26.11.2019 | 15:00 Uhr Museumsdirektor Dirk Syndram: "Ich fühlte mich 13 Jahre sicher"

Der Kunsthistoriker und Direktor des Grünen Gewölbes in Dresden, Dirk Syndram, ist fassungslos. Im Gespräch mit MDR SACHSEN-Kulturredakteur Andreas Berger erklärt er noch am Tag des Raubes, wie ihn die schlimme Nachricht über den Einbruch erreichte und welche Bedeutung die gestohlenen Schmuckstücke haben.

Dirk Syndram, Direktor des Grünen Gewölbes in Dresden
Dirk Syndram, Direktor des Grünen Gewölbes in Dresden, ist zu Gast im Studio bei Kulturredakteur Andreas Berger. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Andreas Berger: Wann haben Sie vom Einbruch erfahren, Herr Syndram?

Dirk Syndram: Das Telefon klingelte um 5:27 Uhr. Da hat man mich informiert, dass es einen Einbruch ins Grüne Gewölbe gegeben hätte, ohne direkt zu sagen, was es gewesen ist. Und ich konnte mir eigentlich nicht vorstellen, dass das mehr als ein Einbruchsversuch gewesen ist. Aber eine halbe Stunde später bekam ich dann vom Chef unserer Bewachungsfirma einen weiteren Anruf. Und er sagte mir in kurzen Worten: 'Das ist wahr' und holte mich dann sofort ab. Seitdem bin ich unterwegs.

Was geht einem durch den Kopf - außer 'Das geht doch eigentlich gar nicht?'

Genau, das geht doch eigentlich gar nicht! Ich bin 13 Jahre, seit September 2006 als es eröffnet wurde, eigentlich davon ausgegangen, dass es das sicherste Museum der Welt ist - oder mindestens eines, das so schnell nicht in die Knie geht. Mir war klar, dass wir alles getan haben, was wir tun konnten: von der Sicherheitsverglasung der Fenster bis zur Vergitterung, was wirklich die Einbruchsversuche wenigstens so lange verzögern würde, bis die Polizei da war.

Fünf Minuten nachdem sie angerufen wurde, waren schon mehrere Polizeiwagen da. Aber der ganze Einbruch hat eben nur zwei bis drei Minuten gedauert und hat wirklich nicht nur meine Sicherheit, sondern auch das Fenster aus den Angeln gehoben und sehr schnelle, sehr brutale Zugriffe auf diese bedeutende Vitrine mit sich geführt. Und man hat eine ganze Menge Objekt herausgenommen. Aber einiges scheint noch da zu sein.

Durften Sie schon an den Tatort?

Ich darf wahrscheinlich morgen Nachmittag an den Tatort. Im Moment ist die Spurensicherung da, was sehr wichtig ist. Auch um zu gucken: Wie ging das eigentlich, da reinzukommen? Denn es ist offensichtlich kein Museum, das bei seiner Sicherheit gespart hat. Wir müssen gucken, was passiert ist.

Was ist das für ein Gefühl?

Hoffnung, dass man vielleicht doch 'positiv enttäuscht wird'. Dass es nicht das ist, was die erste Polizistin sagte, die hineingeguckt hat, bevor die Spurensicherung kam: 'Die Vitrinen sind leer.' Dann stellt man sich vor, dass sie leer sind. Aber es scheint, wie ich von der Spurensicherung gehört habe, da noch einiges überstanden zu haben. Und ich bin gespannt, was wir von diesem bedeutendsten Teil unseres Juwelenschmucks des Barock noch haben.

Wie kann man diese drei Juwelengarnituren, um die es sich offensichtlich handelt, beschreiben?

Zwei der Juwelengarnituren sind Herrengarnituren von August dem Starken vom Ende des 17. bzw. Anfang des 18. Jahrhunderts. Sie gehörten damals zu dem Kostbarsten, was es gab. 1719, also vor 300 Jahren, war eine der Juwelengarnituren 1,7 Millionen Taler wert. Das sind 17 Tonnen Gold. Dafür können Sie sich die Hofkirche, die Frauenkirche und einen großen Teil des Zwingers kaufen. Damals. Und die Brillantgarnitur war 1,4 Millionen Taler wert. Es war damals der Staatsschatz.

Das hat sich geändert, aber es ist heute eben Weltkulturerbe. Es würde sich niemand mehr mit diesen Knöpfen schmücken. Es würde niemand mehr diese Schuhschnallen haben oder den Zierdegen benutzen. Aber Sie finden diese Art von Schmuck nirgendwo anders, weder im Tower, noch im Louvre, und ganz Weniges auch nur in Leningrad oder Sankt Petersburg oder Moskau. Es ist einzigartig und insofern als Höhepunkt der Repräsentation eines Herrschers im 18. Jahrhunderts, der ganz unter dem Einfluss dessen stand, was in Versailles passierte. Es ist nirgendwo sonst erhalten und schmückt die Welt.

Bildergalerie Diese Kostbarkeiten verschwanden aus der Vitrine im Grünen Gewölbe

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden haben nun mitgeteilt, welche Schmuckstücke am Montagmorgen gestohlen worden. Für die Schäden haftet der Freistaat, eine eigene Versicherung gibt es nicht.

Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Das Juwelenzimmer in der Schatzkammer des sächsischen Kurfürsten mit der Schmuckvitrine, als sie noch vollständig war. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Das Juwelenzimmer in der Schatzkammer des sächsischen Kurfürsten mit der Schmuckvitrine, als sie noch vollständig war. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Diamantrosengarnitur
Die Diamantrosengarnitur Überblick über alle Teile der Diamantrosengarnitur Bildrechte: SKD, Jürgen Karpinski
Degen (Diamantrosengarnitur)
Diamantrosengarnitur Degen aus der Diamantrosengarnitur Bildrechte: Grünes Gewölbe, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Jürgen Karpinski
Zwei gewölbte Schuhschnallen aus der Diamantrosengarnitur
Diamantrosengarnitur Zwei gewölbte Schuhschnallen aus der Diamantrosengarnitur Bildrechte: Grünes Gewölbe, Staatliche Kunstsammlungen Dresden; Jürgen Karpinski
Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Diamantrosengarnitur Kleinod des Polnischen Weißen Adler-Ordens: Er trägt 225 größere und kleinere Diamanten. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Diamantrosengarnitur Hutagraffe: Der Diamant in der Schleife oben hat 24,98 Karat. Der Mittelstein unten in der Rosette zeichnet sich durch 16,5 Karat aus. Die Hutkrempe besteht aus 13 großen und 103 kleineren Diamanten, aus Silber und Gold. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Große Diamantrose (Diamantrosengarnitur)
Diamantrosengarnitur Große Diamantrose Bildrechte: Jürgen Karpinski
Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Diamantrosengarnitur Achselschleife (Epaulette) - Teilstück vorhanden: Das Schmuckstück trägt 20 große und 216 kleine Diamanten, besteht aus Gold und Silber. Die größte Diamantrose in der Mitte der Doppelschleife hat 31,5 Karat. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
10 Rockknöpfe aus der Diamantrosengarnitur
Diamantrosengarnitur 10 Rockknöpfe aus der Diamantrosengarnitur (einzelne erhalten) Bildrechte: Jörg Schöner
Brillantgarnitur
Brillantgarnitur Überblick über die Brillantgarnitur Bildrechte: SKD, Jürgen Karpinski
Hutschmuck, sogenannter Reiherstutz aus der Brillantgarnitur
Brillantgarnitur Hutschmuck, sogenannter Reiherstutz Bildrechte: Jürgen Karpinski
Epaulette mit dem sog. "Sächsischen Weißen" aus der Brillantgarnitur
Brillantgarnitur Epaulette mit dem sog. "Sächsischen Weißen" Bildrechte: Jürgen Karpinski
Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Brillantgarnitur Bruststern des polnischen Weißen Adler-Ordens Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Diamantschmuck und die Perlen der Königinnen
Diamantschmuck und die Perlen der Königinnen Bildrechte: SKD, Jürgen Karpinksi
Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Diamantschmuck und die Perlen der Königinnen Diese große Brustschleife gehörte Königin Amalie Auguste. Der Schmuck stammt aus dem Jahr 1782 und trägt 51 große und 611 kleine Brillanten. Die Steine werden von Gold- und Silbereinfassungen gehalten. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Diamantschmuck und die Perlen der Königinnen Aigrette für das Haar in Form einer Sonne Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
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Das ist der eine Punkt der Einzigartigkeit. Der andere ist tatsächlich die Schleiftechnik der Diamanten bzw. des Schmucks.

Es gibt zwei verschiedene Diamantschliffe. Brillant ist ja nicht das Gleiche wie Diamant, sondern es ist ein besonderer Schliff, der sehr viel vom Diamanten fordert, damit er eben so brillant blinkt. Etwas älter, im 17. Jahrhundert und von Ludwig dem 14. besonders geschätzt, sind Diamantrauten. Das sind breite, große Diamanten, aber sie sind nicht so glänzend, wie es eben Brillanten sind. Im 18. Jahrhundert hat man diese Diamanten umgeschliffen in Brillanten - aber nicht in Dresden.

So haben wir also Diamanten, die im alten Schliff sind, und die in ihren Schmuckstücken wichtig sind als Zeugnisse ihrer Zeit. Aber eben nicht als Rohstoff für normale Diamanten. Da müsste man so viel wegschneiden, dass eigentlich nur noch ein kleiner Diamant übrig bliebe. Und wahrscheinlich würden sie in dieser Form gar nicht mehr in den Handel kommen können.

Deswegen hoffe ich sehr, dass diejenigen, die diesen Unsinn getan haben, einsehen, dass es besser ist, die Schmuckstücke ganz zu lassen und nicht 'einzuschmelzen', wie es wahrscheinlich damals mit der 100-Kilo-Goldmedaille geschehen ist. Das ist eigentlich eine Entwertung dessen, was in den Vitrinen gelegen hat. Und natürlich ein unwiederbringlicher Verlust, der fürchterlich wäre.

Interessant an dem Ganzen finde ich: Offensichtlich gibt es Interessenten, die an solche Gegenstände kommen wollen - und wenn es nur für sie privat ist.

Ich bin da ein bisschen skeptisch. Ich bin nicht ganz sicher, ob es diese etwas verrückten Milliardäre gibt, die irgendwas in ihren Panzerschrank legen wollen. Sowas ist uns bis jetzt noch nicht über den Weg gelaufen.

Selbst bei den schönsten Bildern von Turner, Spitzweg oder sonst etwas: Die müssen erstmal einen Weg zu jemandem finden. Manchmal gibt es eben solche brutalen Einbrüche, wie es dieses gegeben hat, von professionellen Menschen, die vielleicht noch keinen Kunden an der Hand haben und sich überlegen, was macht man damit? Ich denke, nachdem die Aufmerksamkeit noch einmal darauf gelenkt wurde, dass es hoffentlich unmöglich ist, dafür einen Kunden zu finden.

Nun haben wir also eine Vitrine verloren, aber den Zauber des Historischen Grünen Gewölbes, das ein barockes Gesamtkunstwerk ist, den haben wir Gottseidank noch. Und ich hoffe, dass dieser Zauber auf viele Menschen übergeht.

Quelle: MDR/kp

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 25.11.2019 | ab 20:00 Uhr bei "Aufgefallen - das Kulturmagazin"

Zuletzt aktualisiert: 26. November 2019, 15:00 Uhr

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