26.11.2019 | 17:00 Uhr Kunsthistoriker zum Juwelendiebstahl: "Wir müssen in großer Sorge sein"

Sie suchen verschwundene Kunst, finden Raubkunst und geben sie den Besitzern zurück. Dabei kommen Herkunftsforscher auch mit der Unterwelt in Berührung. MDR SACHSEN hat zwei Raubkunst-Experten gefragt, wie sie den Kunstraub in Dresden einschätzen: Christian Fuhrmeister vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte München und den Juristen und Provenienzforscher Willi Korte in Washington. Bekannt wurde Korte, als er den Quedlinburger Domschatz in den USA fand und nach Sachsen-Anhalt zurückbrachte.

von Kathrin König

Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)

Frage: Was dachten Sie zuerst, als Sie vom Kunstraub im Grünen Gewölbe hörten?

Christian Fuhrmeister: Mein erster Gedanke war: Wie kann denn so etwas passieren? In Dresden gibt es so edle Kostbarkeiten, die müssen doch besser geschützt werden?! Andererseits rufen Sicherheitsvorkehrungen gerade kriminelle Energien hervor, dass man die Sperren überwinden will.

Willi Korte: Mir ging durch den Kopf: Warum geht das Licht nicht an, damit die Kameras die Täter richtig aufnehmen können? Wo sind die Bewegungsmelder? Wie kann man überhaupt so da einbrechen?

Was denken Sie, wer hinter der Tat steckt?

Dr. Christian Fuhrmeister arbeitet in München am Zentralinstitut für Kunstgeschichte
Kunstexperte Christian Fuhrmeister. Bildrechte: Zentralinstitut für Kunstgeschichte München

Christian Fuhrmeister: Nach dem Wenigen, das ich gesehen habe, wirkte die Gewaltanwendung beim Zerstören der Vitrine beinahe archaisch. Ich glaube, die sächsische Geschichte spielt für die Diebe keine Rolle. Sie wollten sicher nicht den Kunstsinn der sächsischen Fürsten in Frage stellen. Es könnten Kleinkriminelle sein, die sich die Tat gut überlegt haben mit Feuerlegen am Stromkasten, dann der Kurzschluss, die Gewalt beim Eindringen ins Museum und ihr Vorgehen mit der Axt. Sie hatten nicht mal einen Trennschleifer dabei.

Die gestohlenen Stücke sind so unverwechselbar. Der Raub hat keinen Sinn, wenn man die Stücke so verkaufen will. Die Stücke sind zu bekannt. Andererseits kann man auch nicht immer mit schlauen Dieben rechnen.

Willi Korte: Das waren offensichtlich Profis. Kunstdiebstähle werden immer wieder von recht gut organisierten Einbrecherbanden vom Balkan oder mit osteuropäischen Hintergrund verübt. Das ist sehr auffällig. Ja, sie hätten besser ausgestattet sein können. Aber sie waren in der Lage, Gitter zu zerschneiden und die Elektrik auszuschalten. Sie agierten erfolgreich, was für organisierte Kriminalität spricht.

Eine dunkle Gestalt hat eine Taschenlampe in der Hand, funzelt damit in einem Museumsraum herum und hackt dann mit einer Axt auf die Glasvitrine ein.
Eine Videokamera filmte einen der Einbrecher, als er mit einer Axt auf das Sicherheitsglas einer Vitrine einschlug. Bildrechte: Polizei Dresden/Screenshot

Was machen die Diebe jetzt mit der Beute?

Willi Korte, Provenienzforscher des Stern-Projekts.
Willi Korte gilt als erfolgreicher Provenienzforscher und Kunstmarktdetektiv. Bildrechte: dpa

Willi Korte: Wir müssen in großer Sorge sein, dass sie die Steine auseinanderbrechen und die Juwelen als Einzelstücke in der Unterwelt verkaufen. Das waren ja keine Gelegenheitsdiebe. Die sind geplant vorgegangen. Man beschränkt sich beim Verkauf dann auf den Materialwert. Wissen Sie, Kunstexperten und Besucher sehen immer den kunsthistorischen Wert solcher Kronjuwelen. Kriminelle denken so nicht.

Christian Fuhrmeister: Ja, sie könnten die Steine aus den Fassungen lösen, umschleifen und als Rohmaterial verkaufen über Hehler und Zwischenhändler.

Museumsdirektor Dirk Syndram sagt, es wäre eine Dummheit, die Schmuckstücke auseinanderzubrechen. Wie sehen Sie das?

Christian Fuhrmeister: Vielleicht erkennen die Hehler die gestohlenen Steine, aber ob sie daran Anstoß nehmen? Immerhin reden wir in so einem Fall über Geld. Der Materialwert ist aus Sicht der Diebe auch Geld. Insofern kann es auch sein, dass die Kostbarkeiten schon 24 Stunden später zerstückelt worden sind. Dann gibt es Besessene, die wollen Objekte unbedingt besitzen oder zerstören. Die beauftragen Banden mit dem Diebstahl. Der Kunstmarkt kennt das von Ölgemälden und Werken der klassischen Moderne. Diese kriminellen Kunstsammler stören sich nicht daran, dass die gestohlene Kunst unverkäuflich ist.

Was sind das denn für Menschen?

Christian Fuhrmeister: Es gibt Objekte, die werden von Ölscheichs, russischen Oligarchen, Kunstsammlern oder sonst wem begehrt. Das Motiv, etwas haben zu wollen, kann sehr vielfältig sein.

Willi Korte: Von diesem James-Bond-Thema halte ich nicht viel. Man kennt die Geschichten von alten Oligarchen oder Scheichs, die nur sich selbst bereichern wollen. Aber solch ein Besitz spricht sich rum.

Und was ist mit Erpressungsversuchen? Kann es nicht sein, dass die Schmuckstücke dem Grünen Gewölbe bald angeboten werden?

Willi Korte: Ein Erpressungsversuch wäre das Vernünftigste. Aber dafür braucht es Kontakte. Die Diebe müssen Kommunikationskanäle aufbauen und verhandeln. Das war beim Quedlinburger Domschatz auch so. Sie brauchen meistens einen Anwalt, der sie als Klienten vertritt. Den müssen sie erst einmal finden. Dann muss die Geldübergabe organisiert werden. Es geht meist um Millionen, die man nicht aufs Girokonto überwiesen haben will. Das Geld kann also nur im Koffer transportiert werden. Die meisten Täter fliegen bei Erpressungen auf.

Christian Fuhrmeister: Die Art des Einbruchs, das Vorgehen und die Brutalität widersprechen meiner Meinung nach einer solchen langfristig angelegten überlegten Strategie. Aber das ist Spekulation. Es kann sein, dass man bald die Kunstschätze in einem Mülleimer findet. Es kann auch sein, dass sie in den nächsten Jahrzehnten weg sind.

Warum?

Christian Fuhrmeister: Es passiert immer wieder, dass gestohlene Schätze in Privatbesitz kommen und dort verbleiben. Zwei, drei Generationen später überlegen sich die Erben dann, das wieder zu verkaufen. Ich kann mir auch vorstellen, dass man 15, 20 Jahre lang abwartet und den Schmuck auf Umwegen wieder verkaufen will.

Willi Korte: Es gibt Täter, die warten viele Jahre ab. Aber im Dresdner Fall scheint mir das unrealistisch, weil die Juwelen auch noch in 100 Jahren bekannt sein werden. Aber auseinandergebrochen in kleinen Teilen sieht die Sache für die Unterwelt anders aus. An ein Wiederfinden im Mülleimer glaube ich nicht. Das kennt man von Gemälden. Wir sprechen hier jedoch von Kleinodien, die man in der Hosentasche transportieren kann.

Bildergalerie Diese Kostbarkeiten verschwanden aus der Vitrine im Grünen Gewölbe

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden haben nun mitgeteilt, welche Schmuckstücke am Montagmorgen gestohlen worden. Für die Schäden haftet der Freistaat, eine eigene Versicherung gibt es nicht.

Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Das Juwelenzimmer in der Schatzkammer des sächsischen Kurfürsten mit der Schmuckvitrine, als sie noch vollständig war. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Das Juwelenzimmer in der Schatzkammer des sächsischen Kurfürsten mit der Schmuckvitrine, als sie noch vollständig war. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Diamantrosengarnitur
Die Diamantrosengarnitur Überblick über alle Teile der Diamantrosengarnitur Bildrechte: SKD, Jürgen Karpinski
Degen (Diamantrosengarnitur)
Diamantrosengarnitur Degen aus der Diamantrosengarnitur Bildrechte: Grünes Gewölbe, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Jürgen Karpinski
Zwei gewölbte Schuhschnallen aus der Diamantrosengarnitur
Diamantrosengarnitur Zwei gewölbte Schuhschnallen aus der Diamantrosengarnitur Bildrechte: Grünes Gewölbe, Staatliche Kunstsammlungen Dresden; Jürgen Karpinski
Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Diamantrosengarnitur Kleinod des Polnischen Weißen Adler-Ordens: Er trägt 225 größere und kleinere Diamanten. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Diamantrosengarnitur Hutagraffe: Der Diamant in der Schleife oben hat 24,98 Karat. Der Mittelstein unten in der Rosette zeichnet sich durch 16,5 Karat aus. Die Hutkrempe besteht aus 13 großen und 103 kleineren Diamanten, aus Silber und Gold. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Große Diamantrose (Diamantrosengarnitur)
Diamantrosengarnitur Große Diamantrose Bildrechte: Jürgen Karpinski
Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Diamantrosengarnitur Achselschleife (Epaulette) - Teilstück vorhanden: Das Schmuckstück trägt 20 große und 216 kleine Diamanten, besteht aus Gold und Silber. Die größte Diamantrose in der Mitte der Doppelschleife hat 31,5 Karat. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
10 Rockknöpfe aus der Diamantrosengarnitur
Diamantrosengarnitur 10 Rockknöpfe aus der Diamantrosengarnitur (einzelne erhalten) Bildrechte: Jörg Schöner
Brillantgarnitur
Brillantgarnitur Überblick über die Brillantgarnitur Bildrechte: SKD, Jürgen Karpinski
Hutschmuck, sogenannter Reiherstutz aus der Brillantgarnitur
Brillantgarnitur Hutschmuck, sogenannter Reiherstutz Bildrechte: Jürgen Karpinski
Epaulette mit dem sog. "Sächsischen Weißen" aus der Brillantgarnitur
Brillantgarnitur Epaulette mit dem sog. "Sächsischen Weißen" Bildrechte: Jürgen Karpinski
Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Brillantgarnitur Bruststern des polnischen Weißen Adler-Ordens Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Diamantschmuck und die Perlen der Königinnen
Diamantschmuck und die Perlen der Königinnen Bildrechte: SKD, Jürgen Karpinksi
Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Diamantschmuck und die Perlen der Königinnen Diese große Brustschleife gehörte Königin Amalie Auguste. Der Schmuck stammt aus dem Jahr 1782 und trägt 51 große und 611 kleine Brillanten. Die Steine werden von Gold- und Silbereinfassungen gehalten. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Diamantschmuck und die Perlen der Königinnen Aigrette für das Haar in Form einer Sonne Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)
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Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 26.11.2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. November 2019, 17:00 Uhr

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