Hasnain Kazim
Bildrechte: MDR/Tobias Wilke

Interview mit Hasnain Kazim "Post von Karlheinz" - Spiegel-Bestseller-Autor liest in Sachsen

Hasnain Kazim ist in Oldenburg geboren, in Hollern-Twielenfleth bei Buxtehude aufgewachsen. Als Marine-Offizier diente er seinem Vaterland - Deutschland. Doch dieses "Deutschsein" wird ihm immer wieder abgesprochen, wenn er über seine Heimat schreibt - der Redakteur wird beschimpft, beleidigt, erhält Morddrohungen. Über seinen Mailverkehr mit den Wut-Bürgern hat er ein Buch geschrieben, "Post von Karlheinz" heißt es.

Hasnain Kazim
Bildrechte: MDR/Tobias Wilke

Herr Kazim, Sie sind hier in Deutschland geboren, in Niedersachsen aufgewachsen. Seit wann spricht man Ihnen das Deutschsein ab?

Seit ich denken kann. Ich bin in einem kleinen Dorf groß geworden und in einer kleinen Gemeinschaft ist man sehr schnell ein Teil dieser und dann ist man akzeptiert. In dem Moment, in dem man sich aus diesem vertrauten Kreis herausbewegt, muss man sich wieder neu vorstellen. Das muss jeder, aber es ist für jemanden, der fremd aussieht, als fremd wahrgenommen wird, schwieriger.

Ich werde seit Anfang der 1990er-Jahre angefeindet. Ich habe mich – als 16-Jähriger – öffentlich in der Lokalzeitung zu den Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen geäußert, weil ich das unmöglich fand. Da kamen dann die ersten Hassbriefe. Und das ist von der Zeit bis heute immer mehr geworden. Einmal durch das Internet, weil es so viel einfacher ist, Hass los zu werden. Anonym, kostenlos, schnell.

Wer schreibt Ihnen diese Hassmails oder -briefe? Wissen Sie mehr - trotz Anonymität - über die Absender?

Das sind sehr unterschiedliche Typen, überall. Und es sind nicht nur die sogenannten wirtschaftlich Abgehängten, Ungebildeten, die mir schreiben. Nein, es sind auch die Akademiker, die Wohlhabenden, auch die schreiben mir. Mittlerweile auch mit ihrem Namen, ihrem Titel.

Das Buch "Post von Karlheinz"
Zwei jahre lang hat der Autor Hasnian Kazim auf alle Mails an ihn geantwortet. Daraus ist das Buch entstanden: "Post von Karlheinz". Bildrechte: MDR/Tobias Wilke

Im Grunde habe ich drei verschieden Typen ausgemacht: Es sind Leute, die frustriert sind. Die aus irgendwelchen Gründen, privat, im Job, Ärger haben und ihren Frust loswerden wollen. Die brauchen einfach nur ein Ventil. Dann gibt es die Leute, die inhaltliche Kritik haben. Die tatsächlich ein Problem haben mit der Zuwanderung, mit dem Islam, mit der Flüchtlingspolitik. Was auch immer. Das kann man ja haben, nur äußern sie sich auf einen Weise, die nicht akzeptabel ist. Und dann gibt es dritte Gruppe und das sind die waschechten Rassisten. Die mir ins Gesicht sagen, du kannst niemals Deutscher sein, egal was du tust. Du bist nur ein "Passdeutscher“. Du bist nicht Teil dieser deutschen Volksgemeinschaft. Die dritte Gruppe kann ich mit Worten nicht überzeugen. Von denen werde ich auch bedroht. Ich werde "an den Galgen gehängt", man möchte mir "alle Knochen brechen" usw. Dagegen gehe ich inzwischen juristisch vor.

Sie haben für sich einen Weg gefunden, mit den Hassmails umzugehen. Sie antworten darauf.

Ich habe zwei Jahre lang allen geantwortet, ab dem 1. Januar 2016. Und da habe ich nicht versucht, diplomatisch zu sein. Ich habe auch zynisch, übertrieben oder böse geantwortet. Der eine oder andere war dann perplex und entschuldigte sich gar. Manche meldeten sich und waren überrascht, dass diese Mails überhaupt jemand liest. Die dachten meine Mailadresse ist so ein Art Müllablageplatz für ihren Frust.

Wer sachlich schreibt, bekommt auch eine sachliche Antwort, das ist klar. Und auch ich lerne, lerne die wahren Sorgen und Nöte der Menschen kennen. Zwei Jahre habe ich das gemacht und das kostet so viel Zeit und Kraft, es hat mich aufgerieben. Jetzt antworte ich nur noch, wenn ich das Gefühl habe, dass es sinnvoll ist.

Sie spielen in Ihren Antworten gern mit den Klischees, den Vorurteilen. Wie kommt das an?

Das ist meine Art, mein Stil. Ich weiß nicht, ob das immer gut ist, aber es macht mir Spaß. Ich denke, wenn die Vorurteile so fest sitzen, dass man durch Argumente nicht überzeugen kann, dann muss man die Vorurteile bestätigen. Dann sag ich, ja, ich habe meine vier Frauen und lebe von 30.000 Euro Kindergeld, weil ich so viele viele Kinder habe. Übertreibe maßlos und was mich dann überrascht, dass bei vielen Leuten der Groschen dann immer noch nicht fällt Wenn ich dann androhe, ich komme mit meiner Großfamilie in zwei Reisebussen und besuche sie, dann bekommen sie Angst. Und das ist wirklich komisch.

Welche Grenzen in der Kommunikation setzen Sie selbst?

Menschen sind für Ihre Worte verantwortlich und wenn sie etwas sagen, was strafrechtlich relevant ist, weil es beleidigend ist, unsachlich oder ein Lüge ist, dass müssen sie die Konsequenzen dafür tragen.  Auch strafrechtlich. Ich bin sehr dafür, dass man diese Leute anzeigt. Zum Beispiel, wenn sie drohen.

Was ist für Sie Deutschsein?

Mettbrötchen mit besonders viel Zwiebeln.

Nein, ernsthaft, was ist deutsche Leitkultur? Das hat mir noch niemand beantworten können. Ich als Norddeutscher lebe in Österreich. Die sind den Bayern mental näher als die Norddeutschen. Ist es die Mentalität, die Deutschsein ausmacht? Die Religion ist es nicht, die Verfassung, das Grundgesetz? Ich weiß es nicht. Wir sollen uns menschlich verhalten, Empathie empfinden, solidarisch miteinander sein, gesetzestreu und tolerant.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 21.03.2019 | 19:00 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 21. März 2019, 21:08 Uhr

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