27.01.2020 | 19:35 Uhr | Update Orden für Ägyptens Präsident - Semperoper distanziert sich von Semperopernball

Die Auszeichnung des ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi mit dem St.-Georgs-Orden des Dresdner Semperopernballs stößt weiter auf harsche Kritik. Sowohl auf politischer Ebene, als auch im kulturellen Bereich. Inzwischen geht auch die Semperoper auf Distanz zum Ball. Einen zweiten Orden bekommt ein nicht unumstrittener Unternehmer aus Chemnitz.

Hans-Joachim Frey übergibt Abdel Fattah al-Sisi den St.-Georgs-Orden
Mit einer Delegation übergab Hans-Joachim Frey den Orden in Kairo. Dabei war auch die Dresdner Gesellschaftsjournalistin Katrin Koch, 2.v.r. Bildrechte: dpa

Semperoper will nach Ball Gespräche führen

Die Dresdner Semperoper hat die Entscheidung der Organisatoren des Semperopernballs, den ägyptischen Staatspräsidenten Abdel Fatah al-Sisi mit dem St.-Georgs-Orden zu ehren, scharf kritisiert. "Die Semperoper Dresden missbilligt ausdrücklich die Entscheidung", teilte der Intendant der Oper Peter Theiler am Montag mit. Die öffentlich umstrittene Entscheidung des Semperopernballs führe "zu einer massiven Irritation innerhalb der Semperoper Dresden, die als führende Kulturinstitution stets Stellung für Freiheit, Toleranz und Menschenrechte bezieht".

Theiler betonte, dass die Oper bei den künstlerischen und programmatischen Planungen des Opernball-Vereins nicht einbezogen ist. Nach dem Event werde es unter Einbeziehung politischer Entscheidungsträger des Freistaats Sachsens Gespräche mit dem Vereinsvorsitzenden des Semperopernballs geben.

Auch MDR distanziert sich

Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) als ein Partner des Semperopernballs distanzierte sich ebenfalls. "Wir halten diese Entscheidung für falsch", sagte eine Sprecherin. Sollte sich der Veranstalter entscheiden, die Ehrung von al-Sisi beim Ball zu thematisieren, werde das nicht mit ausgestrahlt.

"Sie rollen einem Diktator den roten Teppich aus"

An der Auszeichnung al-Sisis gibt es auch von mehreren Politikern große Kritik. Der Dresdner Bundestagsabgeordnete Stephan Kühn (Grüne) erklärte am Montag, es sei beschämend, die Menschenrechtsverletzungen al-Sisis auszublenden. "Sie rollen einem Diktator den roten Teppich aus und beschädigen so 'die schönste Nacht des Jahres' in Dresden", kritisierte Kühn den künstlerischen Leiter des Balls, Hans-Joachim Frey, unter verweis auf das Motto der Veranstaltung. In Ägypten würden Oppositionelle, Aktivisten und Journalisten inhaftiert und entführt, erklärte Kühn weiter. Die Zahl der Hinrichtungen sei in den letzten Jahren stark gestiegen. Unter diesen Eindrücken stelle sich die Frage, für welche Werte der Semperopernball stehe, betonte er.

DGB und Dresdner Oberbürgermeister ohne Verständnis für Entscheidung

Martin Dulig
Sachsens SPD-Chef Dulig findet, der Ball nimmt sich selbst die Würde. Bildrechte: SMWA

Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund in Sachsen kritisierte die Ordensvergabe. Ganz abgesehen von der schlechten Behandlung von Arbeitnehmern in Ägypten unterminiere die Politik al-Sisis den inneren sozialen Frieden in dem nordafrikanischen Land. DGB-Landeschef Markus Schlimbach sagte: "Ein solcher Hintergrund hat nichts mit Kultur zu tun, sondern mit Diktatur."

Schon am Wochenende hatte Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig scharfe Kritik geübt: "Der Semperopernball nimmt sich seine Würde. Wer aus PR-Gründen einen Autokraten und Unterdrücker wie al-Sisi auszeichnen will, handelt unverantwortlich." Ähnlich kritisch äußerten sich Politiker der FDP. So sagte Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) dem Onlineportal Tag24, er behalte sich vor, ob er offiziell im Programm auftreten werde. Es bestehe Klärungsbedarf. Die Kriterien für die Vergabe an al-Sisi seien für ihn nicht nachvollziehbar. Er habe die Organisatoren um sofortige Info gebeten. "Dies betrifft nicht nur diesen Vorgang, sondern auch Informationen zu weiteren Ehrengästen und Preisträgern", wird Hilbert zitiert

Absicherung bei der Staatskanzlei

Ballleiter Frey hatte bereits am Wochenende in Kairo den Orden an al-Sisi übergeben. Der Ballchef verteidigte die Entscheidung. Da man eine Kulturveranstaltung sei, handle es sich nicht um einen politischen Orden, sagte er und verwies auf die Eröffnung eines nationalen Museums in Kairo. "Wir wollen Kulturbrücken bauen, um darüber eine vermittelnde Sprache zwischen Regionen zu schaffen", erklärte Frey. Die Kritik habe ihn nicht überrascht. Man habe sich aber vorher abgesichert, auch mit der Sächsischen Staatskanzlei. "Die Preisverleihung an Herrn al-Sisi wird als unproblematisch angesehen", so Frey.

Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) respektiert die Ordensverleihung als Angelegenheit des Balles. "Al-Sisi ist kein Demokrat, es gibt Rechtsverstöße, aber dieser Mann leistet eine wichtige stabilisierende Arbeit in der Region", sagte Regierungssprecher Ralph Schreiber.

Umstrittener Chemnitzer Unternehmer erhält ebenfalls Orden

Hans J. Naumann (Geschäftsführer Niles-Simmons Industrieanlagen GmbH) vor einer CNC Drehmaschine N30 LT auf der Messe INTEC in Leipzig
Unternehmer Naumann erhält ebenfalls einen St.-Georgs-Orden. Bildrechte: imago images / momentphoto/Robert Michael

Am Montag haben die Ballveranstalter außerdem angekündigt, dass auch der Chemnitzer Unternehmer und das Hochschulrats-Mitglied der TU Chemnitz, Hans J. Naumann, einen St.-Georgs-Orden erhält. Er erhalte den "Sachsen-Preis", weil er sich für den Industriestandort stark mache. Naumann war vor knapp drei Jahren in die Kritik geraten. In einem Interview mit der "Freien Presse" hatte der auch in den USA tätige Unternehmer sich zu Präsident Donald Trump und zur gesellschaftspolitischen Lage in Amerika geäußert.

Der Zeitung sagte Naumann unter anderem, dass Donald Trump im Gegensatz zu vielen europäischen Politikern erkannt habe , dass die "weiße Bevölkerung zusammenstehen muss". Naumanns Meinung nach hat sich die afroamerikanische Jugend "sehr stark aus der Verantwortung gezogen". Hier brauche es einen Durchbruch, der nur dadurch erreicht werden könne, "wenn man die jungen Afroamerikaner zum Militär einzieht, ihnen dort Disziplin beibringt und eine berufliche Ausbildung ermöglicht". Aus freien Stücken würden sich Afroamerikaner keine Zwänge auferlegen, so Naumann. Studenten hatten daraufhin den Rückzug Naumanns aus dem Hochschulrat gefordert, er gehört dem Gremiuem aber weiterhin an. Er hatte später gesagt, seine Aussagen seien missverständlich gewesen.

Als Weltbürger hat sich Hans J. Naumann einen Blick über den Moment hinaus und eine eigene Sicht auf die Dinge bewahrt. Er ist als wortgewaltiger und streitbarer Diskutant, der zum Diskurs anregt, bekannt.

Veranstalter des Semperopernballs

Semperopernball wiederholt in den Schlagzeilen

Bereits mit vergangenen Preisträgern des St.-Georgs-Ordens hatte Ballchef Frey für Irritationen gesorgt. So ging der Orden unter anderem an Russlands Staatschef Wladimir Putin und den saudischen Prinz Salman bin Abdulaziz.

Für Irritationen und ein juristisches Nachspiel sorgte ferner der Kurzzauftritt des Models Naomi Campbell. Das Mannequin war 2015 kurz zum Ball eingeschwebt, wollte dafür mehr als 55.000 Euro Gage. Weil eine außergerichtliche Einigung, bei der 20.000 Euro im Raum gestanden haben sollen, scheiterte, ging Campbell leer aus.

WDR-Kinderchor unter musikalischen Gästen

Ballchef Frey gab am Montag auch einen Blick auf die musikalische Gästeliste frei. Neben den bereits bekannten Namen Pavel Milyukov, Ruzan Mantashyan, Yusif Eyvazov wird auch Sopranistin Julia Muzychenko auftreten. Mit Alexander Kashpurin komme ein "aufstrebender Star am Pianistenfirmament" nach Dresden, so die Ballleitung. Eingeladen ist auch der WDR Kinderchor. Mitternachtsact ist Peter Maffay. Durch den Abend führt das Moderatorenduo Judith Rakers und Roland Kaiser. Als weitere prominente Gäste haben sich unter anderem Uli Hoeneß und Eva Padberg angesagt.

Vor der Oper werden unter anderem Gunther Emmerlich, René Kindermann und "Die Notendealer" die Dresdner unterhalten.

Quelle: MDR/lam/epd/dpa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 27.01.2020 | 16:30 Uhr im Regionalreport aus Dresden

Zuletzt aktualisiert: 27. Januar 2020, 19:35 Uhr

40 Kommentare

Freiheit vor 10 Wochen

Was mein Kommentar mit Trump zu tun hat wird wohl dein Geheimnis bleiben, Beo! Hat Trump etwa auch vor Beginn seiner Amtszeit, oder überhaupt diesen Titel bekommen?

DER Beobachter vor 10 Wochen

"Komisch, als Obama den FRIEDENSnobelpreis zum Amtsantritt! bekam und anschließend einen Krieg nach dem anderen führte gab es keinen Aufschrei." Oh mein Gott. Lassen Sie mich raten: für Sie ist Trump auch immer noch der erste amerikanische Friedenspräsident?

MDR-Team vor 10 Wochen

Liebe User,
bitte bleiben Sie beim Thema.
Kommentare ohne Bezug zum Thema des Artikels werden entsprechend unserer Kommentarrichtlinien (http://www.mdr.de/service/kommentarrichtlinien100.html) nicht freigegeben.
Ihre MDR.de-Redaktion

Mehr aus Dresden und Radebeul

Mehr aus Sachsen