Jubiläum Frauenkirchen-Organist erinnert sich an Weihe vor 15 Jahren

Am Freitag jährt sich die Weihe der Dresdner Frauenkirche zum 15. Mal. Samuel Kummer ist seit dem 30. Oktober 2005 Organist der Frauenkirche. Sachsenradio-Moderator Andreas Berger hat mit ihm über das Jubiläum gesprochen.

Samuel Kummer
Bildrechte: Thomas Schlorke

Für mich war das damals tatsächlich ein ganz besonderes Ereignis, weil ich als einziger ARD-Hörfunk-Reporter in der Kirche dabei sein durfte. Wie war es für Sie? Ist Ihnen der 30. Oktober 2005 noch genau in Erinnerung?

Samuel Kummer: Oh ja, ziemlich gut sogar. Vor mir standen im Prinzip zwei Konzerte an den Abenden 30. und 31. Oktober um 22:00 Uhr bis 23:30 Uhr jeweils. Sie können sich natürlich vorstellen, wieviel Leute sich für diese Konzerte interessiert haben. Wir wussten gar nicht, wie wir der Anfragen Herr werden sollten und haben tatsächlich in der Nacht vom 30. auf den 31. quasi bis in die Morgenstunden hinein die Orgel erklingen lassen. Dazu hatten wir noch zusätzliche Organisten eingeladen, an diesem wunderbaren Projekt teilzunehmen.

Sie stammen eigentlich aus Baden-Württemberg, sind 2005 erst nach Dresden gekommen, weil Sie als Organist an die Frauenkirche berufen wurden. Haben Sie es je bereut?

Nein! Zu keiner Zeit. Weil dies hier ein Ort ist, an dem ich mich künstlerisch so betätigen kann, wie ich es eigentlich wollte: An der Orgel die ganze Literaturbandbreite spielen können und in gleicher Weise improvisieren - in allen Stilen, die man sich im Prinzip denken kann. Also es ist mir gegeben, stilgebunden zu improvisieren - von Renaissance bis heute - da gibt es eigentlich keine Grenzen und ich bin natürlich sehr glücklich mit der Kern-Orgel in der Frauenkirche ein Instrument zu haben, dass diese Breite in einer Weise abdeckt, wie es keiner zu denken gewagt hätte.

Sind denn jetzt alle Debatten, die es vorher gab, weil keine Silbermann-Orgel eingebaut wurde, verebbt?

Naja, sagen wir so, es gibt natürlich viele Leute, die den einen oder anderen Artikel gelesen haben und ich habe gesehen, es gibt natürlich auch noch von diversen seriösen Zeitungen Artikel, die auch heute noch im Internet abrufbar sind - das geht zurück bis ins Jahr 2002. Ich will da gar nicht zu sehr ins Detail gehen. Aber ich kann dazu nur sagen, diejenigen die diese Orgel im Vorfeld im Brustton der Überzeugung abqualifiziert haben, sind im Prinzip durch die Kunst von Daniel Kern heute Lügen gestraft. Ich habe Organisten aus aller Welt zu Gast, die spielen gemischte Programme von Vor-Bach bis meinetwegen Widor, die sind restlos begeistert - ausnahmslos - und so geht es mir eben auch. Mir wird es mit dieser Orgel nie so, dass ich sage, ich bin hier oder da begrenzt, sondern es ist einfach ein Glück und da möchte man doch nicht weg.

Trotz der Alltäglichkeit für Sie: Hat es noch etwas von Erhabenheit, wenn Sie sich ans Manual setzen?

Ja. Dieses Gefühl wird mich vermutlich auch nie verlassen. Also dieser Raum bei Nacht, wenn es still ist, das ist unfassbar schön.

Mal abgesehen von Corona: Die Frauenkirche ist nach wie vor ein Muss für alle Touristen. Schmerzt es Sie da manchmal, dass ihre eigentliche Bestimmung als Gotteshaus in den Hintergrund tritt?

Sagen wir so: Wir müssen das Beste daraus machen. Das ist nicht immer ganz einfach. Es ist ein großer logistischer Aufwand, dass Probezeiten möglich sind. Auch bei geschlossener Kirche, wo man wirklich auch den Raum mal hören kann. Zum anderen würde ich aber schon sagen, die Gottesdienste, die wir feiern, die sind wirklich unberührt von dem touristischen Rummel. Die Leute kommen in die Kirche, sind aufmerksam und nehmen es dankbar an. Natürlich haben wir bei so einer Bandbreite von Besuchern zwischendurch auch mal Leute, die sich vielleicht im Gotteshaus nicht immer ganz angemessen verhalten, aber damit haben wir gelernt umzugehen. Alle sind herzlich eingeladen.

Sie haben ja nun ohnehin einen besonderen Arbeitsplatz: 20 Meter über den Menschen beginnt die Orgel und knapp unter der Decke endet sie. Gibt es dennoch im weiten Kirchenrund einen Platz, an dem Sie besonders gern zuhören? 

Es gibt einige Stellen in der Kirche, wo man eine ganz besondere Perspektive auf den Altarraum - auch über die Bänke hinweg - hat. In Orgelkonzerten sitze ich ganz gern an einem Platz relativ weit hinten, nicht ganz in der Mitte, sondern seitlich von einem der acht großen Pfeiler. Man hört dort einfach sehr schön und ist auch ein bisschen unter sich.

Ansonsten besuche ich ja auch hier und da Konzerte, die nicht Orgelkonzerte sind, sondern sinfonische oder kirchenmusikalische Konzerte und da sitze ich sehr gerne auch mal in der Betstuben-Empore, weil man da besonders gut hört an bestimmten Stellen.

91 Meter hoch ragt die Frauenkirche über dem Neumarkt. Wiederentstanden als Zeichen, dass sich Menschen über die Zerstörung erheben können - als Denkmal für den Frieden. Hat sie für Sie die Bedeutung nach wie vor?

Ja unbedingt - ein Denkmal gegen den Krieg. Ich finde schon, dass so wie die Frauenkirche aufgebaut ist, hat's durchaus seine Berechtigung. Sehen Sie, wenn Sie sich die Frauenkirche genauer anschauen, sowohl außen als auch innen, was sofort auffällt, sind die schwarzen Steine. Diese bewahren ja nach wie vor diesen Mahnmalcharakter. Es sind die Wunden, die diesem Ort zugefügt wurden und auch letztlich als Mahnmal noch weiter existieren. Im Inneren haben wir ja auch den Altar, den man zum Teil bruchstückhaft gelassen hat, und er hat eine ganz besondere Ausstrahlung.

Vielen Dank für das Gespräch.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 26.10.2020 | 21:45 Uhr in "Aufgefallen"

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