Harald Bretschneider
Oberlandeskirchenrat Harald Bretschneider gilt als Erfinder des christlichen Symbols "Schwerter zu Pflugscharen". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Schwerter zu Pflugscharen Interview mit Oberlandeskirchenrat Harald Bretschneider

Harald Bretschneider
Oberlandeskirchenrat Harald Bretschneider gilt als Erfinder des christlichen Symbols "Schwerter zu Pflugscharen". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Schicksal nennt Harald Bretschneider das, was ihm am 13. Februar 1945 wiederfahren ist. Seine Mutter hat Bretschneider damals aus einem zerbombten Haus gezogen. An Details erinnert er sich nicht. "Der brennende Himmel über Dresden und der flüssige Asphalt auf den Straßen sind aber immer noch in meinem Kopf", so der 77-Jährige. Warum Bretschneider gerettet wurde, obwohl 25.000 Menschen umkamen, hat den Theologen lange beschäftigt. Im Engagement fand Bretschneider schließlich seine Bestimmung. Doch die kostete ihn beinahe das Leben. Der Evangelische Pressedienst (epd) hat mit dem Theologen über den Kalten Krieg und die Rolle der Kirchen in der DDR gesprochen.

Herr Bretschneider, Sie sind Initiator der kirchlichen Friedensdekade. Wie kam es dazu?

Bretschneider: Die biblische Geschichte vom Propheten Micha hat mich inspiriert. Dort heißt es unter anderem: "Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Spieße zu Sicheln machen." Im Gegensatz zur DDR, die außenpolitisch ihren Friedenswillen lautstark vermarktete und innenpolitisch die Kritik an der Militarisierung verschwieg, tut in dieser biblischen Geschichte der König Buße. Deshalb habe ich die Friedensdekade mit dem Bußgedanken verbunden und den Bußtag integriert. Es sollte die Schuld nicht auf die anderen geschoben werden.

Sie haben nach einem Symbol für die Friedensarbeit gesucht und als Vorlage die Bronze-Skulptur des sowjetischen Bildhauers Jewgeni Wiktorowitsch Wutschetitsch genutzt. Wieso?

Ich spürte, dass Jugendliche Zeichen brauchen, mit denen sie sich zu erkennen geben und mit denen sie ihre Position artikulieren. Das Denkmal des sowjetischen Bildhauers bezieht sich auf das biblische Wort des Propheten Micha. Es steht in New York und in Moskau. Ich entwarf ein Lesezeichen mit der Skulptur und ließ ein Jahr später Tausende Aufnäher auf Fließ drucken. Das war Textiloberflächenveredelung und bedurfte keiner Druckgenehmigung.

Wie wurde das Symbol aufgenommen?

Das hat tatsächlich so gewirkt, dass ich selber richtig erstaunt war. Das Symbol hat immer mehr Leute inspiriert. Es war eine Initialzündung.

Sie wurden von der Stasi bespitzelt. Wie wirkte sich das aus?

Ich wurde intensiv bespitzelt, ja. Das ging über mehrere Jahre. Es fing 1960 an und hatte den Höhepunkt in der Zeit, als ich Landesjugendpfarrer war. Es gab heimliche und sichtbare Bespitzelung, so stand ein Polizeiposten vor unserem Haus oder meine Frau bekam Briefe mit anzüglichen Bildern. Das ging bis in den persönlichen und intimsten Bereich. Das Schlafzimmer war komplett verwanzt, wie sich herausstellte. Als ich 1981 die Schwerter zu Pflugscharen-Aufnäher in Herrnhut abgeholt habe, um sie in Berlin auch an andere Landeskirchen zu verteilen, fiel vor meinem Auto plötzlich ein Baum um. Ich konnte bremsen und als ich mein Dankgebet gesprochen hatte und den Baum wegräumen wollte, sah ich deutlich, dass er angesägt war.

Warum war die Friedliche Revolution aus Ihrer Sicht erfolgreich?

Durch das wunderbare Zusammentreffen der geschichtlichen Ereignisse gab es Chancen zur Veränderung. Dazu zählen unter anderem die Entwicklungen in Polen, die wirtschaftliche Katastrophe der DDR, der Mut der Bürger, die Wirkung der Ausreisewilligen, die Öffnung der Grenzen in Tschechien und Ungarn und das Geschick der damaligen Bundesregierung. Dazu gehört aber auch, dass verantwortliche Kommunisten sich eingelassen haben auf den Dialog. Der Erfolg und die Kraft der Friedlichen Revolution liegt darin, dass alles zusammen zur richtigen Zeit zum Tragen gekommen ist. Für mich persönlich ist es ein Geschenk, des Himmels . Gott sei Dank haben wir das Zeitfenster, das uns gegeben war, genutzt und versucht, daraus etwas zu machen.

Quelle: MDR/fg

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 08.10.2019 | 09:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Dresden

Zuletzt aktualisiert: 07. Oktober 2019, 08:55 Uhr

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