01.07.2020 | 23:25 Uhr Dresden gedenkt Marwa El-Sherbini - Aufrufe gegen Rassismus

Jährlich am 1. Juli wird am Dresdner Landgericht der 2009 dort ermordeten Ägypterin Marwa El-Sherbini gedacht. Die Erinnerung geht einher mit Aufrufen zu deutlicherem Widerstand gegen Rassismus - mit Blick auf Kassel, Halle und Hanau.

Eine Teilnehmerin einer Gedenkveranstaltung für die 2009 während einer Gerichtsverhandlung ermordete Ägypterin Marwa El-Sherbini legt vor dem Landgericht Blumen nieder.
Im Gedenken an Marwa El-Sherbini wurden am Mittwoch weiße Rosen vor dem Landgericht Dresden niedergelegt. Bildrechte: dpa

Weiße Rosen, klare Worte: Zahlreiche Menschen haben am Mittwoch in Dresden der aus Fremdenhass ermordeten Ägypterin Marwa El-Sherbini gedacht. Wegen Corona diesmal vor dem Landgericht und nicht an der Gedenktafel im Foyer legten Vertreter der sächsischen Justiz, der Stadt und von Verbänden sowie Bürger in Erinnerung an die Bluttat, die 2009 das ganze Land erschütterte, weiße Rosen nieder. Anders als in der Vergangenheit war es kein stilles Gedenken. In Ansprachen wurden Alltagsrassismus, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz in der Gesellschaft benannt - und zum Widerstand aufgerufen.

Justizstaatssekretärin: Schicksal von Marwa El-Sherbini mahnt, einzugreifen

Die Ägypterin Marwa El-Sherbini
Die Ägypterin Marwa El-Sherbini wurde am 1. Juli 2009 im Landgericht Dresden ermordet. Bildrechte: dpa

Die Pharmazeutin hatte damals einen Mann wegen rassistischer Beleidigungen angezeigt. In der Berufungsverhandlung am 1. Juli 2009, in der sie als Zeugin aussagte, stach der Angeklagte die schwangere 31-Jährige mit einem Messer nieder und verletzte auch ihren Mann schwer - vor den Augen ihres dreijährigen Sohnes. Der Täter war später wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden. "Menschenverachtende Ideologien sind weit verbreitet, verbale und physische Angriffe gehören für viele Menschen zum Alltag", sagte Justizstaatssekretärin Gesine Märtens (Grüne). Das Schicksal von Marwa El-Sherbini mahne, einzugreifen, wenn Menschen aus rassistischen oder frauenfeindlichen Gründen bedroht oder angegriffen werden.

Das, was zu dieser Tat und nach wie vor zu Gewalt führt in unserem Land, das ist nicht vorüber, vielleicht noch schlimmer geworden.

Peter Lames Bürgermeister Dresden, SPD

Bürgermeister Peter Lames sagte unter Verweis auf den Lübcke-Mord und die Morde von Hanau sowie den Anschlag von Halle, Verschwörungstheorien, Legendenbildung und "Unbildung, damit umzugehen", mündeten in Alltagsrassismus, den viele Menschen erlebten. Er mahnte, jeder müsse das eigene Handeln hinterfragen. Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Diskriminierung seien keine Privatsache. "Wer so denkt und handelt, der stellt die Grundlagen unseres Staates und friedlichen Zusammenlebens in Frage."

Ägyptische Doktorandin berichtet über rassistische Angriffe in Dresden

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) forderte mehr Engagement gegen Rassismus. "Damals wie heute wird das Phänomen des antimuslimischen Rassismus und die negative Stimmung gegen Muslime oft noch in der Gesellschaft ignoriert und zu oft unterschätzt."

Die Ägypterin Douha Al-Fayyad, die Ingenieurin ist und sich an der TU Dresden auf ihre Doktorarbeit vorbereitet, nannte Beispiele: "Es werden Steine auf uns geworfen und Hunde auf uns gehetzt", sie berichtete von einem Messerangriff im Taxi oder dass die Bustür geschlossen wird, wenn gerade ein Fuß drin sei. "Rassistischer Hass trifft nicht nur Muslime, sondern auch das deutsche Volk", sagte sie. "Hanau, die NSU-Morde und Halle haben gezeigt, dass Rassismus tötet."

Quelle: MDR/dk/dpa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 01.07.2020 | ab 07:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Dresden

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