03.12.2019 | 09:51 Uhr "Viele Pharmaunternehmen haben ihre Produktion in Schwellenländer verlagert"

Krebs, Epilepsie, Narkosemittel - immer öfter fehlen wichtige Medikamente in Deutschland. Zum Thema „Derzeit nicht lieferbar" - Der Medikamentenengpass und die Folgen“ diskutierte Moderator Andreas F. Rook am Montagabend bei Fakt ist! Seine Gäste waren: Joachim Kugler, Gesundheitswissenschaftler an der TU Dresden, Apothekerin Thea Faßbender, der Vorstand der Dermapharm AG, Hans-Georg Feldmeier und dr CDU-Bundestagsabgeordnete Alexander Krauß sowei Sachsens AOK-Chef Rainer Striebel.

von Katrin Tominski

Auf diese Medikamente solltest du verzichten
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Das Fazit des Abends lautet: Keiner weiß wirklich, warum Medikamente oft nicht lieferbar sind. Warum Krankenhäuser um ihre Narkosemittel bangen, Krebspatienten nicht behandelt werden können, Epileptiker auf Medikamente mit Nebenwirkungen ausweichen müssen. Keiner weiß wirklich, warum  - oder will es nicht wissen. Eine einleuchtende Antwort ergab der Fakt ist!-Abend nicht. Dafür sickerten spannende Erkenntnisse über eine Branche durch, die als intransparent gilt und für hohe Renditen bekannt ist.

Arzneimittelwirkstoffe kommen aus Indien und China

Joachim Kugler
Gesundheitswissenschaftler Joachim Kugler erklärte globale Marktzusammenhänge. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Der Großteil der Arzneimittelwirkstoffe wird in China, Indien und Brasilien hergestellt. Weniger als die Hälfte der weltweit 1.344 Hersteller haben ihren Sitz in Europa, nur jeder zehnte Hersteller produziert noch in Deutschland, in dem Land, von dem man einmal sagte, es sei die Apotheke der Welt. "Viele Pharmaunternehmen haben ihre Produktion in Schwellenländer verlegt", erklärte Gesundheitswissenschaftler Joachim Kugler. Vor allem in Indien, China und Brasilien sei in den vergangenen Jahren eine Arzneimittelindustrie aufgebaut worden. Geringere Kosten und weniger strenge Arbeits- und Umweltschutzauflagen hätten zur Standortverlagerung geführt - wie in anderen Branchen auch.

Immer mehr Medikamente fehlen

Thea Faßbender
Apothekerin Thea Faßbender fühlt sich von Lieferanten oft hingehalten. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Laut einer aktuellen Berechnung des Arzneiprüfungsinstituts konnten 2017 etwa  4,7 Millionen Rezepte nicht eingelöst werden. Allein im ersten Halbjahr 2019 waren es schon 7,2 Millionen Rezepte. Der Engpass wird immer größer. "Bei jedem zehnten Rezept haben wir mindestens ein Medikament, das nicht lieferbar ist", sagte Apothekerin Thea Faßbender. Teilweise müsse sehr viel Zeit aufgewendet werden, um Alternativen zu finden.

Faßbender monierte: Oft seien die Hersteller nicht ehrlich und vertrösteten von Woche zu Woche. "Neulich hat ein Patient mehr als sechs Wochen lang auf ein Anti-Epileptikum gewartet", sagte Faßbender. Nach unzähligen Schreiben mit dem Hersteller habe sie den Arzt des Patienten erreicht. Das Alternativpräparat durfte dann gegeben werden - sei aber für den Patienten im Grunde keine Alternative und riskant.

Es ist kompliziert

Hans-Georg Feldmeier
Hans-Georg Feldmeier will nicht, dass Medikamente verramscht werden. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Dermapharm-Chef Hans-Georg Feldmeier machte die Gesundheitspolitik für die Misere verantwortlich: "Wir dürfen unsere Produkte nicht verramschen", erklärte er. "Die ruinöse Politik der niedrigen Preise hat zur aktuellen Situation geführt." Sein Unternehmen habe 200 Medikamente aus dem Sortiment genommen, weil sie sonst "verramscht würden". Feldmeier geißelte die Rabattverträge der Krankenkassen auf dem Generika-Markt.

Was sind Rabattverträge? - Die Krankenkassen schreiben die Versorgung aus - vor allem für patentfreie Nachahmer-Präparate (Generika).
- Der günstigste Anbieter gewinnt.
- Mit ihm werden Rabattverträge für festgelegte Gebiete und Zeiträume abgeschlossen. Damit wollen die Krankenkassen Arzneimittelkosten senken.

Lieferengpässe Folge des unregulierten Marktes?

Doch warum klappt die Lieferung nicht? Auf der einen Seite gibt es global agierende Pharmakonzerne. Auf der anderen Seite stehen Abnehmer, die Produkte kaufen wollen. Eigentlich eine perfekte Marktsituation. Gründe für die Engpässe ließen sich nur erahnen.

Rainer Striebel
AOK-Chef Rainer Striebel klärte über die Kostenausgaben der Krankenkassen auf. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

"Ich kann es einem Hersteller nicht verübeln, zuerst dorthin zu verkaufen, wo es die besten Preise gibt", meinte Gesundheitswissenschaftler Kugler. Der globalisierte freie Markt führe scheinbar dazu, dass die Medikamente gern zu höheren Preisen in andere Länder verkauft würden. Insofern lagen Feldmeier und Striebel in ihren Ansätzen gar nicht so weit auseinander. Beide wollen den Markt regulieren: Striebel mit Rabattverträgen, Feldmeier mit lukrativen Bedingungen für eine Produktion in Deutschland und Europa.

Was auf dem Massenmarkt passiert, darf nicht so weitergehen. Die Arzneimittelindustrie ist eine strategische Industrie. Wir brauchen eigene Lebensmittel, eine eigene Verteidigung und auch eigene Medikamente  - und können uns nicht von allen abhängig machen.

Hans-Georg Feldmeier Vorstand Dermapharm AG

AOK-Chef Striebel erklärte: "Wir geben 2019 rund zwei Milliarden Euro für Arzneimittel aus. Das ist der zweithöchste Posten nach den Krankenhauskosten und höher als das Honorar der Ärzte."

Umweltprobleme in Schwellenländern

Kugler resümierte über die Produktion in den Schwellenländern: "Wir sind Globalisierungsgewinner und schauen nur nach dem Preis", sagte der Gesundheitswissenschaftler. Dieses Dogma sei im globalisierten Markt in vielen Bereichen erkennbar. "Als Gegenentwurf kaufen Menschen Fair-Trade-Kaffee. Warum gibt es keine fair gehandelten und hergestellten Medikamente", fragte Kugler. Die Produktionsbedingungen in Schwellenländern dürften nicht ausgeblendet werden. "Unter welchen Bedingungen arbeiten Menschen, wie wird ihre Umwelt beschmutzt?", gab Kugler zu bedenken.

Neues Gesetz noch im Dezember

Alexander Krauß
Politiker Alexander Krauß kündigte an, dass das Thema Medikamentenbevorratung noch im Dezember im Bundestag besprochen wird. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Alexander Krauß zeigte sich zuversichtlich. Noch im Dezember werde im Bundestag über eine Gesetzesänderung entschieden. Künftige sollen größere Vorräte für Medikamente angelegt werden und Lieferengpässe besser dokumentiert werden. Kugler glaubt nicht daran. "Ich fürchte wir werden das Problem in Deutschland allein nicht lösen können." Derartige Engpässe gebe es überall in Europa.

Wir sind in Deutschland zu klein, um eine Trendwende herbeizuführen. Das ist eine europäische Aufgabe.

Joachim Kugler Gesundheitswissenschaftler TU Dresden

Bis das soweit ist, wünscht sich Apothekerin Thea Faßbender weniger Bürokratie. Die Kompetenz der Apotheker müsse gefördert werde, ohne Risiko von Nichterstattungen bei Rezepten und Bürokratie.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR FAKT IST | 02.12.2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Dezember 2019, 09:51 Uhr

2 Kommentare

Arbeitende Rentnerin vor 7 Tagen

Vielleicht sollte sich unser Gesundheitsminister endlich mal darum kümmern, das ist u.a. seine Aufgabe, nicht in der Welt rumfliegen und kluge Reden schwingen, das sind die Probleme hier und jetzt.

peter1 vor 7 Tagen

Meine Güte, da wird einem Angst und Bange und ganz schlecht dazu.
Vorallem die kranken Menschen, die auf Medikamente angewiesen sind ,sind wiedermal die Leidtragenden. Ekelhaft ist das Ganze!!!

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