12.06.2019 | 17:00 Uhr Rassismus an Sachsens Schulen: "Engagierte Kollegen stehen oft alleine da"

Ein Wissenschaftlerteam der TU Dresden bildet Lehrer aus und weiter - und befasst sich mit Rassismus an sächsischen Schulen. Bereits an Grundschulen zeigen Kinder abwertendes Verhalten gegenüber Migrantenkindern, Hitlergrüße, rassistische Sprüche, homophobe Witze sind keineswegs Einzelfälle an Schulen. Im Expertengespräch mit MDR SACHSEN erklären die Wissenschaftler die Ausmaße, Ursachen und kritisieren typische Handlungsmuster an Schulen.

von Tobias Wilke

Lehrer haben auf Zetteln geschrieben, was sie an rassitischen Situationen ihrer Shcüler erleben. Ein Nachhilfelehrer schrieb: Schüler meldet sich grundsätzlich mit Hitlergruß in der Stunde.
Bildrechte: MDR

Frage: MDR SACHSEN berichtete über eine Leiterin eines Workshops zum Thema Rassismus, die offenbar selbst massiv beleidigt wurde, ohne dass Lehrer reagierten. Ist das ein Einzelfall in Sachsen oder eine Ausnahme?

Prof. Dr. Anja Besand: Wir haben ja Einblick in die Schulen über die Studentinnen und Studenten, die wir jedes Jahr ins Praktikum schicken. Das sind ungefähr 60 Schulen, die wir über unsere Praktikantinnen und Praktikanten besuchen. Und wir haben das Projekt "Starke Lehrer, starke Schüler", wo wir an der Weiterbildung der Lehrkräfte beteiligt sind und zu dem Thema arbeiten. In den letzten drei Jahren ist unser Eindruck, dass es tatsächlich fast keine Schule gibt, die nicht in irgendeiner Weise durch antidemokratisches Verhalten - meistens von rechts - herausgefordert wird und ganz erhebliche Schwierigkeiten hat, adäquate Handlungsstrategien zu entwickeln.

Sie haben eine "Fallsammlung" aus Ihrem Projekt in Sachsen, die Sie ausgewertet haben. Was ist das für ein Projekt?

Prof. Dr. Anja Besand von der TU Dresden stellt das Handlungskonzept "W wie Werte" vor.
Prof. Dr. Anja Besand hat an der TU Dresden einen Lehrstuhl für Didaktik der politischen Bildung inne und arbeitet in der Lehrerfortbildung. Bildrechte: MDR/Kathrin König

"Starke Lehrer, starke Schüler" ist ein Projekt, das demokratische Schulentwicklung unterstützen will, auch in wirklich langfristigen Prozessen. Wir bieten Coachings an und Supervision, um themenfeldorientiert die Lehrer zu unterstützen, über herausfordernde Situationen zu sprechen und eigene Handlungsstrategien zu entwickeln. Da arbeiten wir mit einer Methode, die nennen wir "Toleranzgrenze". Damit eröffnen wir den Lehrern die Möglichkeit, ihre eigenen, herausfordernden Situationen vorzutragen und zu überlegen: "Muss man handeln, wie kann man da handeln?" Dann soll sie das als Kollegium miteinander diskutieren. Wir brauchen ja ein gewisses Grundeinverständnis im Lehrerkollegium, ab wann Handeln angesagt ist. Aus den Schilderungen der Lehrer von solchen Begebenheiten, haben wir sehr viele Einblicke .  

Mit Blick auf die gesammelten Beispiele: Ab welcher Altersstufe sind bei Schülern rassistische Tendenzen erkennbar?

Stefan Breuer: Was man festhalten kann ist, dass es kein Phänomen ist, das erst im Jugendalter einsetzt. Wir habe auch viele Fälle aus Grundschulen, wo beispielsweise Kinder Hakenkreuze in Sandkästen zeichnen oder migrantischen Mitschülern abwertende Bezeichnungen geben.

Klingt nach klassischem Nachplappern dessen, was die Kinder zu Hause aufgeschnappt haben?

Stefan Breuer: Durchaus. Aber man darf auch nicht verkennen, dass sich dadurch bei Kindern Stereotypen und Vorstellungsinhalte verfestigen und sich das zu Ungleichwertigkeitsvorstellungen festigen kann, wenn dem nicht durch die Schulen begegnet wird. Dann ist es kein einfaches Nachplappern mehr.

Wenn solche Denkmuster von zu Hause übernommen werden und Lehrer nicht intervenieren, es also kein Korrektiv gibt, besteht dann die Gefahr, dass diese Muster als Konsens betrachtet werden?

Stefan Breuer: Genau. Deswegen ist die Aufgabe für die Schulen umso wichtiger, ein Ort zu sein, an dem eine demokratische Haltung vertreten wird. Das heißt nicht, dass Schülerinnen und Schüler, die mit entsprechenden Überzeugungen zur Schule kommen, sofort umgepolt werden. Aber sie treffen auf eine Institution, die dem widerspricht und Alternativen aufzeigt.

Haben die Lehrer denn Eingriffsmöglichkeiten und trauen sich das auch oder nehmen sie das hin?

Prof. Anja Besand: Das ist ganz sicherlich unterschiedlich. Es gibt engagierte Kolleginnen und Kollegen, die nach Kräften versuchen, angemessene Handlungsstrategien zu entwickeln, die aber häufig ziemlich allein sind. Weil es auch sehr viele Lehrkräfte gibt, die stark eingeschüchtert sind, zum Beispiel durch Eltern, die sich da sehr sichtbar und kraftvoll intervenieren. Schulleitungen haben nach unserem Eindruck großen Einfluss. Wenn die Schulleitung demokratische Haltungen unterstützt, kann das gut gelingen. Wenn die Schulleitung das nicht unterstützt, und das kommt leider häufig vor, dass wir keine unterstützende Schulleitung an der Stelle haben, ist es auch für engagierte Lehrkräfte sehr schwierig, im Handeln zu bleiben und sich nicht "kleinmachen" zu lassen.

Was passiert, wenn einer Ihrer Praktikanten versucht, zu intervenieren?

Anja Besand: Wir hatten einen krassen Fall eines Studenten, der im Praktikum konfrontiert war mit einer Bildungssituation, bei der im Unterricht über Menschenrassen gesprochen wurde. Er hatte den Mut, in der Situation Stopp zu sagen, das Rassekonzept kann man nicht auf Menschen, sondern nur auf Tiere anwenden. Er hat von den Schülern großen Widerspruch erfahren, der auch durch den Lehrer verstärkt wurde. Er ist aus dem Unterricht entfernt worden und durfte nie mehr in die Klasse zurück. Das sind für uns sehr beunruhigende Fälle. Wie haben den Eindruck - und dort schließen sich die Welten - dass diejenigen, die intervenieren 'rausfliegen'. Das ist ein großes Problem für Schulen.

Heißt das, aus Ihrem Projekt und aus den Praktikantenberichten gewinnen Sie die Erfahrung, dass es Lehrer gibt, die solche Äußerungen nicht nur nicht ernst nehmen, sondern sogar mit tragen?

Anja Besand: Das kommt vor, ja. Man kann das in vielen Einzelsituationen sehen, dass sich Lehrkräfte in sehr abwertender Weise im Lehrerzimmer über Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund äußern oder dass sie bei homophoben Witze mitlachen. Sie haben kein Problembewusstsein dafür, dass das gerade nicht in Ordnung ist.

In Ihrem Projekt geht es auch darum, dass Lehrer entscheiden sollen, ab wann sie einschreiten müssten. Tauschen sich die Lehrer denn in ihrem Kollegium darüber aus?

Stefan Breuer: Wir haben festgestellt, dass die Konfliktvermeidungsstrategien recht weit verbreitet sind. Das kann zum einen daran liegen, dass Lehrer unsicher sind, wie sie Situationen bewerten sollen, zum anderen daran, dass kaum Austausch mit Kollegen möglich ist. Die Reaktion auf Rechtsextremismus braucht aber den Austausch mit dem Kollegium. Wenn es kein abgestimmtes Vorgehen gibt, wird es nicht gelingen, damit adäquat umzugehen.

Welche Rolle spielen die Eltern? Kann man in der Schule noch korrigieren, was aus dem Elternhaus mitgegeben wurde?

Anja Besand: Ich würde sagen, wir unterschätzen den Einfluss, den Schule hat. Das sieht man schon, wenn wir uns mit Lehrern unterhalten, die sich ängstlich oder zögerlich verhalten und wir sie fragen, warum sie solche Schwierigkeiten haben. 'Ich komme in Teufels Küche, wenn ich den Unterricht so oder so gestalte, dann habe ich am nächsten Tag einen ganz bestimmten Vater vor der Tür stehe', sagen sie. 

Gibt es denn keine Meldepflicht für extreme Vorkommnisse?

Ein junger Mann arbeitet als Sozialwissenschaftler an der TU Dresden. Sein Name lautet Stefan Breuer.
Stefan Breuer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Politische/Bildung und koordiniert das Projekt "Starke Lehrer - Starke Schüler". Bildrechte: MDR

Stefan Breuer: Auftrag der Schulleitung ist es sehr wohl, entsprechende Vorkommnisse zu melden. Nach unserer Erfahrung aus den Projekten und der Lehrerausbildung versandet das aber häufig. Das sind Dynamiken an Schulen, dass man als Nestbeschmutzer gilt. Das ist schon gravierend, wenn man sich für Demokratie einsetzen möchte und dann solche Erfahrungen machen muss. In dem Projekt haben uns Lehrer davon erzählt, dass sie sogar wegen der Teilnahme an unserem Projekt angefeindet worden sind. Mit der Begründung, dass somit Dinge aus der Schule ans Licht kommen könnten, die besser im Dunkeln bleiben sollten.

Die Eltern der heutigen Schüler in Sachsen sind entweder in der SED-Diktatur aufgewachsen oder - was Demokratiebildung an Schulen betrifft - in dem politisch gewollten Vakuum danach. Inwiefern ist das für Ihr Thema relevant? Wirken sich Defizite der Eltern auf die Schüler aus oder macht es Sachsen zu einem besonders interessanten Forschungsgegenstand?

Anja Besand: Ich glaube schon, dass wir hier 'sichtbarer' von dem Problem betroffen sind und dass es einen Mainstream gibt, in dem sich viel mehr Menschen aus dem nationalradikalen Spektrum trauen, sich sichtbar zu machen, als es in anderen Bundesländern. Gerade auch im schulischen Kontext. Das heißt nicht, dass es die in anderen Bundesländern nicht gibt, aber das ist hier sehr viel leichter geworden für die entsprechenden Akteure. Dadurch haben wir eine Chance hier in Sachsen, die zu sein, die das am besten sehen und damit auch Handlungsstrategien entwickeln können.

Erleben Sie auch einen strukturellen Rassismus, der nicht von den Schülern ausgeht, sondern von der Lehrerschaft, insbesondere gegenüber Migrantenkindern?

Anja Besand: Absolut! Es gibt Lehrerkollegien, in denen Codenamen verwendet werden für Schüler mit Migrationshintergrund. Es gibt eine höhere Bereitschaft, Zwischenfälle anzuzeigen, an denen Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund beteiligt waren als zum Beispiel rechtsextreme Zwischenfälle. Es gibt eine hohe Zahl von Beschreibungen, dass gelacht wird über rassistische Witze, womit ja eine Verstärkung stattfindet. Das treffen wir tatsächlich regelmäßig an.

Welche Chance sehen Sie, das Demokratieverständnis an Schulen zu stärken, wenn offenbar selbst Lehrer damit Probleme haben oder zumindest ein gewisses Desinteresse?

Anja Besand:  Ich wäre schlecht beraten, wenn ich keine Einflussmöglichkeiten sähe. Mir ist sehr wichtig und deshalb wiederholen wir das sehr oft, dass das Missverständnis ausgeräumt wird, Lehrerinnen und Lehrer müssten sich 'neutral' verhalten. Das ist nicht der Fall! Paragraph 1 der Schulgesetzgebung macht ganz klar, worin der Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schulen besteht und dass demokratische Werte vermittelt werden müssen.
Auch der 'Beutelsbacher Konsens', der immer wieder erwähnt wird, enthält das Wort 'Neutralität' überhaupt nicht. Er sagt, Lehrer müssen kontrovers in der Schule diskutieren. Das heißt aber nicht, dass wir jede antidemokratische Äußerung kommentarlos über uns ergehen lassen müssen. Im Gegenteil: Wir müssen widersprechen. Das ist ganz wichtig. Eine Stärkung der Lehrer ist wichtig. Wir sehen da sehr positive Wirkungen, wenn die Schulleitung eindeutig ist an der Stelle. Wenn sie den Kolleginnen und Kollegen den Rücken stärkt, wenn man sich darüber verständigt, was das Problem ist und wann man handeln will.

Was ist der Beutelsbacher Konsens? Der Konsens wurde 1976 formuliert nach einer Expertentagung im schwäbischen Beutelsbach. Darin geht es um drei grundsätzliche Regeln für die pädagogische Praxis bei der formalen politischen Bildung.

Zum einen gilt ein Überwältigungsverbot, also kein Überrumpeln oder Indoktrinationen der Schüler.

Desweiteren sollten kontroverse Positionen in Wissenschaft und Politik beachtet werden und im Unterricht vorkommen. Herkunft und persönliche Standpunkte des Lehrers sind dabei uninteressant, weil entgegenstehende andere Ansichten zum Zuge kommen.

Schüler sollen befähigt werden, in politischen Situationen ihre eigenen Interessen zu analysieren.

Quelle: Hans-Georg Wehling in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Pol. Bildung, 45/2002

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Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 12.06.2019 | 19:00 Uhr

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