23.05.2020 | 15:14 Uhr Aufruhr in Radebeul: Kunstpreisträger wollen Auszeichnung zurückgeben

Nach der Wahl des umstrittenen Lyrikers Jörg Bernig zum Kulturamts-Chef in Radebeul ist die Kulturszene der Stadt in Aufruhr. Vier Kunstpreisträger drohen mit der Rückgabe ihrer Auszeichnung, sollte er ins Amt kommen. Zudem kursiert ein offener Brief, in dem Kulturschaffende "Entsetzen und Unverständnis" über die Wahl äußern. Bernig, der als Vordenker der neuen Rechten gilt, stehe "im Widerspruch zu all dem", was "die Radebeuler Kulturlandschaft seit Jahrzehnten prägt und einzigartig macht".

Jörg Bernig, 20002
Bildrechte: dpa

Es sei, sagt Helmut Raeder, eine "symbolische Handlung", die gleichwohl ein klares Zeichen setzen solle: Er werde, sagt der Kunstpreisträger der Stadt Radebeul von 2011, seine Auszeichnung zurückgeben. Ebenso wie die Schauspieler Friedrich-Wilhelm Junge (2003), Herbert Graedtke (2006) und der Jazzschlagzeuger Günther "Baby" Sommer, Preisträger 2003. Sie alle wollen ihre Preise nicht mehr und werten es als Affront, was der Radebeuler Stadtrat am Mittwochabend in geheimer Wahl beschlossen hat. Tatsächlich zurückgeben wollen sie ihre Preise, wenn Jörg Bernig die Leitung des Kulturamtes der Stadt übernimmt.

Vordenker der neuen Rechten

Gegen die Personalie regt sich seit der Wahl erheblicher Widerstand. Der 56-Jährige, der in Radebeul lebt und 2013 selbst mit dem Kunstpreis der Stadt ausgezeichnet wurde, gilt als einer der Vordenker der neurechten Szene und veröffentlicht unregelmäßig in deren Formaten. Darunter das nach eigener Definition neoreaktionäre "Tumult"-Magazin und die vom Aktivisten Götz Kubitschek verantwortete Zeitschrift "Sezession", deren herausgebende Organisation vom Bundesamt für Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall geprüft wird.

Zudem gehört Bernig zu den Erstunterzeichnern der "Erklärung 2018", einem gemeinsamen Aufruf rechtkonservativer Autoren, Publizisten, Künstler und Wissenschaftler, die sich gegen eine "Beschädigung Deutschlands" durch die Zuwanderungspolitik während der Zeit der Flüchtlingskrise 2015 wenden. In einem Essay für die "Sächsische Zeitung" hatte er sich bereits im Dezember 2015 öffentlich gegen die Zuwanderungspolitik der Bundesregierung gewandt, die er auch als "nach Deutschland gelenkte Massenmigration" und "massenhaftes Hereinwinken" bezeichnete.

Kulturszene in Aufruhr

Für Helmut Raeder lässt sich das nicht mit der Weltoffenheit und kulturellen Vielfalt vereinen, für die Radebeul seit Jahrzehnten stehe. Der 64-Jährige ist in der Stadt nicht irgendwer: Der Kulturmanager ist Künstlerischer Leiter der Radebeuler Kulturfeste, darunter die Karl-May-Festtage und das internationale Wandertheaterfestival. "Wir brauchen einen Amtsleiter, der das, was wir hier in jahrzehntelanger Arbeit aufgebaut und gestaltet haben, auch ideell mitträgt", sagt Raeder im Gespräch mit MDR SACHSEN. Und damit meint er mitnichten nur die Feste, sondern das Renommee Radebeuls.

Offener Brief mit scharfer Kritik

Textzeilen auf weißem Untergrund - offener Protestbrief
Auszug aus dem offenen Brief, der am Montag veröffentlicht werden soll. Bildrechte: MDR

Raeders Unterschrift steht auch unter einem offenen Brief "Radebeuler Kunst- und Kulturschaffender", der gerade in der Szene kursiert und der am Montag offiziell veröffentlicht werden soll. Der oder die Autoren und Autorinnen äußern darin "Entsetzen und Unverständnis" über die Wahl Jörg Bernigs zum neuen Kulturamtsleiter der Stadt. In dem Schreiben, das MDR SACHSEN vorliegt, heißt es, die Kultur sei eine "tragende Säule der Radebeuler Identität", die "weit über die Grenzen Radebeuls hinaus für dessen Bekanntheit und guten Ruf" sorge. Sie locke mit ihrer künstlerischen Vielfalt jährlich zehntausende Besucher aus Nah und Fern an, zögen internationale Künstler aus aller Welt in die Stadt und setzten so Zeichen für Offenheit und Gastfreundschaft.

Diesem "kulturellen Kleinod", heißt es in dem Schreiben weiter, werde nun "ausgerechnet Dr. Bernig entgegengesetzt". Der sei "ein Mann, der in den vergangenen Jahren vor allem mit politischen Äußerungen auf sich aufmerksam machte, der die deutsche Kultur - als gäbe es eine Definition für eine solche - vor schädlichen Einflüssen von außen bewahren möchte, dessen islamkritische Äußerungen Menschen pauschal verurteilen und der Wut und Hass in der Bevölkerung schürt." Bernig stehe damit "kurz gesagt, im Widerspruch zu all dem", was "die Radebeuler Kulturlandschaft seit Jahrzehnten prägt und einzigartig macht".

Das Dilemma des Oberbürgermeisters

Unter den gegebenen Umständen, schließt der Brief, sehe man sich daher "nicht in der Lage, unsere Ziele und Ideale als Kulturschaffende mit der Tätigkeit Dr. Bernings als Kulturamtsleiter in Einklang zu bringen." Dieses schriftliche Misstrauensvotum, auf dem sich im Laufe des Wochenendes nach Raeders Einschätzung noch etliche weitere Unterschriften sammeln werden, verschärft das Dilemma des Radebeuler Oberbürgermeisters Bert Wendsche. Der hatte sich, nachdem das Wahlergebnis aus dem nichtöffentlichen Teil der Ratssitzung bereits am Mittwochabend über soziale Medien bekannt geworden war und seitdem bundesweit für Aufsehen sorgt, am Freitag zu einer Pressemitteilung genötigt gesehen.

Aus der geht hervor, dass nicht Bernig, sondern eigentlich seine Mitbewerberin, eine Kulturamtsleiterin aus dem Erzgebirge, die "von der hauptamtlichen Verwaltung favorisierte Bewerbung" gewesen sei. Die Frau sei aber "auch nach umfangreichem Werben bei den Stadträten durch Oberbürgermeister Bert Wendsche nicht zum Zug" gekommen. Tatsächlich hatte sich der von der Radebeuler CDU-Fraktion ins Spiel gebrachte Jörg Bernig im zweiten Wahlgang knapp durchgesetzt. Er bekam 17 Stimmen, die Verwaltungs-Favoritin 15 Stimmen, zwei der zu diesem Zeitpunkt noch 34 anwesenden Stadträte enthielten sich.

Politische Debatte um Zusammenarbeit von CDU und AfD

Seitdem gibt es neben dem Aufruhr der Kulturschaffenden auch eine politische Debatte um das Wahlergebnis. Die Radebeuler Opposition spricht von einer "unrühmlichen Zusammenarbeit von CDU und AfD". Ihre Argumentation: Mit den neun Stimmen, die die CDU-Fraktion im Rat hat und den sechs Stimmen, über die die AfD im Radebeuler Stadtrat verfügt, sei schon der Löwenanteil der nötigen Stimmen für Bernigs Wahl zusammengekommen. Martin Oehmichen, der für die Grünen im Stadtrat sitzt, kritisiert unter anderem, dass Oberbürgermeister Wendsche trotz Kenntnis von der Brisanz der Texte Bernigs sein Einvernehmen mit der Wahl erklärt habe. Qua Amt steht Wendsche im Auswahlprozess ein Veto-Recht zu - von dem er übereinstimmenden Medienberichten zufolge bereits in vorigen Schritten der Bewerber-Auswahl Gebrauch gemacht hatte.

Wendsche kontert das in der Pressemitteilung und im Gespräch mit der Leipziger Volkszeitung: "Die hauptamtliche Verwaltung nimmt diese Entscheidung des Stadtrates mit Respekt zur Kenntnis", lässt er seine Pressestelle verbreiten. Und der Zeitung sagte er: "Es geht aber bei einer demokratischen Wahl nicht darum, ob ich den Kandidaten gut oder schlecht finde." Er wolle nun aber "eine Debatte anstoßen". Der nächste sich bietende Termin dafür ist der kommende Montag - dann trifft der Oberbürgermeister auf den Ältestenrat des Radebeuler Stadtrats.

Quelle: MDR/rad

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