Kretschmer lädt Putin ein
Michael Kretschmer (li.) und Wladimir Putin während ihres Treffens in St. Petersburg. Bildrechte: dpa

08.06.2019 | 21:14 Uhr Scharfe Kritik an Kretschmers Russland-Kurs

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer ist nach Russland gereist, um die Wirtschaftsbeziehungen mit dem Land wieder zu intensivieren. Bei einem Treffen mit Präsident Wladimir Putin lud er ihn nach Dresden ein und sprach mit ihm über den Ukraine-Konflikt. Kein Verständnis für diesen Kurs hat der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger. Er kritisierte Sachsens Ministerpräsidenten scharf.

Kretschmer lädt Putin ein
Michael Kretschmer (li.) und Wladimir Putin während ihres Treffens in St. Petersburg. Bildrechte: dpa

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer hat den russischen Präsidenten Wladimir Putin nach Dresden eingeladen. Ein Regierungssprecher erklärte, beide Politiker hätten sich am Rande des Internationalen Wirtschaftsforums in St. Petersburg getroffen. Bei dem Gespräch sei es vor allem um die Wirtschaftssanktionen gegen Russland und die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 gegangen. Kretschmer habe auch die Ukraine-Krise angesprochen, sagte Regierungssprecher Ralph Schreiber.

Kretschmer: Russland ist strategischer Partner

Kretschmer hatte schon im Vorfeld des Treffens für ein Ende der Wirtschaftssanktionen und für bessere Beziehungen zu Russland geworben und den Bau der Ostsee-Pipeline befürwortet. "Russland ist für Deutschland ein strategischer Partner in Fragen der Wirtschaft und des Technologietransfers", sagte er. Man müsse alles dafür tun, dass Russland seine europäische Orientierung behält und sich nicht an Partnern wie China oder Indien orientiert. Gerade für die ostdeutschen Länder mit ihren traditionellen Verbindungen zu Russland seien die Sanktionen ein großes Problem.

Putin hat eine besondere Beziehung zu Sachsen. Vor dem Fall der Mauer arbeitete er als Offizier des sowjetischen Geheimdienstes KGB in Dresden. Hier kam auch eine seiner Töchter zur Welt. Gern wird die Geschichte kolportiert, dass er im Restaurant "Am Thor" Bier trank - nach Berichten von Zeugen allerdings nur kleine Mengen. 2009 erhielt Putin den Orden des Dresdner Semperopernballs. Drei Jahre zuvor unternahm er bei einem offiziellen Besuch in Deutschland in Dresden spontan einen Spaziergang durch die Innenstadt und mischte sich unters Volk. Kretschmer schenkte Putin bei dem Treffen in St. Petersburg einen Bildband von Dresden und Radeberger Bier.

Sachsens Wirtschaft unterstützt den Ministerpräsidenten

Unterstützung bekam Michael Kretschmer für sein Vorgehen von der Vereinigung der Sächsischen Wirtschaft. "Mittelfristig muss es unser Ziel sein, über Dialog und vertrauensbildende Maßnahmen wieder zu einer verlässlichen Partnerschaft mit Russland zu kommen. Dafür ist es aber zwingend notwendig, dass sich die Bundeskanzlerin des Themas annimmt, es zur 'Chefsache' macht und der Dialog auf dieser Ebene fortgesetzt wird", sagte Sprecherin Sandra Lange. Nach Angaben des Verbands war Russland einst ein boomender Wachstumsmarkt für Sachsen. So verzeichneten die Exporte im Zeitraum von 2010 bis 2013 einen Anstieg um 86 Prozent. Mit den Sanktionen brachen auch die Exporte des Freistaats nach Russland ein. Hier musste die sächsische Wirtschaft im Zeitraum von 2013 bis 2018 einen Rückgang um 60 Prozent verkraften, während es in Deutschland insgesamt nur einen Rückgang von 32 Prozent gab.

Zustimmung gibt es auch von den Linken:

Ischinger: Holen Sie sich Rat, sonst schaden Sie deutschen Interessen

Kein Verständnis für die Forderungen des sächsischen Ministerpräsidenten hat hingegen der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger. Auf Twitter machte er seinem Ärger Luft und schrieb: "Herr Ministerpräsident, haben Sie einen außenpolitischen Berater? Falls ja, sofort feuern. Falls nein: das AA kann Ihnen sicher einen Fachmann vermitteln. Sie brauchen guten Rat, der auch garnicht teuer ist. Sonst schaden Sie sich selbst, und den dt außenpolitischen Interessen."

AKK: Kein Spielraum für Abschaffung der Sanktionen

Gegen ein Ende der Russlandsanktionen spricht sich auch CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer aus. Als Reaktion auf die Forderung von Michael Kretschmer sagte sie der "Bild am Sonntag": "Die Wirtschaftssanktionen sind die Reaktion auf das völkerrechtswidrige Verhalten der russischen Regierung auf der Krim und in der Ostukraine. Solange sich am russischen Verhalten dort nichts ändert, gibt es auch keinen Spielraum für eine Änderung in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit", so Kramp-Karrenbauer. Ähnlich äußerte sich auch der ehemalige CDU Europapolitiker Elmar Brok in der "Bild": "Wir können von Glück sprechen, dass Ministerpräsidenten nicht die Außenpolitik bestimmen." Er halte es für falsch, dass sich Manuela Schwesig und Michael Kretschmer gegen die Sanktionen ausgesprochen hätten. Wenn Putin das Völkerrecht einhalten würde, bräuchte man die Sanktionen nicht, sagte Brok.

Quelle: MDR/sth/dpa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 08.06.2019 | 06:00 Uhr in den Nachrichten

Bildergalerie Putin und Dresden

Von 1985 bis 1990 war Wladimir Putin als KGB-Agent in der damaligen DDR tätig. Als KGB-Hauptmann war er 1985 gekommen, im Rang eines Oberstleutnants zog er im Februar 1990 wieder ab. Doch er kam wieder, als Präsident.

Vladimir Putin mit seiner Frau Lyudmila und Tochter Katya, 1985.
Putin und seine Frau Ljudmila bekamen 1985 ihr erstes Kind Mariya. Kurz darauf zogen sie nach Dresden. Dort wurde 1986 die zweite Tochter Katerina geboren. Bildrechte: imago/ITAR-TASS
Vladimir Putin mit seiner Frau Lyudmila und Tochter Katya, 1985.
Putin und seine Frau Ljudmila bekamen 1985 ihr erstes Kind Mariya. Kurz darauf zogen sie nach Dresden. Dort wurde 1986 die zweite Tochter Katerina geboren. Bildrechte: imago/ITAR-TASS
Stasi Ausweis Putin
Russlands Präsident Wladimir Putin hatte bis zum Mauerfall auch einen Ausweis der Staatssicherheit der DDR. Jahrelang lag das Dokument unbemerkt im Archiv, bis es jüngst wiedergefunden wurde. Bildrechte: Stasiunterlagenbehörde Dresden
Putin in Dresden
Bei einem offiziellen Staatsbesuch in Deutschland sind der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder und Russlands Präsident Putin im September 2001 auch in Dresden zu Gast. Bildrechte: dpa
Putin in Dresden
Putin wird dabei auch vom damaligen sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf empfangen und durch den Zwinger geführt. Bildrechte: dpa
Putin in Dresden
Mit einem Handkuss bedankt sich Putin während des Spazierganges durch Dresden bei dem "Dresdener Schokoladenmädchen" für ein großes Schokoladenherz. Bildrechte: dpa
Putin in Dresden
Wladimir Putin bei einem Besuch im Oktober 2006 in Dresden. Bildrechte: dpa
Putin in Dresden
In einer Bäckerei auf dem Neumarkt gönnt sich der frühere KGB-Mitarbeiter Kaffee und Kuchen und liest eine Zeitung. Bildrechte: dpa
Putin in Dresden
10. Oktober 2006: Bundeskanzlerin Angela Merkel, Russlands Präsident Wladimir Putin und Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt enthüllen am Dresdner Elbufer ein Dostojewski-Denkmal. Die Bronze-Staue des russischen Dichters steht zwischen dem Sächsischen Landtag und dem Kongresszentrum. Bildrechte: dpa
Putin in Dresden
Während seines zweitägigen Aufenthalts besucht Putin auch das Grüne Gewölbe. Bildrechte: dpa
Putin in Dresden
Proteste am Rande des Putin-Besuchs 2006. Bildrechte: dpa
Stanislaw Tillich (Mitte, Deutschland/CDU/Ministerpräsident Sachsen) begrüßt mit Ehefrau Veronika Ministerpräsident Wladimir Putin (vorne re., Russland) zum Opernball in Dresden
2009: Putin ist Gast beim Semperopernball. Bildrechte: IMAGO
Putin in Dresden
Er erhält vom damaligen sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich einen Orden. Die Auszeichnung löste heftige Kritik aus. Bildrechte: dpa
Putin bei der Verleihung des "Sächsischen Dankordens"
Putin während seiner Rede beim Opernball. Bildrechte: IMAGO
Alle (13) Bilder anzeigen

AKTUELLES AUS SACHSEN

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

82 Kommentare

10.06.2019 19:37 Rene 82

Spannend zu lesen mit welcher Arroganz hier zum Teil ein Ministerpräsident angegriffen wird. Grundsätzlich sollte doch jedem bewusst sein das Herr Kretzschmar mit seiner Handlung lediglich den Dialog sucht. Wenn wir so mit den USA umgehen würden, wie derzeit mit Russland, dann bin ich nicht sicher ob der kluge Herr Präsident der USA sich so zurückhaltend verhalten würde , wie Herr Putin. Ich erkenne keinen schwerwiegenden Fehler von Herrn Kretzschmar. Dialog führte schon immer zu besseren.

10.06.2019 12:53 Theophanu 81

Auch von mir Lob und Hochachtung für MP Kretschmer! Ja, in Sachsen gibt es einen höheren Anteil an politischer Vernunft als in anderen Teilen Deutschlands. Am Aufheulen der Russlandfeinde (Ischinger, Brok und andere) sieht man, dass der russlandfreundliche Kurs Sachsens richtig ist- er findet eine klare Mehrheit in Sachsen.

10.06.2019 06:34 Kerstin Pollmer 80

Russland ist ein wichtiger Markt und natürlich zweifelsohne auch für uns in der Industrie in Europa ein Rohstofflieferant. Für die unsere Wirtschaft ist es wichtig, dass wir die Beziehungen erhalten und ausbauen.
Wenn wir uns vor Augen halten, dass China eine alte Seidenstraße wieder neu beleben will, dann geht das auch nicht ohne Russland

10.06.2019 06:11 peter 79

Ein grosses Lob für unseren MP!!! Hier hat er sich mal getraut.
Der Aufschrei ist groß und sehr verwunderlich.
Auch der der Letzte sollte aus der Geschichte gelernt haben, dass Russland nicht mit irgendwelchen Sanktionen oder anderen sinnlosen Maßnahmen zu ärgern ist. Gerade, wir Deutschen sollten uns ganz stark zurückhalten!!!!
Wir brauchen die Russen und es geht um eine sinnvolle gemeinsame Zusammenarbeit.
Gute Aktion, Herr Kretschmer! Weiter so!!!

09.06.2019 23:30 Jürgen Förster 78

Seit wann vertritt Ischinger deutsche Interessen?
Mir kommt er eher wie ein Cheerleader des transatlantisch- industriellen Rüstungskomplex vor.

09.06.2019 20:44 Querdenker 77

Wir befinden uns im Superwahljahr, man merkt es. Ich glaube, er wird damit keinen so großen Erfolg haben. Zumal er dafür auch scharf kritisiert wurde.

siehe „mdr Ist die AfD die neue Heimat für Russlanddeutsche?“

Zitat: „So meint die Osteuropa-Journalistin Gemma Pörzgen im MDR-Interview, einige Russlanddeutsche hätten sehr konservative Ansichten und fänden sich im Weltbild der AfD leichter wieder als in der CDU und in deren Modernisierungskurs der letzten Jahre.“

09.06.2019 19:10 Werner 76

@11:36 Carolus Nappus 71: ".. mehr als 40 Jahre gedauert, bis die sowjetischen Befreier wieder von ihrer Beute abgelassen haben." Um im gleichen Jargon zu bleiben, naja, und die anderen Befreier sind noch alle zusammen da, und haben sich sogar noch eine Menge dazu geschnappt - jetzt mal ganz unabhängig von den anderen Beutejägern und Plattmachern aus, und mit Hilfe einer Gesellschaft, die sich in der Öffentlichkeit über die Medien erfolgreich, als sowas wie "treu" darstellen konnte - also, "treu" waren die eigentlich schon, aber... Dazu gibts beim Mitteldeutschen Rundfunk schöne Doku´s, und eine Forderung nach Aufarbeitung, mit Offenlegung der strengstens geheimen Akten. Der September 2019 ist ein ganz besonderer Monat- aber nicht wegen der LT-Wahlen, sondern dem 1. September - Trump hat noch was vor, was er im April 18 vor der UN versprochen hatte - mit der Beute.

09.06.2019 18:30 A 75

Was mich immer stört ist, dass Herr Putin vor Jahren hochverehrt den Semperopernorden in Dresden erhielt, dann nach der Ukrainekrise und Krimproblematik das Embargo.
Auf- und Abwärts in den Beziehungen. Kretschmer hat recht, es muss Beziehungen geben und auch die USA beunruhigen mich, insbesondere die Aufkündigung des Iran- Atomabkommens. Keine guten Gedanken in meinem Kopf zu dieser Problematik.

09.06.2019 18:19 Frederic 74

Was soll diese künstliche Aufregung - dass sich Herr Kretschmer sich mit Herrn W- Putin getroffen hat. Mir selbst, ist ein Herr Putin lieber als diese Merkel u. Co. So ist mir auch Russland lieber, als der Kriegeverursacher USA,
Herr Kretschmer machen Sie so weiter, der Erfolg wird Ihnen für Ihr Handeln recht geben.

09.06.2019 16:59 Dr.Martin Kummer Deutsch Russische Freundschaftsgesellschaft in Thüringen e.V. 73

Sehr geehrter Herr Kretschmer,
als NGO begrüßen wir die von Ihnen angestoßene Diskussion.
Unsere Erfahrungen aus zivilgesellschaftlichen Projekten mit der Ukraine und der Russischen Föderation (Duales System,Inklusion,Gewerkschaften) zeigen , der Dialog muss ausgebaut und zum Frieden in der Region führen.
Warum werden die sog. Sanktionen der EU jährlich am 22.Juni verlängert?
Wir Deutschen sollten hier mit der Umkehr beginnen !

Mehr aus Dresden und Radebeul

Mehr aus Sachsen