16.01.2020 | 18:32 Uhr Trecker in der City: Bauern demonstrieren in Dresden und Leipzig

Landwirte aus Sachsen demonstrieren Freitagfrüh in Dresden und in Leipzig. Autofahrer müssen sich auf Behinderungen und Straßensperrungen einstellen. In Dresden fordert der Verein "Land-schafft-Verbindung" die Bauern zur Demo auf, in Leipzig die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft. Es geht um Nachhaltigkeit, faire Preise, Bodenbesitz und die neue Düngeverordnung.

Wegen einer Demonstration sächsischer Landwirte kommt es Freitagfrüh in Dresden zu teilweise erheblichen Verkehrsbehinderungen. Traktoren werden auf vier Routen, unter anderem über die B6 sowie die B170 ins Stadtzentrum fahren. Zwischen 5:30 Uhr und 6:30 Uhr ist deshalb die Carolabrücke für Autos voll gesperrt. Auf der Marienbrücke und der Albertbrücke steht in der Zeit zwischen 5:30 Uhr und 12 Uhr jeweils nur eine Fahrspur zur Verfügung. Der Verein "Land-schafft-Verbindung" in Sachsen erwartet etwa 750 Landwirtschaftsmaschinen und Traktoren sowie mehrere hundert Bauern in der Stadt, sagte Landwirt Marc Bernhardt auf Anfrage von MDR SACHSEN.

Kritik an schärferer Düngemittel-Verordnung

Landwirt Marc Bernhardt
Agraringenieur Marc Bernhardt ist Landwirt und Direktvermarkter in Freital-Somsdorf. Er hält 110 Milchkühe plus Nachzucht und bewirtschaftet 100 Hektar. Bildrechte: Bauernhof Marc Bernhardt

Die Bauern, die ihren Verein erst Anfang des Jahres gegründet haben, protestieren mit einem Traktorkorso unter anderem gegen die geplante Verschärfung der Düngemittel-Verordnung. Dadurch würde das Düngen auf den Feldern weiter eingeschränkt werden. Die Landwirte befürchten Ernteeinbußen und sehen sich als Sündenbock für zu hohe Nitratwerte im Grundwasser. Laut dem Verein "Land-schafft-Verbindung" ist die Nitratbelastung tatsächlich zu hoch, allerdings nur in manchen Regionen. Die Düngemittel-Verordnung sollte laut Landwirten daher nicht flächendeckend gelten, sondern nur in belasteten Regionen. Überdüngung, etwa mit Gülle, gilt als eine Ursache der Nitratbelastung.

Bernhardt sagte, man verstehe sich als der größte Vertreter der Landwirte in der Region und repräsentiere Betriebe unterschiedlicher Größe und Ausrichtung.

Bilderstrecke Großdemo der Landwirte gegen Agrarpolitik

Hupend und mit viel Geknatter rollen Hunderte Traktoren durch Dresden. Aus ganz Sachsen haben sich die Bauern mitten in der Nacht zur Protestaktion auf den Weg in die Landeshauptstadt gemacht.

Bauerndemo in Dresden
Kundgebung der Bauern am Freitagvormittag am Carolaplatz. Bildrechte: xcitepress
Bauerndemo in Dresden
Kundgebung der Bauern am Freitagvormittag am Carolaplatz. Bildrechte: xcitepress
Traktorkorso auf der Marienbrücke. Im Hintergrund ist die Yenidze zu sehen.
Auf der Marienbrücke haben die Bauern mit ihren Traktoren die Fahrspur in Richtung Altstadt blockiert. Bildrechte: xcitepress
Traktoren stehen auf zwei Fahrspuren der Marienbrücke.
Der Berufsverkehr ist durch die stehenden Landmaschinen beeinträchtigt worden. Bildrechte: xcitepress
Traktor mit Transparent fährt durch Dresden.
Bereits am frühen Morgen rollten die Traktoren auf verschiedenen Strecken durch die Dresdner Innenstadt und blockierten dabei mehrere Brücken. Bildrechte: MDR/xcitepress
Traktorschlange in Dresden.
Auf der Carolabrücke war kein Durchkommen. Sie wurde von einer Traktorenkolonne in Beschlag genommen. Bildrechte: xcitepress
Traktor mit Transparent in Dresden.
Sächsische Bauern aus der Region hatten sich in der Nacht auf den Weg nach Dresden gemacht. Bildrechte: Erik Hoffmann
Traktorenkolonne auf einer Straße in Dresden.
Ihr Protest richtet sich gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung. Bildrechte: Erik Hoffmann
Traktorenkolonne beim Regierungsviertel.
Die Landwirte befürchten unter anderem wegen der geplanten Verschärfung der Düngemittelverordnung Ernteeinbußen. Bildrechte: MDR/Florian Glatter
Traktoren mit Transparenten versehen rollen durch Dresden.
Die Düngemittelverordnung sollte laut Landwirten daher nicht flächendeckend gelten, sondern nur in belasteten Regionen. Bildrechte: MDR/Florian Glatter
Ein Polizist beobachtet die vorbeifahrenden Traktoren.
Seit 5 Uhr kommt es in Dresden an verschiedenen Stellen wegen der Traktoren zu Verkehrsbehinderungen. Bildrechte: Tino Plunert
Protestplakat an einem Traktor bei Nacht
An dem Protest in Dresden beteiligten sich laut Vereinigung "Land schafft Verbindung" etwa 2.000 Landwirte. Bildrechte: MDR/Florian Glatter
Protestplakat an einem Traktor bei Nacht
Lautstark waren die Traktorfahrer bereits früh in der Stadt unterwegs. Bildrechte: MDR/Florian Glatter
Traktoren auf nächtlicher Straße
Organisiert wurde diese ungewöhnliche Sternfahrt von der Vereinigung "Land schafft Verbindung". Bildrechte: MDR/Florian Glatter
Traktoren auf nächtlicher Straße
"Land schafft Verbindung" hatte sich jüngst gegründet, um die Interessen der Bauern besser durchzusetzen. Bildrechte: MDR/Florian Glatter
Protestplakat an einem Traktor bei Nacht
Auf der Marienbrücke und der Albertbrücke steht bis 12 Uhr jeweils nur eine Fahrspur zur Verfügung. Bildrechte: MDR/Florian Glatter
Traktoren auf einem Parkplatz vor dem Kaufland in Weißig aus der Vogelperspektive.
Traktoren auf einem Parkplatz vor dem Kaufland in Weißig aus der Vogelperspektive. Bildrechte: Rocci Klein
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Annäherungskurs mit grünem Landwirtschaftsminister

Bauer Marc Bernhardt kündigte an, die Landwirte suchten auch Kontakt zum neuen sächsischen Landwirtschaftsminister Wolfram Günther. Der Grünen-Politiker soll in einen Agrarbetrieb zu Gesprächen vor Ort eingeladen werden. Dort wollen sie dem Minister in Praxis zeigen, was ihre tagtäglichen Herausforderungen sind. Da Günther allerdings am Freitag zu Terminen in Berlin weilt, wird zunächst ein Staatssekretär die um ihre Zukunft besorgten Landwirte empfangen. Ein Ministeriumssprecher sagte MDR SACHSEN, man sei sehr am Dialog mit den Bauern interessiert. Viele von ihnen sind kritisch, nachdem das Landwirtschaftsministerium in Sachsen von der CDU an die Grünen gegangen ist.

Kartoffeln
Symbolisch verteilen Bauern in Leipzig Kartoffeln an Passanten. Bildrechte: dpa

AbL-Bauern verteilen Kartoffeln in Leipzig

Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) hat Bäuerinnen und Bauern mit ihren Traktoren zu einer Demonstration nach Leipzig aufgerufen. AbL-Geschäftsführer für Sachsen, Landwirt Clemens Risse, sagte, man wolle bei der Bevölkerung "für mehr Bäuerlichkeit, faire Erzeugerpreise und gute Lebensmittel" aus nachhaltiger Erzeugung werben. Dafür sollen ab 11:30 Uhr vor dem Gewandhaus auf dem Augustusplatz in Leipzig symbolisch Kartoffeln aus bäuerlicher Produktion verteilt werden. Die AbL vertritt Landwirte, die in traditionell kleinbäuerlichen Strukturen nachhaltig und klimaschonend produzieren - egal, ob biologisch oder konventionell.

In einigen Regionen ist in der Vergangenheit zu viel Tierhaltung ohne ausreichende Fläche entstanden. Deshalb ist der Umbau der Tierhaltung in Richtung Tierwohl und Flächenbindung auch für den Wasserschutz wichtig. Der Umbau der Tierhaltung kann aber nicht von den Betrieben allein finanziert werden, da ist die ganze Gesellschaft gefordert.

Clemens Risse, Bio-Landwirt

Eine verschärfte Düngeverordnung mache den AbL-Landwirten zwar weniger Sorgen, allerdings gebe es durchaus Schnittmengen mit ihren Kollegen vom Verein "Land-schafft-Verbindung", so Risse. So fordern auch sie mehr Wertschätzung ihrer Arbeit und ihrer Erzeugnisse. Der Handel und die Verbraucher müssten vernünftige Preise bereit sein zu zahlen, damit die Landwirte auch verantwortungsbewusst, tier- und umweltschonend produzieren können. Äcker dürften nicht zu einem Spekulationsobjekt von nicht selten branchenfremder Investoren werden, da sie die Grundlage der Arbeit der Bauern sind.

Spaltung zwischen Gesellschaft und Landwirten

Ein junger Landwirt füttert braune Kühe mit Stroh
Clemens Risse betreibt Ackerbau und Viehzucht nach Demeter-Standard. Er bewirtschaftet rund 40 Hektar Land und hält rund 20 Rinder. Auch er ist Direktvermarkter. Bildrechte: MDR/L. Müller

Risse sagte, die bisherige Agrarpolitik der Bundesregierung habe zu einer Spaltung zwischen Bauern und anderen Teilen der Gesellschaft geführt. "Jahrzehntelang sollten wir Bauern zu möglichst billigen Preisen produzieren und angeblich sogar die Welt ernähren", so der junge Landwirt. Der Schutz von Umwelt und Tierwohl sei dabei viel zu oft unter die Räder gekommen, gleichzeitig habe man Zehntausende bäuerliche Betriebe verloren, auch hier in Sachsen. "Wir müssen raus aus dieser fatalen Sackgasse", fordert Risse.

Nach der Demo in Leipzig wollen sich die AbL-Landwirte auf den Weg nach Berlin machen, wo sie seit Jahren traditionell am Rande der "Grünen Woche", der alljährlichen Leistungsschau der Branche, auf ihre Anliegen hinweisen wollen. In diesem Jahr demonstrieren sie am Sonnabend gemeinsam mit Umwelt-, Tier- und Verbraucherschützern.

Proteste der Landwirte auch in Stollberg

Parallel zur großen Protestaktion in Dresden wollen am Freitag auch in Stollberg Bauern gegen die Agrar- und Umweltpolitik auf die Straße gehen. Laut der Organisatoren ist ein Traktoren-Konvoi im Schleichtempo durch die Stadt geplant.

Quelle: MDR/lam

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 16.01.2020 | 18:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus Dresden

Zuletzt aktualisiert: 16. Januar 2020, 18:32 Uhr

9 Kommentare

Anita L. vor 17 Stunden

Das ist angesichts der Tatsache, dass Herr Günther höchstwahrscheinlich auf der Grünen Woche und damit näher an sächsischen Bauern sein wird, eine selten sinnlose Unterstellung. Zumal nicht nur in Sachsen heute Trecker die Straßen blockieren, sondern eben auch in Berlin.

Anita L. vor 18 Stunden

Sicher sollte der Landwirtschaftsminister zur Eröffnung der Grünen Woche vor Ort weilen, immerhin geht es dort auch um die Vermarktung sächsischer Produkte. Sachsens Bauern und landwirtschaftliche Betriebe präsentieren sich dort vor internationalem Publikum, vor potentiellen Kunden und Geschäftspartnern. Und wenn Sie den Text gelesen haben, wissen Sie, dass auch dort die Möglichkeit ergriffen werden wird, mit Verantwortlichen wie Herrn Günther über agrarpolitische Themen zu sprechen. Vielleicht sollte man aber eher fragten: In Berlin ist die Grüne Woche, eine der größten Agrarmessen - warum sind die sächsischen Bauern nicht dort? Na, die halten mit ihren Traktoren den Berufsverkehr in Dresden auf...

Armin C. vor 22 Stunden

Klar, bei der Eröffnung muss er unbedingt dabei sein,
und schön in die Kameras grinsen, und noch tolle Interviews geben
(sicher auch für MDR-Sachsenspiegel)
-
Nicht dass es noch heißt:
Die Grüne Woche wird eröffnet,
wo ist denn unser sächsischer Landwirtschaftsminister??

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