02.07.2019 | 13:55 Uhr Kampfmittel-Experte Fricke: Belastung der Wälder mit Munition ist "sehr hoch"

Der Waldbrand auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz bei Lübtheen in Mecklenburg-Vorpommern hat sich am Dienstag auf eine Fläche von 600 Hektar ausgeweitet. Das Gebiet ist mit Munition belastet, was die Löscharbeiten erheblich erschwert. Die Einsatzkräfte müssen aus Sicherheitsgründen 1.000 Meter Abstand zum Feuer halten, auch aus der Luft. MDR SACHSEN hat mit dem Geschäftsführer der Sprengschule Dresden, Günter Fricke, über die Gefahren von Altmunition in Wäldern gesprochen.

Ein Mann mit einem blauen Polohemd.
Günter Fricke ist Geschäftsführer der Dresdner Sprengschule und Dozent für Kampfmittelbeseitigung. Bildrechte: MDR Sachsenspiegel

Herr Fricke, derzeit brennen munitionsbelastete Wälder. Welche Gefahren entstehen dort?

In der Munition befinden sich Explosivstoffe unterschiedlicher Art, die alle auf verschiedene Art und Weise, zum Beispiel auch durch Feuer, detonieren können oder einfach nur abbrennen. Je nachdem, um welchen Stoff es sich handelt.

Wie hoch ist die Belastung durch Munitionsreste in deutschen Wäldern?

Die Belastung ist sehr hoch. Wir müssen davon ausgehen, dass wir viele militärisch genutzte Liegenschaften, also Truppenübungsplätze haben, die seit zirka 150 Jahren beübt werden und die jetzt nach und nach, auch mit der Verkleinerung der Bundeswehr oder dem Abzug von ausländischen Streitkräften, freigegeben werden. Die können nicht einfach so freigegeben werden, sondern die müssen vorher kampfmittelfrei sein.

Gibt es genügend Personal für die Kampfmittelbeseitigung?

Personal gibt es genug, aber es ist nicht so, dass ich mit 1.000 Leuten mehr schaffen kann als mit 100. Optimal natürlich schon, aber man muss es alles organisiert ablaufen lassen. Die Belastung der Truppenübungsplätze ist aber sehr unterschiedlich. Es gibt Rand- und Sicherheitsgebiete. Dann gibt es Bereiche, wo die Soldaten üben, aus denen heraus geschossen wird und Bereiche, die das reine Zielgebiet darstellen. Die sind wahrscheinlich am größten belastet.

Wie groß ist die Aufgabe für die Kampfmittelberäumung in Deutschland?

Die Größe dieser Aufgabe ist sehr schwer einzuschätzen. Der ehemalige brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm hat mal in einer Rede gesagt, es wird ungefähr noch 400 Jahre dauern. Das ist eine Zahl die aufgrund der Belastung und der möglichen Räumaufgabe ermittelt wurde. Diese Zahl würde ich so nicht in den Raum stellen. Aber was wir wissen müssen: Es ist auf jeden Fall eine generationenübergreifende Aktion. Das ist nicht heute und nicht morgen erledigt. Der Truppenübungsplatz Lübtheen würde beispielsweise, wenn er so wie bisher beräumt werden würde, mit den zur Verfügung stehenden Mitteln, etwas 80 bis 120 Jahre dauern.

Günter Fricke | Sprengschule Dresden Die Sprengschule Dresden ist eine staatlich anerkannte Bildungseinrichtung. Das Unternehmen bietet unter anderem Aus- und Weiterbildungen im Bereich Kampfmittelbeseitigung, Sprengtechnik und Pyrotechnik an und kann auf eine mehr als 50-jährige Geschichte zurückblicken. Günter Fricke ist einer von zwei Geschäftsführern und Dozent im Fachbereich Kampfmittelbeseitigung.

Das Interview führte Tobias Wilke.

Eine Aufgabe für Generationen: Im Munitionszerlegungsbetrieb Kummersdorf

Im Naturpark "Döberitzer Heide" wie im gesamten Land Brandenburg findet sich auch heute noch jede Menge Munition. Die wird u.a. im Munitionszerlegungsbetrieb Kummersdorf/Gut gelagert, zerlegt und gesprengt.

Munitionszerlegung
Die Hinweise auf dem Schild sollte man unbedingt befolgen! Eingang zum Munitionszerlegungsbetrieb Kummersdorf/Gut. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Munitionszerlegung
Die Hinweise auf dem Schild sollte man unbedingt befolgen! Eingang zum Munitionszerlegungsbetrieb Kummersdorf/Gut. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Zuständig für das Auffinden und Räumen von Bomben, Grananten und Munition ist hier in Brandenburg der Kampfmittelbeseitigungsdienst der Polizei. Er liefert seine "Beute" dann in Kummersdorf ab. Wie man sieht, sind die Container gut gefüllt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Granatenschrott. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Für manches, wie diese Raketenteile, sind die Container zu klein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Auch dafür taugt der Schrott: Kunst auf dem Freigelände des Munitionszerlegungsbetriebes. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Klaus Schulze vom Betrieb zeigt uns, dass es in den Hallen noch viel mehr zu sehen gibt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Auch hier Körbe und Container. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Zum Beispiel mit teilweise geschmolzenen Feuerwaffen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Auch wenn das, was in der Kiste liegt, ein wenig aussieht wie Kartoffeln. Es handelt sich doch um Handgranaten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Sehen auch verrostet noch ziemlich gefährlich aus: Sprengköpfe. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Gibt es in Hülle und Fülle: Patronen alle Kaliber. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Nicht an allen Geschossen hat der Zahn der Zeit schon so genagt, dass sie rostbraun sind. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Solche Bomben werden auf dem Sprengplatz des Betriebes in die Luft gejagt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Das hinterlässt sichtbare Spuren ... Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Quelle: MDR/ms

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 02.07.2019 | 19:00 Uhr

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