Heike Mann
Bildrechte: MDR/Kathrin König

20 Jahre "Shukura" in Dresden Sozialpädagogin Heike Mann: Bei Kindeswohlgefährdung hört die Harmonie auf

Seit 20 Jahren gibt es in Dresden die Fachstelle "Shukura" der Arbeiterwohlfahrt zur Prävention sexualisierter Gewalt an Kindern. MDR SACHSEN sprach mit der Leiterin Heike Mann über ihre Arbeit und aktuelle Fälle. Sie hat auch an dem Schutzkonzept gegen Missbrauch bei der Dresdner Parkeisenbahn mitgearbeitet.

Heike Mann
Bildrechte: MDR/Kathrin König

Es werden immer wieder Fälle von sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche bekannt, ein besonders extremes Beispiel ist der Missbrauchsfall in Nordrhein-Westfalen. Wie erklären sie sich solche Fälle?

Ich glaube, dass wir in unserer Gesellschaft noch nicht genug dafür sensibilisiert sind, dass Kinder Persönlichkeiten mit Rechten sind. Die Wahrung ihrer Rechte sind kein großzügiges Zugeständniss der Erwachsenenwelt. Manche Erwachsene meinen immer noch, sie hätten das Recht, auf Kosten der Kinder ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Bei sexuellem Missbrauch geht es vor allem um ein Bedürfnis nach Macht. Wir sind da noch am Beginn eines Weges, wo wir uns als Gesellschaft in der Verantwortung den Kindern gegenüber befinden.

Der Missbrauchsfall von Lügde Seit 2008 sind den bisherigen Erkenntnissen zufolge auf dem Campingplatz im lippischen Lügde an der Landesgrenze zu Niedersachsen mindestens 31 Kinder im Alter von 4 bis 13 Jahren in mehr als 1.000 Fällen Opfer sexuellen Missbrauchs geworden. Drei Verdächtige sitzen in Untersuchungshaft. Gegen weitere Personen wird ermittelt.

Wo kann man die Erwachsenen da abholen? Wie kann man sie sensibilisieren?

Der erste Punkt ist, dass wir, genauso wie Kinder davon ausgehen müssen, dass es Menschen gibt, die wissentlich die Rechte von anderen Menschen verletzen und dass wir eben solche schier unvorstellbaren Taten, wie eben in NRW, für möglich halten. Und dass wir Kindern Raum und Zeit geben, zuzuhören, dass wir Signale lesen, zum Beispiel, wenn ein Kind sein Verhalten ändert und sagt, ich will da oder dort nicht mehr hin. Also lieber einmal mehr zuhören und nachfragen: "Kannst du mir erklären, warum du deine Meinung geändert hast."? Oder zu sagen: "Ich hab den Eindruck, dir geht es da nicht richtig gut," - also Kinder einfach fragen.

Aber wenn Eltern bei solchen Fällen mitmachen, das gibt es ja auch, dann ist es doch erst recht schwierig?

Das ist sicher nicht leicht. Aber auch da ist der Punkt, es gibt ja noch andere Orte, wo die Kinder sich aufhalten. Dann ist man dort in der Verantwortung hinzugucken. Da müssen wir also in Kitas und Schulen die Verhaltensveränderungen wahrnehmen. Und die haben auch die Pflicht, dem nachzugehen und das zu prüfen: Geht es dem Kind gut oder nicht? Wenn sie feststellen, das Kind ist in Not oder man geht von einer Kindeswohlgefährdung aus, dann haben diese Einrichtungen zu handeln.

Zu einem anderen Fall hier in Dresden: Der Missbrauch bei der Parkeisenbahn hat viele Eltern aufgewühlt. Dort gab es Konsequenzen und jetzt wurde ein Schutzkonzept erstellt, auch mit Ihrer Hilfe. Was ist das Wichtigste dabei?

Das Wichtigste ist, dass sich die Institution auf unterschiedlichen Ebenen damit auseinandergesetzt hat. Das Schutzkonzept ist unter der Beteiligung vieler Ehrenamtlicher entstanden, vor allem auch Nichtpädagogen. Es hat sich hoffentlich die Achtsamkeit erhöht, - sowie die Handlungsfähigkeit, wie man damit umgeht, wenn man vielleicht ein komisches Gefühl hat. Außerdem soll es erstmals auch Sozialpädagogen bei der Parkeisenbahn geben. Das freut mich, denn es werden über 200 Kinder betreut und die Parkeisenbahn ist keine pädagogische Einrichtung: Umso besser ist es, dass die Parkeisenbahn sich von Pädagogen helfen lässt.

Es soll künftig einen Elternbeirat geben. Wie können Eltern bei dem Thema helfen?

Eltern können helfen und das nicht nur bei der Parkeisenbahn. Sie sollen nicht nur nachfragen nach Schutzmechanismen, sie sollen sich auch interessieren, was ihre Kinder tun und wo sie das tun. Und sie sollen Sorgen und Nöte eben auch ansprechen. Sie können sich auch in einem Elternrat beteiligen, denn dort laufen Informationen zusammen und die Meinungen und Wünsche der Eltern können noch deutlicher berücksichtigt werden. Aber da ist eben Engagement nötig.

Aber ist es nicht selbstverständlich, dass Eltern sich interessieren, was und wo ihre Kinder etwas machen?

Nicht überall. Es sind ja viele Eltern auch sehr beschäftigt. Dann rutscht das auch mal weg, genauer nachzufragen. Wir sind als Gesellschaft auch oft darauf ausgerichtet, dass die Kinder funktionieren. Manchmal rutscht das Kind dann weg mit seinen Bedürfnissen. Aufmerksamkeit und Achtsamkeit muss im Alltag stattfinden und nicht, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist.

Man soll genauer schauen, aber wo ist da die Grenze?

Ich denke, die muss eine fragende Haltung sein im Sinne von, ich hab den Eindruck, dass … Im Großen und Ganzen ist die Gefahr, dass man jemanden falsch verdächtigt viel geringer als man glaubt. Ich denke, man kann nicht urteilen über andere Lebensentwürfe. Trotzdem sind wir in der Verantwortung, wenn Rechte von Kindern betroffen sind. Wenn das Thema Kindeswohlgefährdung ansteht, ist das das Ende der Harmonie.

20 Jahre gibt es die Präventionsstelle der AWO "SHUKURA". Was hat sich geändert?

Also vor 20 Jahren haben wir noch mühsam Akquise betrieben, um mit Schulen zusammen arbeiten zu dürfen. Jetzt ist es so, dass wir fürs kommende Schuljahr fast in allen Veranstaltungen ausgebucht sind. Das Thema Prävention ist im Bereich Fortbildung etabliert und auch das Thema Schutzkonzepte für Institutionen ist viel größer geworden. Da geht es nicht nur um Einrichtungen für Kinder und Jugendliche, sondern auch um Einrichtungen mit Behinderten, um Sportvereine oder Kirchgemeinden. Prävention ist ein Zusammenspiel von Institutionen, Eltern, Fortbildung, Konzepten und auch Organisationsentwicklung - weil man manchmal, siehe Parkeisenbahn, Strukturen entwickeln muss, die dem Schutz der Kinder dienen.

Quelle: MDR/kb

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 04.05.2019 | 19:00 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 05. April 2019, 17:48 Uhr

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