20.10.2019 | 18:31 Uhr | Update Tausende demonstrieren in Dresden gegen Pegida

Dresden: Teilnehmer einer Kundgebung haben sich in der Innenstadt versammelt. Am Zaun hängt ein Banner «Gemeinsam gegen den Rechtsruck in Europa». Unter dem Motto «Herz statt Hetze» sind in Dresden Menschen aus ganz Sachsen gegen die islam- und ausländerfeindliche Pegida-Bewegung auf die Straße gegangen.
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In Dresden haben am Sonntag mehrere Tausend Menschen aus ganz Sachsen gegen Pegida demonstriert. Insgesamt vier Initiativen hatten zu Gegenprotesten aufgerufen, darunter das Bündnis "Herz statt Hetze". Unterstützung erhalten die Gegendemonstranten von "Leipzig nimmt Platz" und "Chemnitz Nazifrei".

Die Abschlusskundgebung fand auf dem Neumarkt statt, wo auch Pegida seine Kundgebung zum fünften Jahrestag abhielt. Getrennt wurden beide "Lager" durch Metallzäune und Reihen aus Polizisten.

An der Gegenkundgebung nahmen unter anderem Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert und der Rektor der TU Dresden Hans Müller-Steinhagen teil. Es sei wichtig, dass Dresden an einem solchen Tag Gesicht zeige - in einer Zeit, in der Tendenzen zu einer Enthemmung in der Gesellschaft zunähmen, sagte Hilbert der Deutschen Presse-Agentur. Manche Menschen würden heute Grundwerte der Verfassung in Frage stellen. Es sei aber gut, dass es inzwischen ein breiteres gesellschaftliches Engagement als noch vor fünf Jahren gebe, sich für diese Werte einzusetzen.

Demonstrationen in Dresden Fünf Jahre Pegida und Gegenproteste

Seit fünf Jahren geht Pegida in Dresden auf die Straße. Anlässlich des Jahrestages veranstaltet die Bewegung ausnahmsweise an einem Sonntag eine Kundgebung. Zahlreiche Gegenveranstaltungen sind angemeldet.

Gegenprotest Pegida in der Dresdner Neustadt
In Dresden hat die Pegida-Bewegung am Sonntag ihren fünften Jahrestag begangen. Bereits am Mittag versammelten sich die ersten Teilnehmer der Gegenproteste. Einer von drei Demonstrationszügen startete am Bahnhof Dresden-Neustadt. Bildrechte: xcitePRESS
Gegenprotest Pegida in der Dresdner Neustadt
In Dresden hat die Pegida-Bewegung am Sonntag ihren fünften Jahrestag begangen. Bereits am Mittag versammelten sich die ersten Teilnehmer der Gegenproteste. Einer von drei Demonstrationszügen startete am Bahnhof Dresden-Neustadt. Bildrechte: xcitePRESS
Gegenprotest Pegida in der Dresdner Neustadt
Der Demo-Zug von der Neustadt führte die Teilnehmer in die Altstadt. In der Nähe des Neumarkts, wo die Pegida-Kundgebung stattfand, trafen sie mit zwei weiteren Zügen vom Hauptbahnhof und Bahnhof-Mitte zusammen. Bildrechte: xcitePRESS
Gegenprotest Pegida in der Dresdner Neustadt
Der Gegenprotest wurde musikalisch begleitet. Bildrechte: xcitePRESS
5 Jahre Pegida - Kundgebung vor der Frauenkirche
Am frühen Nachmittag hatte die Kundgebung von Pegida vor der Frauenkirche begonnen. Bildrechte: xcitePRESS
5 Jahre Pegida - Kundgebung vor der Frauenkirche
Auf der Bühne war unter anderem der Pegida-Gründer Lutz Bachmann zu sehen, er führte durch die Veranstaltung und kündigte die Redner an. Bildrechte: xcitePRESS
5 Jahre Pegida - Gegendemo auf dem Neumarkt
Auf dem Neumarkt waren inzwischen auch die Gegendemonstranten angekommen. Sie wurden mit Gittern von der Pegida-Kundgebung getrennt. Bildrechte: xcitePRESS
Polizisten trennen auf dem Neumarkt Pegida-Teilnehmer und Gegendemonstranten
Auch zahlreiche Polizisten waren vor Ort, um Pegida-Teilnehmer und Gegendemonstranten auseinanderzuhalten. Bildrechte: Ronald Bonss
Ein Polizist sichert Spuren auf Kopfsteinpflaster
Aus der Pegida-Versammlung heraus war kurz nach Beginn der Kundgebung eine "übel riechende Substanz" in Richtung Gegendemonstration geworfen worden. Das hatte die Polizei auf Twitter bestätigt und vor Ort Spuren gesichert. Bildrechte: xcitePRESS
Blick aus der Luft auf die Pegida-Kundgebung und die Gegenveranstaltung
Blick von oben auf die Pegida-Kundgebung und die Gegenproteste (linke Bildhälfte). Bildrechte: Erik Hoffmann
Pegida-Kundgebung auf dem Neumarkt
Mehrere Tausende Menschen verfolgten die zweieinhalbstündige Pegida-Kundgebung in der Dresdner Altstadt. Bildrechte: Ronald Bonss
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Pegida feiert mit Redner der Identitären Bewegung

Bei der Kundgebung von Pegida auf dem Dresdner Neumarkt versammelten sich am Nachmittag ebenfalls mehrere Tausend Menschen. Pegida-Gründer Lutz Bachmann begrüßte auf der Bühne zahlreiche Redner u.a. Jens Maier und Christoph Berndt von der AfD und Martin Sellner, Chef der Identitären Bewegung in Österreichs. Aus Belgien sprach der Politiker Sam van Rooy der rechten Partei Vlaams Belang.

Martin Sellner Mitbegründer Idetitäre Bewegung Österreichs IBÖ
Martin Sellner ist Mitbegründer der Identitären Bewegung Österreichs (IBÖ) Bildrechte: imago/ZUMA Press

Den meisten Applaus erhielt der Österreicher Martin Sellner. Er monierte, "in Deutschland haben wir keine formale Demokratie mehr". Es bestehe weder eine Meinungsfreiheit, noch Versammlungsfreiheit, noch Gewerbe- und Vereinigungsfreiheit. "Wir werden nicht verschwinden und weiterhin Widerstand leisten", so Sellner weiter.

In seiner Rede nahm Sellner auch Bezug zu Liedermacher Wolf Biermann, der zu DDR-Zeiten ausgebürgert wurde. Er zitierte Biermann mit den Worten: "Wir werden gemeinsam die Angst verlieren."

Bachmann selbst ergriff nicht das Wort für eine eigene Rede. Die Menge reagierte mit bekannten Sprechchören wie "Merkel muss weg" oder "Lügenpresse". Unter dem Publikum waren Anhänger der NPD, der Identitären Bewegung und der Ein-Prozent-Bewegung. Zum Abschluss der zweieinhalbstündigen Kundgebung versammelten sich alle Redner, die Mitglieder des Organisationsteams und sangen mit dem Publikum die Nationalhymne.

Übergriffe auf Gegendemonstranten

Bis zum späten Nachmittag blieb nach Angaben der Polizeidirektion Dresden alles ruhig. Es wurden in Einzelfällen Ermittlungen wegen verschiedener Vorfälle eingeleitet. Zum einen ermittelt die Kriminalpolizei wegen zweier Übergriffe. Aus der Pegidaversammlung heraus sei eine übel riechende Substanz auf die Gegenversammlung geworfen worden.

Ein Polizist sichert Spuren auf Kopfsteinpflaster
Ein Polizist sichert Spuren auf dem Kopfsteinpflaster am Neumarkt. Bildrechte: xcitePRESS

Auf einem Plakat wurde Bundeskanzlerin Angela Merkel als "größte Spalterin in der deutschen Geschichte bezeichnet". Weiter hieß es: "Wann wird dieses Wesen endgültig entsorgt?" Die Polizei prüft nun die Strafbarkeit dieses Satzes.

Außerdem hat die Polizei von zwei Teilnehmern der Pegida-Demo die Personalien aufgenommen, um den Vorwurf der Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole zu prüfen. Gegen einen 62-Jährigen ermittelt die Polizei, weil er in der Pegida-Versammlung den Hitlergruß zeigte.

Pegida und die AfD

Pegida versammelt sich seit Oktober 2014 in der Regel montags zu Demonstrationen in Dresden. Immer wieder sind dort auch AfD-Politiker zu Gast, etwa der thüringische Parteichef und Anführer des völkischen "Flügels" der Partei, Björn Höcke. Zuletzt war auch der jüngst zum Vizepräsidenten des Sächsischen Landtags gewählte AfD-Politiker André Wendt bei Pegida gesehen worden.

Dieses Mal nahm Jens Maier an der Pegida-Veranstaltung teil. In seiner Rede sagte er, er unterstütze Björn Höcke und wünsche ihm ein gutes Ergebnis bei der Landtagswahl in Thüringen. Maier werde auch an der Abschlussveranstaltung der AfD vor der Landtagswahl teilnehmen. An Pegida appellierte er, durchzuhalten: "Pegida muss weitergehen. Wir brauchen den Druck von der Straße, dann können auch wir von der AfD unser Bestes geben."

Pegida radikalisiert sich immer mehr

Seit im Sommer 2015 Tausende Kriegsflüchtlinge nach Deutschland kamen, radikalisierte sich Pegida immer mehr. Das ist auch die Einschätzung von Frank Richter, dem ehemaligen Direktor der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, der anfangs versucht hatte, das Gespräch mit Pegida und seinen Anhängern zu suchen.

Richter steht bis heute dazu. Zu MDR SACHSEN sagte er: "Wären es noch viel mehr gewesen, die sich so verhalten hätten wie ich, vielleicht wäre es uns gelungen, diese Bewegung schon im Keim, was ihren rechtsextremistischen Kern betrifft, zu ersticken." Am Anfang sei es der Bewegung gelungen, zehntausende Menschen auf die Straße zu holen, "die unterschiedlichste Probleme, Empörungsgeschichten mit sich trugen und meinten, sie müssten sich so verhalten wie 1989."

Der Theologe und Publizist Frank Richter.
Bildrechte: dpa

Sie verwenden eine Sprache der Verhetzung, eine Sprache des Rassismus, des Völkischen, des Nationalismus, sie sind rhetorisch geschult, also in der Lage, größere Menschenansammlungen in emotionale Wallungen zu versetzen. Das erinnert in ganz fataler Weise an Zeiten, die wir in Deutschland schon einmal hatten.

Frank Richter, ehemaliger Direktor der Landeszentrale für politische Bildung

Anfang 2015 brachte das Bündnis 25.000 Menschen auf die Straße. Heute gehen noch etwa 1.000 bis 2.000 Anhänger auf den Dresdener Neumarkt. Während einige Mitbegründer Pegida den Rücken kehrten, bestimmt der verurteilte Kleinkriminelle Lutz Bachmann bis heute die Bühne.

Quelle: MDR/epd/st/cnj

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 20.10.2019 | 11:00 Uhr in den Nachrichten

Zuletzt aktualisiert: 20. Oktober 2019, 18:31 Uhr

521 Kommentare

Sachse vor 4 Wochen

In Diskussionen überzeugen immer am meisten die, die die Argumente der Gegenseite ausschließlich durch die Gegenargumente der eigenen Seite kennen. Ich habe für Sie extra etwas langsam geschrieben.

Sachse vor 4 Wochen

Nein, sie meinte natürlich Otto Walkes. Und dass Sie die Bürgerrechtler von Bündnis 90 mit den heutigen GRÜNEN vergleichen, zeigt Ihr fundiertes Geschichtswissen. Was deren Vereinigung mit den West-Grünen 1993 bedeutete, scheint Ihnen nicht bekannt. Wo Bärbel Bohley, sie war, nebenbei bemerkt, eine gute Freundin von mir, heute stehen würde, können wir alle nicht wissen. Wo z.B. ihre noch lebende Verbündete Vera Lengsfeld (damals Wollenberger) steht, wissen die , die es wissen wollen. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel, wie überall im Leben.

Ekkehard Kohfeld vor 4 Wochen

"Tscha Ihnen sind die Teinehmerzahlen wichtig, mir eher nicht."

Das glaube ich ihnen gerne Agro was interessieren Antidemokraten auch Mehrheiten.
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