Interview vor der Europawahl Nils aus Dresden: "Ich habe keinen Bock auf undemokratische Entwicklungen"

Die Generation Z, also die Anfang 20-Jährigen, ist hypervernetzt, weniger arbeitsbereit, hat eher die Work-Life-Balance im Auge und ist pessimistischer als Menschen mit Ende 20. Derartige Soziologen-Stempel für seine Altersklasse kennt Nils Rübelmann, lebt aber das Gegenteil davon. Er arbeitet neben seinem Studium europaweit, fährt gern Zug, redet lieber mit Menschen analog und lässt sich seinen Optimismus nicht ausreden. Warum, erklärt er im Interview mit MDR SACHSEN.

von Kathrin König

Nils Rübelmann, ein Student aus Dresden steht auf dem Balkon eines Dresdner Mietshauses und genießt die Hinterhofatmosphäre im Stadtteil Dresden-Neustadt.
Nils Rübelmann genießt auf dem Balkon seiner WG die Ruhe und Hinterhofatmosphäre der Dresdner Neustadt. Bildrechte: MDR/Kathrin König

Frage: Herr Rübelmann, Sie haben bei einer Reise Ihre Liebe zu Europa entdeckt. Was war da los?

Nils Rübelmann: Nach der Schulzeit sind zwei Freunde und ich mit dem Interrail-Ticket losgefahren. Wir wollten immer der Nase nach. Am Ende des Sommers 2013 hatten wir ganz Südosteuropa bereist und kamen in Istanbul an. Dabei habe ich meine Liebe zu Europa entdeckt. Die Vielfalt der Länder, die Nähe zueinander und das Bewusstsein, wie nah wir uns als Europäer doch alle sind. So etwas hatte ich bei Flugreisen nie gespürt. Vor Beginn meines Wirtschaftsingenieurs-Studiums in Dresden hatte ich noch ein paar Wochen Praktikum in Paris. Damals wusste ich schon, dass ich unbedingt auch als Student Zeit im Ausland verbringen will.

Warum?

Ich wollte wieder nach Frankreich und meine Sprachkenntnisse nutzen. Dann habe ich mich für Straßburg entschieden. Dort kam auch die stärkere Verknüpfung zur EU-Politik. Mit dem Fahrrad brauchte ich zehn Minuten bis zum Europäischen Parlament. Ich habe mir mal eine Sitzung angesehen und gemerkt, wie sehr die da Bezug nahmen auf Diskussionen von uns draußen auf der Straße. Irgendwie wollte ich auch Europa mitgestalten. Ein Kumpel gab mir den Tipp, mal zur Federation of Young Greens gehen, den jungen Grünen auf Europaebene. In einer Arbeitsgruppe ging es um die Frage, was uns die EU bedeutet und wo wir jungen Leute mit der EU hin wollen. Die Debatten waren eine tolle Erfahrung für mich. Und wir hatten auch Einfluss.

In welcher Form?

Typ schaut, eine Zigarette rauchend, aus einem geöffneten Zugfenster.
Zugegeben: Zugfenster, die sich mechanisch öffnen lassen, werden seltener. Auch Rauchen ist auf Bahnhöfen immer häufiger verboten. Aber junge Leute können immer noch mit dem Interrail-Ticket durch 31 Länder reisen. Bildrechte: Imago-Stock

Wir haben uns dafür eingesetzt, dass jeder Jugendliche in der EU zum 18. Geburtstag ein kostenloses Interrail-Ticket vom EU-Präsidenten im Briefkasten vorfindet, um Europa zu entdecken. Es sollte egal sein, welchen Schulabschluss oder Bildungsstand derjenige hat. Alle 18-Jährigen sollten das bekommen. Das wurde zwar so nicht ganz umgesetzt. Immerhin wurden für den Sommer 12.000 Tickets verschenkt, für die man sich bewerben musste. Im Jahr davor waren es 15.000. Unsere Idee wurde also aufgegriffen.

Nach dem Ende des Austauschjahrs über Erasmus habe ich in der Arbeitsgruppe weitergemacht. Heute bin ich im Wahlkampfteam, das die Grünen unterstützt und 50.000 Mitglieder vertritt. Wir organisieren Demos, Wahlkampftermine und helfen Kandidaten für die anstehende Europawahl.

Mit dem Zug durch Europa 37 Bahngesellschaften und Fährunternehmen in 31 Ländern haben sich zusammengetan für das Interrail-Ticket. Die EU wirbt damit, dass man rund 40.000 Reiseziele mit dem Ticket entdecken kann.

Vom 2. Mai bis 16. Mai 2019 können sich 18-Jährige für einen kostenfreien Interrail-Pass bewerben unter: https://europa.eu/youth/discovereu
Für junge Leute bis 27 Jahren gibt es 25 Prozent Ermäßigung auf den regulären Tarif, für Senioren zehn Prozent. Kinder bis elf Jahre fahren kostenlos mit. Der Fahrpreis hängt ab vom Alter, der Anzahl der Länder, die man besuchen will und den Reisetagen.

Ursprünglich war das anders geplant. Als die Interrail-Tickets 1972 auf den Markt kamen, konnte man damit 20 Länder berreisen. Das kostete einst 235 D-Mark. Für junge Leute wurde damit Reisen erschwinglich. Schüler und Studenten jobbten für den Interrail-Pass und packten dann ihre Rucksäcke, um den Kontinent zu erkunden.

Mittlerweile hat der Interrail-Pass Konkurrenz von Billigfliegern, Billig-Busreisen und Mitfahrgelegenheits-Portalen bekommen. Zudem gelten Rucksackreisen bei Jugendlichen nicht mehr so stark als Abenteuerurlaube wie noch in den 1980er Jahren.

Was sagen Ihre Eltern zu so viel Europa-Elan? Im Studium müssen Sie ja auch zu Potte kommen, oder?

Meine Eltern unterstützen mich. Vielleicht werde ich als Wirtschaftsingenieur für die Energiewirtschaft im Bereich erneuerbare Energien arbeiten und die Energiewende voranbringen? Freunde fragen schon mal kritisch nach, was das denn alles soll. Aber die politische Lage in Dresden und Sachsen hat auch dazu beigetragen, mich zu politisieren. Ich wollte kein Zuschauer mehr sein. Außerdem habe ich keinen Bock auf Klimakrise und undemokratische Entwicklungen.

Was gefällt Ihnen besonders an all der ehrenamtlichen Arbeit?

junge menschen tragen ein banner quer gespannt auf der straße . Es sind Studneten,d ie sich für die Grünen in Europa einsetzen und in Straßbirg an einer Demo teilnehmen. Der junge Mann in der mitte (3. von links) ist Nils rübelamnn aus dresden
Nils Rübelmann (2. von rechts) demonstrierte mit Tausenden anderen beim March for Europe 2017 in Rom. Bildrechte: Privat/Nils Rübelmann

Es fühlt sich unglaublich toll an, wenn man merkt, dass man selbst etwas gestalten kann oder zum Beispiel eine Demo organisiert hat. Ich habe echte europäische Freunde kennengelernt. Wenn ich irgendwo in Europa unterwegs bin, brauche ich kein Hostel oder Hotel. Ich kann überall Leute für Übernachtungen anfragen. Und ganz ehrlich: Es ist auch toll, mit internationalen Leuten bis in die Nacht zu feiern.

Wie setzen Sie das abgewandelte Heine-Zitat fort: "Denk‘ ich an Europa in der Nacht,…"

…dann wünsche ich mir eine starke demokratische Zivilgesellschaft in einem weltoffenen, sozialen und nachhaltigen Europa. Einer Republik Europa, in der die Wähler in der Europawahl transnationale Parteien wählen, die dann eine demokratische Mehrheit für eine vom Parlament gewählte EU-Kommission stellen.

ERASMUS - was ist das? Die Europäische Union hat das Förderprogramm 1987 gestartet.
Es soll die Mobilität und Sprachkenntnisse von Studenten fördern und das Studieren in 33 Ländern ermöglichen.

Der Name erinnert an Erasmus von Rotterdam, einen Humanisten der Renaissance.

Seit 2014 gibt es das Programm ERASMUS + das für allgemeine und berufliche Aus- und Weiterbildung, Jugend und Sport. Dabei fördert die EU Praktika, berufliche Weiterbildungsmaßnahmen. Damit bekommen auch Berufstätige die Möglichkeit, mit einem Mobilitätsprojekt einen Kostenzuschuss für einen Sprachkurs im Ausland. Das Programm läuft noch bis 2020.

Quelle: Deutscher Akademischer Austauschdienst (DAAD)

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 26.05.2019 | 19:00 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 09. Mai 2019, 18:30 Uhr

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