02.01.2020 | 11:00 Uhr Neues Jahr: "Glück kann man lernen"

Neues Jahr, neues Glück. Zum Jahreswechsel häufen sich Vorsätze und die Hoffnung auf ein (weiteres) glückliches Lebensjahr. Doch Verstand allein macht nicht glücklich. Zum wahren Glück brauchen wir Körper und Sinne, erklärt Chefärztin Ulrike Anderssen-Reuster der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie am Städtischen Klinikum Dresden im Interview mit Katrin Tominski von MDR SACHSEN.

Viele glückliche Menschen
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Frau Anderssen-Reuster, Sie arbeiten in einer Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie. Was macht glücklich?

Jeder hat seine eigenen Präferenzen. Wenn die wichtigsten Beziehungen stimmen, ist eine wesentliche Grundlage für ein glückliches Leben gegeben. Für eine lebenslange Zufriedenheit spielen auch frühe Bindungserfahrungen in der Kindheit eine große Rolle. Wichtig ist aber auch ein guter Kontakt zu uns selbst. Ein Kontakt zu unseren Gefühlen und Bedürfnissen. Wenn wir spüren, was mit uns passiert, können wir entsprechend gut reagieren. Glücklich werden können wir somit, wenn wir seelisch mit uns verbunden sind – sowohl nach innen und außen.

Wirkt sich Sicherheit auf unser Glück aus?

Alle Menschen haben ein Grundbedürfnis nach Sicherheit und Freiheit. Das ist biologisch so angelegt. Wenn die Pole im Gleichgewicht sind, sind die Voraussetzungen für Glück nicht schlecht.

Einen guten Kontakt zu sich selbst finden. Viele, vor allem ältere Menschen, können mit solchen Aussagen oft wenig anfangen.

Man braucht ja gar nicht so viel zu schwätzen. Glück spürt man einfach. Das muss man gar nicht marktschreierisch nach außen vermitteln. Das ist ein innerer Prozess.

Sie behandeln in Ihrer Klinik Menschen, die Hilfe für ihre Seele suchen. Können sie kein Glück empfinden?

Wer richtig depressiv ist, ist nicht richtig empfindsam und erlebnisfähig. Wer verlassen wurde, sich einsam und ungeliebt fühlt, wird leiden. Darüber hinaus gibt es viele Menschen, die in ihren Gedanken und endlos langen Wiederholungschleifen gefangen sind  und grübeln.

Dr. Ulrike Anderssen-Reuster, Chefärztin der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie Städtisches Klinikum Dresden.
Dr. Ulrike Anderssen-Reuster, Chefärztin der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie am Städtischen Klinikum Dresden glaubt, dass man Glück lernen kann. Dafür braucht man einen guten Kontakt zu sich selbst. Bildrechte: Anderssen-Reuster

Manche Menschen sind also von Glück beseelt, während andere mit dem gefühlten Unglück kämpfen?

Es gibt eine gewisse Erfahrung, nach der sich etwa ein Viertel aller Menschen schwer tun mit der Welt. Das Wohlbefindens-Paradox bestätigt Ähnliches. Während drei Viertel aller Menschen empfinden können, auch wenn sie alt und nicht ganz gesund sind, ist das andere Viertel unglücklich – relativ unabhängig von äußeren Faktoren.

Kann man sich von diesen schlechten Voraussetzungen befreien?

Glück ist eine Fertigkeit, die man lernen kann. Wer übt, wird immer besser.

Was lässt sich das Glück erlernen?

Wir können achtsam sein mit uns. Oft genug bekommen wir gar nicht mit, wie und wo wir unterwegs sind, wie unser Kontext ist. Glücklich macht es uns, bewusst und offen im Kontext zu sein und unsere Leben um uns herum wahrzunehmen. Das Leben in seiner Fülle wahrzunehmen, auch körperlich und sinnlich. Die Welt erschließt sich ja nur über unsere Sinne. Es ist wichtig, zur unmittelbaren Wahrnehmung zurückzukehren.

Das ist nicht immer einfach in einer Welt, die auf Rationalität und Effizienz setzt.

Ja. Und in der digitalen Welt wird das noch schwieriger.

Das heißt ja, dass sich die Digitalisierung nicht immer positiv auswirkt.

Das würde ich denken. Natürlich ist die Digitalisierung interessant, inspirierend und verschafft den Zugang zu sehr viel Wissen. Doch wir müssen darauf achten, sich nach der Arbeit am Rechner auch mal an die frische Luft zu begeben, unseren Körper zu spüren. Die Herausforderung liegt darin, uns bewusst auszubalancieren. Das Andere  – die Sinne und den Körper – nicht zu gering zu achten.

Wir müssen also der Beschleunigung die Achtung unseres Selbst entgegensetzen?

Die menschliche Natur braucht das, wir sind ja nicht nur Kopf, wir sind ja auch Körper.

Eine Redensart besagt: Glück und Unglück liegen nah beieinander. Ist das so?

Die Kontraste wirken sich auf unser Glücksgefühl aus, sie erhöhen die Wahrnehmung. Nach einer anstrengenden Arbeitswoche freuen wir uns beispielsweise viel stärker auf das Wochenende, als es ohne die Arbeit gewesen wäre. Doch es gibt auch Leute, die einen dauerhaften Zustand von Zufriedenheit erleben können. Das  ist ein Zustand, der von Stabilität und Kompetenz zum Umgang mit Lebenssituationen geprägt ist. Jeder Mensch hat ein Grundlevel an Wohlbefinden. Dieses kann nach und nach erhöht werden.

Eine Frau springt in die Luft
Zum Glück brauchen wir nicht nur den Verstand, sondern auch Körper und Sinne. Bildrechte: IMAGO

Sie haben zu Meditation geforscht. Hilft Mediation, glücklicher zu werden?

Ja, Meditation unterstützt das Glücksempfinden. Es gibt ja ganz verschiedene Arten von Meditation. Beispielsweise können wir an einen geliebten Menschen denken und die positiven Gedanken übertragen und auf andere Bereiche lenken. Dann wird das Glück größer. Oder wir können Dinge stoisch mit Distanz betrachten. Jeder kennt sicher das Phänomen, wenn man am Meer sitzt, die Wellen ruhig beobachtet. Wir können nur lernen, diesen Blick in unseren Alltag zu integrieren.

Das hört sich alles schön an. Manche Menschen erleiden jedoch auch schwere Schicksalsschläge oder auch Verluste.

Ja. Es gibt kein Leben ohne Leiden. Die Vorstellung, dass es ein Leben ohne Leiden geben kann, ist absolut naiv. Und auch das Streben nach ständigem Glück kann fatal sein. Glück ist nichts Festes, was man erreichen und festhalten kann, sondern ein inneres Erleben. Zum Glück gehört auch die Fähigkeit, sich zu entwickeln, das Leiden zuzulassen – dann verschwindet dieses übrigens auch schneller. Den Schmerz nicht zu verdrängen, das bedeutet bei sich zu sein. Auch das ist eine Voraussetzung für Glück.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR | 14.11.2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Januar 2020, 10:55 Uhr

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