterhalten bleiben kann? Vielleicht irgendwelche Online-Angebote?

Es ist klar, dass die Clubkultur vom physischen Miteinander an Ort und Stelle lebt. Zur Überbrückung des Shutdowns könnten virtuelle Angebote sicherlich kurzfristig Abhilfe schaffen, wenn es um den Musikgenuss allein ginge. Das Gemeinschaftserlebnis eines Konzertbesuchs oder einer Party halte ich jedoch für unmöglich zu simulieren. Gleiches gilt sicherlich für den Fußball. Aber kreative Ideen für eine digitale Clubkultur-Vermittlung sind trotzdem gefragt, allein schon um auf ihre brenzlige Situation aufmerksam zu machen.

Gibt es Clubs, die jetzt schon absehen können, dass sie pleite gehen werden?

Wir sammeln gerade die Zahlen unserer Mitglieder. Erste Liquiditätsanalysen lassen aber bereits darauf schließen, dass kaum ein Club ohne die Erlöse aus Veranstaltungen lange solvent sein wird. Viele wirtschaften notwendigerweise im Grenzkostenbereich. Im Falle einer temporären Schließung reichen die Rücklagen mancher Dresdner Kulturbetriebe auch so kaum, um die zu diesem Zeitpunkt offenen Rechnungen und die laufenden Kosten für mehr als einen Monat zu decken.

Alle versuchen gerade, Kosten zu reduzieren, wo es geht. Es wird sich zeigen, wie lange man auf handfeste Hilfen von Kommunen, Ländern und Bund warten muss. Solange bleibt der Szene nur, sich selbst zu organisieren und solidarische Modelle zu finden, um Entlassungen und letztendlich Insolvenzen zu verhindern.

Herrscht Solidarität innerhalb der Szene? Hilft man sich gerade irgendwie gegenseitig?

Die Solidarität ist hier und anderswo riesig. Zunächst einmal verständigen sich untereinander die vielen Interessenvertretungen und Netzwerke, zu denen sich Clubbetreibende in den letzten Jahren auf regionaler, überregionaler und nationaler Ebene zusammengeschlossen haben. Und innerhalb der Netzwerke entstanden schnell Ideen zur ersten Hilfe für die von Insolvenz bedrohten Clubs.

Das Klubnetz schaltete bereits am Sonntag einen Soli-Livestream online, nachdem zahlreiche lokale DJs angeboten haben, dort für den guten Zweck zu spielen. Darüber kamen schnell die ersten Spenden von Clubmusik-Enthusiasten zusammen. In Kürze gibt es auch die Möglichkeit den Spendentopf der Dresdner Szene via Crowdfunding-Kampagne zu füllen. 

Zur Person Felix Buchta ist Mitbetreiber des kollektiv geführten Clubkultur-Projekts "objekt klein a" und Vorstand des daraus erwachsenen Fördervereins.

Buchta ist seit Jahren in der Club-Kultur-Vermittlung aktiv, sei es im Rahmen des Audience-Developements für das "objekt klein a", sei es als Initiator des Tolerave e.V. oder als Pressesprecher des jüngst gegründeten Klubnetz Dresden e.V..

Das Klubnetz versteht sich als Interessenvertretung für die Dresdner Club- und Tanzlokalszene und vereint bereits viele bekannte Namen unter einem Hut - darunter das Alte Wettbüro, Beatpol, Blue Note, Chemiefabrik, Club Paula, Groovestation, Jazzclub Tonne, Koralle, objekt klein a, Ostpol, Scheune, Sektor Evolution und die Showboxx. Ihr Ziel: Förderung und Ausbau von Club- und Livemusikspielstätten.

Quelle: MDR/kh/nj

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