Interview mit dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club "Ja, es gibt 'No-go-Areas' für Radfahrer in Dresden"

Dresden macht bei Radfahrerumfragen mitunter keine gute Figur und gilt als eher fahrradunfreundlich. Meldungen von verunglückten Radfahrern in Dresden und dem Umland - zuletzt der bei Moritzburg verunglückte Dresdener Schulamtsleiter - scheinen den Befragten Recht zu geben. Doch gibt es hier wirklich mehr Unfälle? Und woher kommt die Unzufriedenheit bei den Radlern? MDR SACHSEN hat mit Konrad Krause vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub gesprochen und sich in der Stadt umgehört.

Dresden steht bei Umfragen seit mehreren Jahren immer wieder in Sachen Fahrradfreundlichkeit auf einem hinteren Platz. Warum?

Entscheidend dafür ist das Sicherheitsgefühl. ADFC-Befragungen zeigen, dass Dresdner Radfahrer sich besonders unsicher fühlen. Mit 600 bis 1.200 Radunfällen pro Jahr mit Personenschaden gibt es dafür auch einen Grund. Aber Fahrradunfälle gibt es in anderen Städten auch – mit ähnlichen Zahlen. An Dresden ist besonders, dass sich die Leute auf dem Rad besonders gefährdet vorkommen, das Verkehrsklima ist rauer. Ein Problem dafür sind schmale Radspuren oder Radwege die plötzlich enden oder solche, die eng an einer Reihe parkender Autos vorbeiführen. Was leider oft fehlt, sind optisch und baulich klar abgetrennte Radwege.

Ein großes Thema sind die 'Schutzstreifen' für Radfahrer, die zwischen Fahrbahn für Autos und Parkplätze gequetscht werden. Da kann die Stadtverwaltung im engen Straßenraum vermeintlich viel auf einmal unterbringen. Man fährt dann zwischen ein- und ausparkenden Autos und hat links neben sich vielleicht noch einen überholenden Laster. Das macht dieses Unsicherheitsgefühl zum großen Teil aus.

Die Stadt plant mit ihrer Infrastruktur an ganzen Altersgruppen vorbei. Viele Eltern trauen sich nicht, ihre Kinder selbständig mit dem Rad in der Stadt fahren zu lassen. Alte Leute weichen oft auf die Gehwege aus, weil sie sich auf den Radwegen nicht sicher fühlen. Auch das über Jahre ausgehandelte Fahrradverkehrskonzept stellt sich nicht der Frage: Wie bekommen wir diese Gruppen aufs Fahrrad?

Das Potenzial, das darin steckt mehr Menschen auf das Rad zu locken, wird in Dresden und dem Umland überhaupt nicht ausgeschöpft.

Woran liegt es, dass Dresden mit der Radinfrastruktur nachhängt?

In Dresden wird immer die bequemste Lösung bei der Aufteilung der Verkehrsfläche gesucht. Andere Städte sind da deutlich mutiger und kämpfen Konflikte unter anderem mit dem Freistaat um die begrenzte Fläche in der Stadt auch mal aus. Hier muss dann eine gestrichelte Linie direkt auf der Fahrbahn ausreichen.

Nun gibt es aber eine links-grün-rote Mehrheit im Dresdner Stadtrat ...

Die Stadtverwaltung führt in Dresden ein enormes Eigenleben. Der Stadtrat steuert zwar immer wieder nach, aber oft ohne Erfolg. Tausende Stadtratsbeschlüsse werden einfach nicht umgesetzt. Ein Beispiel: Radwege auf dem Blauen Wunder. Der Beschluss ist inzwischen über 15 Jahre alt.

Und wie sieht es im Umland aus?

Wir haben da einen Riesenmangel. Die Staats- und Bundesstraßen haben einen riesigen Rückstand, was parallele Fahrradinfrastruktur anbelangt. Je mehr man an den Stadtrand kommt, desto weniger Fahrradinfrastruktur gibt es. Der Käse mit Löchern ist dann kein Käse mehr - sondern nur noch ein einziges Loch. Hier wären je nach Art der Straße die Landkreise oder der Freistaat in der Pflicht. Die Planungen gehen einfach kaum voran. Auf Dresdner Gebiet Richtung Norden – Radeberg, Langebrück und so weiter –  hat die Stadt einfach keinen Bedarf beim Land angemeldet. So bewegt sich nichts.

In Leipzig kümmert man sich da mehr. Umliegende Gemeinden wie Markkleeberg werden für Radfahrer besser angebunden. Vor einer Woche wurde eine Machbarkeitsstudie für einen Radschnellweg Richtung Halle in Auftrag gegeben. Die Vernetzung mit dem Umland hat man dort mehr im Blick. Hier in Dresden denkt keiner dran, dass man vielleicht einen Radschnellweg zwischen Dresden Neustadt und Klotzsche gut gebrauchen könnte.

Umfrage Fühlen Sie sich sicher auf dem Rad in Dresden?

Frau mit roter Mütze und Fahrrad
"Also ich komme aus Norddeutschland - dort ist das Leben als Radfahrer deutlich entspannter. Es gibt zum Beispiel an der Hansastraße Kreuzungen, wo die Autofahrer beim Abbiegen häufig nicht auf die Radler achten. Es gibt hier auf jeden Fall noch Bedarf an Fahrradwegen, ich fahre hier relativ viel auf dem Fußweg. Radwege sind schlecht abgegrenzt oder enden oft im Nirgendwo." Bildrechte: MDR/Sandra Thiele
Frau mit roter Mütze und Fahrrad
"Also ich komme aus Norddeutschland - dort ist das Leben als Radfahrer deutlich entspannter. Es gibt zum Beispiel an der Hansastraße Kreuzungen, wo die Autofahrer beim Abbiegen häufig nicht auf die Radler achten. Es gibt hier auf jeden Fall noch Bedarf an Fahrradwegen, ich fahre hier relativ viel auf dem Fußweg. Radwege sind schlecht abgegrenzt oder enden oft im Nirgendwo." Bildrechte: MDR/Sandra Thiele
Radfahrer im regnerischen Dresde
Rentner aus Dresden: "Ich fahre gern mit dem Rad, aber inzwischen nicht mehr in der Stadt. Da fahre ich nur noch auf dem Radweg. Alles andere ist mir zu gefährlich." (Symbolbild. Die befragte Person wollte nicht aufs Foto.) Bildrechte: MDR/Sandra Thiele
Radfahrer im regnerischen Dresde
Junger Radfahrer: "Ich ärgere mich häufig über rücksichtslose Autofahrer, aber Angst habe ich keine. Ich lasse mich nicht von der Straße vertreiben und fordere mein Recht ein." (Symbolbild. Die befragte Person wollte nicht aufs Foto.) Bildrechte: MDR/Sandra Thiele
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Was ist Ihre Hauptforderung?

Eine andere Prioritätensetzung auf Landesebene. Es ist ein einfaches Rechenspiel: Um auf den deutschen Durchschnitt zu kommen, brauchen wir noch knapp 1.000 Kilometer Radwege an Sachsens Staats- und Bundesstraßen. Letztes Jahr sind aber nur 22 Kilometer fertig geworden, das Jahr davor 16. Der Verkehrsetat liegt bei um die 900 Millionen Euro. Etwas über zehn Millionen Euro gibt der Freistaat nächstes Jahr für Radwege an Staats- und Bundesstraßen aus. Ein Kilometer Radweg kostet alles in allem zwischen 200.000 und 300.000 Euro.

Was kann ich in der Zwischenzeit als Radfahrer selber tun, um bestimmte Gefahren zu minimieren?

Man sollte an Kreuzungen immer einen Schulterblick nach hinten links machen, wenn man gerade fährt. Klingt vielleicht paradox, aber nur so kann man vielleicht sehen, ob einen gerade ein rechts abbiegender Autofahrer übersieht. Gleichzeitig fahre ich dann natürlich für den Moment geradeaus blind. Aber so ist unsere Infrastruktur derzeit leider aufgebaut. Sowas gehört übrigens auch in die Verkehrserziehung in den Grundschulen. Die Polizei, die das ja übernimmt, sagt einfach: "Fahr bei grün." So einfach ist das leider nicht. Was auch hilft: Sofern es möglich ist, immer Blickkontakt halten mit den anderen Verkehrsteilnehmern.

Von welchen Strecken in Dresden und dem Umland würden Sie Ihrem Kind oder einem gutem Freund abraten? Gibt es No-go-Areas für Radler?

Ja, natürlich gibt es solche Zonen. Ich habe zwei Kinder im Grundschulalter. Mit denen umfahre ich größere Kreuzungen, nehme Umwege beispielsweise über den Elberadweg in Kauf. An Reihen parkender Autos fahre ich nicht lang - dort geht leicht mal eine Autotür auf und man könnte dagegenprallen. Konkret: Die Pillnitzer Straße ist für Radfahrer wegen der parkenden Autos ein Horror. Links fahren schnell die Autos vorbei, rechts parken Autos, in der Mitte fährt man auf einem schmalen Streifen – und am Fetscherplatz verliert sich auch der unvermittelt im Nichts. In Striesen würde ich von der Schandauer Straße eher abraten, denn dort parken ganz häufig Autos auf der Radspur und es gibt unübersichtliche Baustelleneinfahrten. Auch der Petersburger Straße bleibe ich mit meinen Kindern fern. Die Überlandstrecke des kürzlich verunglückten Dresdener Schulamtsleiters würde ich mit dem Rad nicht fahren. Dort, auf der S81, jagen die Autos mit 150 Sachen durch eine neugebaute Schneise - Radfahrer werden dort zu spät gesehen. Es ist eine richtig schlimme Autobahnpiste. Von der Sorte gibt es im Umland noch weitere. Derzeit im Bau ist ja die S177 - östlich der Dresdner Heide, Richtung Pirna und Radeberg. Da wird das so ähnlich.

Fahrrad liegt nach einem Unfall auf einer nächtlichen Straße
Rechtsabbiegende Autos verursachen laut ADFC mehr als die Hälfte aller Fahrradunfälle, weil sie Radfahrer übersehen. Bildrechte: imago/Becker&Bredel

Nun schimpfen ja auch viele Autofahrer über gewisse "Rüpel-Radler", für die die Straßenverkehrsordnung ein Fremdwort ist ...

Ja, die nerven mich natürlich auch! Es ist eine etwas müßige, moralische Diskussion. Aber ich antworte doch mal mit der Statistik. Bei Unfällen spricht sie eine klare Sprache: Schuld an Unfällen haben in Sachsen etwa 29 Prozent der beteiligten Radfahrer und rund 71 Prozent der Autofahrer. Die Opfer von Unfällen sind ganz andere Leute! Überdurchschnittlich Kinder und über 65-Jährige. Das sind genau nicht die sogenannten Rüpel-Radler - die sind eher zwischen 20 und 40 Jahre alt.

Zum Ende etwas Schönes: Was sind Ihre liebsten Radstrecken in der Umgebung? Was können Sie empfehlen?

Sehr gern. Für Gemütliche: Die Elbradwegstrecke zwischen Loschwitz und Wachwitz mit einem gemütlichen Kaffee-Stop kurz vor der Fähre. Und für Ambitionierte: Von Zittau aus losfahren über den Schluckenauer Zipfel in Tschechien durch das Kirnitzschtal bis nach Bad Schandau. Ein Traum für Radfahrer!

Welterbe Elbtal, Wachwitz
Gemütlich an der Elbe entlang - östlich der Dresdener Innenstadt - das ist ganz nach Konrad Krauses Geschmack. Bildrechte: MDR/Diana Köhler

Quelle: MDR/st

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 28.11.2018 | 06:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Dresden

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Zuletzt aktualisiert: 09. Dezember 2018, 14:40 Uhr

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