08.06.2020 | 12:10 Uhr | Update Kunstwissenschaftler Brenne sieht doppelten Kultur-Streit in Radebeul

Kunstwissenschaftler und Karl-May-Experte Andreas Brenne erkennt in Radebeul einen Kulturstreit. Es gehe um eine Reform des Karl-May-Museums, aber auch um die Kontroverse um die Leitung des Kulturamts. Museums-Interimschef Wagner hält er mit seiner Stasi-Vergangenheit für ungeeignet.

Häuptling in einer Vitrine im Karl-May-Museum Radebeul
Karl-May-Experte Brenne hält die Ausstellung in Radebeul für nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Bildrechte: MDR/Mandy Schalast-Peitz

Nach dem Rücktritt seines Direktors Christian Wacker sollte das Karl-May-Museum im sächsischen Radebeul grundlegend reformiert werden. Das fordert Kunstwissenschaftler und Karl-May-Experte Andreas Brenne im Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Brenne sagt, es gehe um "einen Kulturkampf. Es geht um eine bestimmte Sicht auf Karl May und seine Geschichte".

Auch die koloniale Vergangenheit spiele in dem Konflikt eine Rolle: "Zu den Exponaten in dem Museum gehören Relikte aus der Kolonialzeit, deren Geschichte nie erforscht worden ist." Brenne ist Professor für Kunst und ihre Didaktik an der Universität Osnabrück und Mitglied der Karl-May-Gesellschaft.

Kritik an Rückkehr Wagners an Museumsspitze

Laut Brenne gibt es in Radebeul derzeit einen "doppelten Kulturstreit". Dabei gehe es nicht nur um das Museum und den Rücktritt seines Direktors, sondern auch um die Kontroverse um den Schriftsteller Jörg Bernig, dessen inzwischen annullierte Wahl zum Leiter des Kulturamtes einen Streit ausgelöst hatte. Bernig wird als Publizist zur neuen Rechten gezählt.

"Gestriges Gedankengut" beherrscht nach Brennes Meinung auch das Karl-May-Museum. Unter anderem gebe es dort weiterhin Bilder des nationalsozialistischen Malers Wilhelm Emil Eber: "Restaurative Kräfte möchten das alte Bild des Fremden und des großartigen Europäers aufrechterhalten."

Karl-May-Experte Brenne kritisierte auch die erneute Berufung des langjährigen Museumsleiters René Wagner: "Wagner war inoffizieller Mitarbeiter und hat jahrelang im Auftrag der Staatssicherheit der DDR die Szene der indianistischen Hobbyisten rund um Dresden beobachtet." In einem Gespräch mit dem Newsportal "Tag24" hatte Wagner eine zeitweilige Zusammenarbeit mit der Stasi eingeräumt.

Prof. Andreas Brenne
Kunstwissenschaftler Andreas Brenne Bildrechte: privat

Auch die Mitarbeiter des Karl-May-Museums halten Wagner für nicht geeignet, das Museum aus seiner derzeitigen Krise zu führen.

Vorwurf: Karl May als "Disneyland des 'wilden Ostens'"

Das Museum hat aus Brennes Sicht nur eine Perspektive, "wenn es sich mit zeitgenössischen Themen beschäftigt, die Herkunft seiner Exponate erforscht und Karl May als kulturhistorische Figur ernst nimmt. Dazu gehören auch gern verschwiegene Themen wie die sublime Homosexualität Karl Mays". Genau das habe der jetzt zurückgetretene Museumsleiter Wacker versucht. Doch "manche Leute in der Stiftung sehen Karl May als Thema eines Disneylands des 'wilden Ostens'. Das Museum wird eher als Unterhaltungs- denn als Bildungsort verstanden".

Wacker fordert ebenfalls Neukonzeption

Der seit April 2018 amtierende Leiter des Museums und der Stiftung, der Museologe und Archäologe Christian Wacker, gab sein Amt im Mai auf. In einem offenen Brief kritisierte er dabei neben etlichen anderen Punkten eine nicht ausreichende Auseinandersetzung mit kritischen Aspekten im Leben und Werk von Karl May.

Im MDR SACHSENSPIEGEL kritisierte Wacker unlängst einen "rückwärtsgewandten Geist" der Radebeuler Karl-May-Stiftung.

Christian Wacker
Bildrechte: Christian Wacker

Das sind Karl-May-Prediger, die darauf bedacht sind, ganz bestimmte Meinungen zu Karl-May umgesetzt zu bekommen.

Christian Wacker Ehemaliger Direktor des Karl-May-Museums

Der Wissenschaftler forderte ebenfalls mit dem Neubau des Museums eine Neukonzeption der "veraltenden Ausstellung", um Karl May zukunftsfähig zu halten. Inzwischen entwickelt Wacker einen Museumkomplex in Kuwait.

Karl-May-Museum in Radebeul Das Karl-May-Museum in Radebeul wurde 1928 am einstigen Wohnort des Schriftstellers eingerichtet. Die Initiative dazu kam von Klara May (1864-1944), der Witwe des Autors. Das Museum umfasst das Wohnhaus - die "Villa Shatterhand" - einen Museumspark sowie ein dort stehendes Blockhaus im Wildwest-Stil, die "Villa Bärenfett". Neben Exponaten aus dem Leben Karl Mays zeigt das Museum eine Dauerausstellung über die Indianer Nordamerikas. Die 1913 gegründete Karl-May-Stiftung ist Trägerin des Hauses.

Quelle: MDR/KNA/lam/kb

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 08.06.2020 | 08:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus Dresden

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