22.09.2019 | 19:19 Uhr DVB-Aktion: Dresdner verzichten gern auf den Führerschein

Fahrkarte statt Führerschein. Zur Europäischen Mobilitätswoche haben das 83 Menschen in Dresden ausprobiert. Auch Fahrradfahrer nutzten gern das Angebot. Die Teilnehmer ziehen ein positives Fazit. Trotzdem wünschen sie sich weitere Verbesserungen für den Nahverkehr.

von Stephan Hönigschmid

Ein Paar am Infostand.
Kerstin Kaiser (40) und Jan Kaiser (35). Die Eheleute sind Fans des Dresdner Nahverkehrs und können sich vorstellen, auf das Auto ganz zu verzichten. Bildrechte: MDR/Stephan Hönigschmid

Das Auto stehen lassen und mit Bus und Bahn fahren. Dafür wollten die Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB) zur Europäischen Mobilitätswoche werben. Im Tausch gegen den Führerschein stattete das Unternehmen eine Woche lang Menschen in Dresden mit einer Fahrkarte aus. Ganz so groß wie gedacht, war die Nachfrage aber nicht. Von 100 Wochenkarten fanden 83 einen Abnehmer. Diejenigen, die dieses Angebot nutzten, zogen jedoch am Sonntag ein positives Fazit. Neben Autofahrern interessierten sich auch passionierte Radfahrer dafür. 

Dresdner Familie überlegt, das Auto abzuschaffen

"Die Woche ist für mich sehr gut gelaufen. Ich fahre sonst viel Fahrrad, aber dadurch, dass es recht windig war, habe ich das Ticket gern genutzt", sagt Kerstin Kaiser. Sie habe keinerlei negative Erfahrungen gemacht, sagt sie. Obwohl die 40-Jährige selbst oft Rad fährt, gibt es im Haushalt nach wie vor ein Auto. Angesichts der Erfahrungen in der vergangenen Woche kann sie sich aber gemeinsam mit ihrem Mann Jan vorstellen, darauf zu verzichten. "Die Überlegung, das Auto abzuschaffen, spielt bei uns derzeit eine große Rolle in der Familie. Trotzdem gibt es immer noch ein, zwei, drei, vier, fünf "Aber", weshalb es weiterhin vor der Tür steht." Außerdem sieht sie auch bei den Verkehrsbetrieben noch Verbesserungspotenzial, vor allem beim Preis. "Selbst mit Abo muss man 50 Euro im Monat aufbringen. Wenn sich da noch was tun könnte, wäre das schön." Anderenfalls lasse sie zwar das Auto stehen, fahre im Zweifelsfall dann aber lieber mit dem Fahrrad", so die Dresdnerin.

Blick über das Dresdner Terrassenufer während der Veranstaltung «Autofreier Tag» am 22. September.
Blick über das Dresdner Terrassenufer während der Veranstaltung "Autofreier Tag" am Sonntag, bei der die Menschen am DVB-Stand ihren Führerschein zurückbekommen haben. Bildrechte: MDR/Stephan Hönigschmid

Neu-Dresdner nutzt die Aktion, um die Stadt kennenzulernen

Einen noch recht neuen Eindruck vom Dresdner Verkehrssystem hat der 27-jährige Paul bekommen. Gerade erst ist er von Leipzig nach Dresden gezogen. "Die Führerscheinaktion war für mich eine super Möglichkeit, Dresden kennenzulernen und den Nahverkehr zu testen." Sein Resümee: "Man kommt überall gut hin, und die Busse und Bahnen sind pünktlich. Nur zu den Stoßzeiten ist es manchmal ein bisschen voll. Ansonsten muss ich aber sagen: Acht von zehn Punkten für die DVB." Auch preislich sei es im Vergleich zum Auto günstig. "Aber um noch mehr Fahrgäste zu gewinnen, würde ich es noch preiswerter machen, sofern das die Kapazitäten der DVB hergeben", sagt Paul.

 

Junger Mann am Infostand.
Paul (27) Bildrechte: MDR/Stephan Hönigschmid

Jobticket als Anreiz für den Nahverkehr

Vor einem generellen Wechsel vom Auto zum Nahverkehr steht der 50-Jährige Thomas Glocke. Und das hat auch seinen Grund. "Ich habe demnächst ein Jobticket und will daher umsteigen. Ab Oktober möchte ich überwiegend mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Die Führerscheinaktion habe ich genutzt, um einfach mal zu probieren, wie die Verbindungen zu meiner neuen Arbeitsstelle funktionieren." Er sei überrascht, dass alles so gut geklappt habe. Die Verbindungen hätten gepasst, die Wartezeiten seien im Rahmen gewesen und Verspätungen habe er in der Woche überhaupt nicht feststellen können. "Wenn ich jetzt die Kosten meines Autos nehme und gegenrechne, dass ich ein Jobticket habe, brauche ich eigentlich rein rechnerisch kein Auto mehr. Höchstens vielleicht noch für den Einkauf oder für Ausflüge in größerer Entfernung", sagt Thomas Glocke. 

Entspanntes Reisen im Alltag

Auch Thomas Klar aus Bannewitz hat diese Erfahrung gemacht. Der 43-Jährige sagt: "Das Auto habe ich nicht vermisst." Für ihn sei die Woche sehr entspannt gewesen. "Das war wirklich wunderbar. Ich musste keinen Parkplatz suchen und auch nicht auf den Verkehr aufpassen. Ich bin überall gut hingekommen", sagt Thomas Klar und fügt an: "An machen Stellen könnte zwar der Takt dichter sein, aber grundsätzlich wäre es für mich denkbar, vollständig auf Bus und Bahn umzusteigen."

Junger Mann am Infostand.
Thomas Klar (43) Bildrechte: MDR/Stephan Hönigschmid

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 23.09.2019 | ab 05:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Dresden

Zuletzt aktualisiert: 22. September 2019, 19:20 Uhr

5 Kommentare

Platze vor 10 Wochen

Warum werden nicht Oma und Opa aus den ländlichen Gebieten als Helden gekührt? Vernachlässigt vom Nahverkehr meistern sie ohne Auto den Alltag. Für Einkäufe und Arztbesuche gibt es auf dem Land selten eine Alternative zum Auto (so vorhanden). Nein, ich bin anderer Meinung. Erst sollte man, die in den 90igern gepriesene/erwartetet Mobilität durch geignete Maßnahmen ersetzen. Da muss man eben mal in Vorleistung gehen. Dann kann man die Erwartungshaltung "lasst mal das Auto stehen" auch laut vertreten. Bei den Buspreisen weiß ich, mit der vorhandenen und kommenden Rentenlücke wird es kaum alternativen zum Auto geben. Aber ich will nicht nur meckern, es gibt Lichtblicke. Bei uns wird medienwirksam das kostenfreie Schülerticket eingeführt. Endlich eine Aktion wo Steuergelder aus meiner Sicht sinnvoll angelegt werden.
Trotzdem, bevor Großstädter mit Bushaltestellen, S und U-Bahn mit geregeltem Takt vor der Tür zu Helden gekührt werden, allen sollte die Infrastruktur zur Verfügung stehen.

Bernd L. vor 10 Wochen

Mobilität und Auto sind nötig, um viele Dinge des täglichen Lebens abzuwickeln, und sie sind Lebensqualität. Wenn jemand aussteigen will, ist das seine Sache.

Harald Schulze vor 10 Wochen

Finde ich eigentlich eine coole Idee. Würde mich sofort beteiligen. Wann findet so eine Aktion eigentlich mal in den Landkreisen Görlitz und Bautzen statt? Oh, ich habe ganz vergessen, dass bei uns der ÖPNV ein kleines bisschen vernachlässigt wurde. Na, Hauptsache, es klappt dort, wo die "Mieten so exorbitant hoch" sind. Da kann man ruhig dafür streiten, dass Kraftstoffe viel zu billig sind. Pendler sind doch selbst schuld, wenn sie arbeiten wollen.

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